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Bd. 9, Nr. 1 (2018)

 

Pluralität / Plurality

Call for Papers

Hannah Arendt schrieb ihr erstes großes Buch unter dem Eindruck, dass mit dem Totalitarismus und dem Zweiten Weltkrieg eine geschichtliche Tradition an ihr Ende gekommen war. Die Kontinuität der abendländischen Geschichte, so befand sie, sei „wirklich durchbrochen“, der Traditionsbruch „eine vollendete Tatsache“. 1975 in ihrer Rede zur Zweihundert-Jahr-Feier der amerikanischen Revolution sprach sie mit Blick auf den Vietnamkrieg und die Watergate-Affäre von der Gefahr, dass „wir an einem jener entscheidenden Wendepunkte der Geschichte stehen, welcher ganze Epochen voneinander trennt“.

Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse der letzten Jahre – den Kriegen im Nahen Osten, der Bedrohung der Menschenrechte, dem Anstieg populistischer und nationalistischer Bewegungen und der drohenden Auflösung der Europäische Union – zieht sich durch viele aktuelle Diskussionen und Kommentare die Befürchtung, dass wiederum etwas an ein Ende gekommen ist: die Nachkriegsordnung,  wie sie insbesondere in den Verträgen zur europäischen Union und der Verankerung der Menschenrechte in den internationalen Beziehungen zum Ausdruck kommt.

In ihrer politischen Theorie hat Arendt eine spezifische Antwort auf die selbst erfahrenen Brüche versucht. Sie gelangte zu der Einsicht, dass in der Tradition abendländischen politischen Denkens seit Plato die Tatsache der Pluralität des Menschseins „nebenher“ behandelt worden sei. Pluralität wurde für sie zum Schlüsselbegriff – in den Worten Margaret Canovans (Hannah Arendt: A Reinterpretation, 1992, S. 281): „In the course of her own response to the experiences of her time, Arendt augmented the world by one word: the word plurality.“ Oder, Arendt selbst aus dem nachgelassenen The Life of the Mind zitierend, „Plurality is the law of the earth“.

Mit unserer nächsten Nummer wollen wir an diese theoretische Leistung Arendts erinnern und sie in die aktuellen Diskussionen einbringen und in ihren vielfältigen Dimensionen neu befragen, indem wir Beiträge zu folgenden Themenbereichen anregen:

̶         Totalitarismus - Populismus.

Die gegenwärtigen populistischen Bewegungen führen vor, wie schwierig es ist, eine durch Ängste und Ressentiments eingeschworene Gemeinschaft für eine Diskussion alternativer Meinungen zu öffnen. Hannah Arendt hat in ihrem Totalitarismusbuch am Beispiel totalitärer Bewegungen eindrücklich gezeigt, wie der Mechanismus von Vereinheitlichung nach innen und Abschottung nach außen funktioniert. In den gegenwärtigen Diskussionen materialisiert sich diese Erkenntnis, wobei die Meinungen zu der Frage, ob die populistischen Bewegungen im Arendtschen Sinne als totalitär einzustufen sind, durchaus kontrovers sind. Ähnlich vielfältig sind die Auffassungen, ob die Demokratie als Institution der Gleichheit der Verschiedenen als kritischer Gegenpol zur fundamentalistischen Homogenisierung gelten kann. Hier ist mit Arendt zu betonen, dass die „westlichen“ Gesellschaften nicht in einer reinen Demokratie leben, sondern in einer Republik mit starken demokratischen Elementen, den demokratischen Wahlen und der Möglichkeit zu Volksentscheiden. Erst in dieser politischen Konstellation von Republik-Demokratie kann nach Arendt Pluralität garantiert werden.

Ohne Pluralität bildet sich kein politischer Raum und keine gemeinsame Welt zwischen den Menschen, aber Pluralität lässt sich nicht eins zu eins in politisches Recht umsetzen. Wie HA in ihren Schriften bereits analysiert hat, bleibt Pluralität auch in Demokratien bedroht durch gesellschaftliche Ungleichheit, Bürokratismus, durch die Lüge im öffentlichen Raum und  - wie der französische Soziologe Didier Eribon in seinem 2016 erschienenen Buch „Rückkehr nach Reims“ beschrieb -, durch die Vertreibung unterer Schichten aus dem politischen Diskurs.   Die soziale Frage ist auch bei Arendt ein strittiger Punkt. Eine genauere Aufarbeitung der genannten Themenbereiche sowie der von Arendt häufig kritisch reflektieren Situation der „Randständigen“ und Flüchtlinge wäre daher wünschenswert. 

