Empirische Beispiele: das Urteilen in einer menschlichen Gemeinschaft

Autor/innen

  • Samantha Fazekas

DOI:

https://doi.org/10.57773/hanet.v14i2.629

Abstract

Dieser Beitrag stützt Hannah Arendts Behauptung, dass die Bildung von Geschmacksurteilen nur in einer menschlichen Gemeinschaft möglich ist. Ausgehend davon wird die Überzeugung, dass Arendt die Kantische Auffassung des Gemeinsinns als weltliches Phänomen missdeutet, bestritten. Viele Forscher:innen sind sich einig, dass Arendt Kants Auffassung des Gemeinsinns missdeutet, indem sie behauptet, dass die Bildung von Geschmacksurteilen von den Perspektiven konkreter Personen abhängig ist (Beiner (1992; 2001), Degryse (2011), Loidolt (2018), Norris (1996), und Yar (2000)). Im Gegensatz dazu wird argumentiert, dass die Bildung von Geschmacksurteilen tatsächlich von der Präsenz der anderen geprägt ist. Ausgegangen wird dazu von DeCarolis Lesart der reflektierenden Urteilskraft. Es wird gezeigt, dass Kant selbst die a priori-Geltung des Gemeinsinns unterminiert, welche seinen Bezug auf empirische Beispiele zugrunde liegt. Und zwar insinuiert Kant, dass empirische Beispiele von gutem Geschmack als Vorbilder zur Erfüllung der Allgemeingültigkeit ästhetischer Urteile dienen. Dabei legt Kant anscheinend selbst die Möglichkeit frei, die Perspektiven konkreter Personen bei der Urteilsbildung miteinzubeziehen. Das bedeutet, dass Arendts Interpretation des Gemeinsinns doch nicht weit von der Kantischen Auffassung abweicht. Jedoch übersieht DeCaroli, dass empirische Beispiele für Arendt dieselbe Funktion bei der Bildung politischer Urteile besitzen. Daher ist das Ziel dieses Beitrags, DeCarolis Lesart der reflektierenden Urteilskraft weiterzuentwickeln. Dementsprechend wird geschildert, dass analog zu Kants empirischen Beispielen, aktualisierte politische Prinzipien als weltliche Beispiele gelten, welche wiederum Vorbilder zur Herleitung der Allgemeingültigkeit politischer Urteile abgeben. Diese Lesart lässt sich durch Arendts Bezug auf die amerikanischen Revolutionär:innen begründen: Arendts Erachtens stützten sie sich auf historische Beispiele, um die politische Freiheit zu realisieren. Durch diese Analyse wird deutlich, dass das Urteilen den Abgrund der Freiheit, der von dem Wollen hervorgebracht wird, überbrückt. Dies führt mich zu dem Schluss, dass Kants reflektierende Urteilskraft das Potenzial hat, Arendts Konzeption des Lebens des Geistes mit der des tätigen Lebens zu vereinen. Somit bietet die vorgestellte Lesart von Arendts Interpretation von Kants Verwendung empirischer Beispiele einen möglichen Weg an, das Wollen und das Urteilen mit der politischen Beteiligung zu vereinen.

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Veröffentlicht

2025-12-31

Zitationsvorschlag

Empirische Beispiele: das Urteilen in einer menschlichen Gemeinschaft. (2025). HannahArendt.Net, 14(2), 7-27. https://doi.org/10.57773/hanet.v14i2.629