-        Weltbürger, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit

Der Kosmopolitismus der Menschenrechte schien nach dem Ende des Kalten Krieges und nach der Einrichtung eines internationalen Gerichtshofs in Den Haag eine reale Chance zu sein,  die Basis für die internationale Anerkennung der Menschenrechte zu erweitern und zu sichern. Arendts Forderung nach einem international abgesicherten Recht, Rechte zu haben, wurde weltweit als inspirierende politische Anregung aufgenommen.  Doch wie kommt es, dass in der Frage der Menschenrechte die große Politik zunehmend als machtlos erscheint und nur die Zivilgesellschaft sich als handlungsfähig erweist? Ist das politische Prinzip der „checks and balances“ in seinen heutigen Formen nicht differenziert genug, um Handlungsfähigkeit der verschiedenen Ebenen der großen Politik zu garantieren? Kann der Begriff Pluralität helfen, dieses Prinzip kritisch zu hinterfragen und  zu „reformieren“?

-       Mythos Geschichte

In den Essays, die Arendt 1953-54 schrieb und die als grundlegende Selbstverständigung über zentrale Begriffe des politischen Denkens zu verstehen sind, hat sie sich auch mit dem neuzeitlichen Geschichtsbegriff auseinandergesetzt: „Der gemeinsame Nenner des modernen Natur- und Geschichtsbegriffs ist der Prozess“, dessen Allgemeingültigkeit jedes Ereignis und Handeln unterworfen ist und diese zu bloßen Funktionen degradiert. Dieses Prozessdenken, das  „alles und alle zu Exponenten erniedrigt“ und das sich „ein Monopol“ auf  Sinn, Bedeutung und Wahrheit aneignet, spielt in allen nationalistischen, populistischen und totalitären Massenbewegungen, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen, eine maßgebende Rolle. Es tritt an die Stelle des gemeinsamen politischen Handelns der Vielen. Individuelles Verantwortungs- und Urteilsvermögen wird ersetzt durch Administration, durch die Unterwerfung  unter die Stimmigkeit des Geschichtsprozesses, der vollstreckt werden soll. So abstrus und willkürlich die Geschichtskonstruktionen auch sind, ihre Wirkung bleibt davon unberührt. Ein aktuelles Beispiel sind die von Stephen Bannon aufgestellten Geschichtskonstruktionen, auf die Norbert Frei in einem Artikel in der SZ vom 4./5. März 2017 hingewiesen hat.

Arendts Darstellung und Kritik bezieht sich insbesondere auf die zerstörerischen Auswirkungen derartiger Geschichtsmythen auf alles, was die Konstituierung politischen Handelns ermöglichen kann: die subjektive Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und zu handeln, und die Nähe und Distanz im Anderen zu erkennen und anzuerkennen. Die Zerstörung von Wirklichkeit durch Lügen und „fake news“ könnte in diesem Zusammenhang ebenso thematisiert werden wie die Bedrohung des öffentlichen Diskurses und des für Arendt so entscheidenden Zusammenspiels von Meinungen und Tatsachenwahrheit.

Hierher gehört auch die grundlegende Bedrohung durch die Erosion von Wirklichkeits- und Wahrheitsauffassungen im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung. Angesichts dieser in den letzten Jahrzehnten immer manifester werdenden Gefahren, halten wir es für sinnvoll, die politischen Schriften von HA. über Lüge, Macht und Gewalt erneut zu diskutieren und  nach ihrer Bedeutung für die Gegenwart zu befragen.

Darüber hinaus sind Beiträge willkommen, die Arendts Vorstellungen zur Pluralität im einzelnen herausarbeiten und kritisch untersuchen:

̶           Zum Beispiel das, was sie unter „repräsentativem Denken“ versteht. Das repräsentative Denken oder die erweiterte Denkungsart ist ein Konzept, zu dem sich Arendt in ihren veröffentlichten Werken nur vereinzelt geäußert hat. Erst im Denktagebuch und in den Kant-Texten des Nachlasses wird die Frage des re-präsentativen Denkens ausführlicher erörtert. Obwohl Arendt schon sehr früh, d.h. in dem Text „Understanding and Politics“ (1953), am Beispiel von Kants Einbildungskraft das erweiterte Denken anspricht, hat sie ein ganzes Leben gebraucht, bis sie sich wieder diesem Thema zuwandte. Es sollte Gegenstand des dritten Bandes von The Life of the Mind sein.

̶         Oder ihre Gedanken zu Sokrates als dem Vertreter einer verlorengegangenen (verborgenen?) Tradition. Seit der frühen Vorlesung über „Philosophy and Politics“ (Notre Dame, 1954) bis zum späten Werk The Life of the Mind hat sich Arendt mit Sokrates befasst und sein Denken und Leben als Ursprung einer Traditionslinie politischen Denkens bestimmt, bei der die Pluralität im Vordergrund steht.

Die Nummer soll im Frühjahr 2018 erscheinen, die Manuskripte sind bis spätestens 1.10.2017 einzureichen. Einzelheiten zur Beitragseinreichung bitten wir, unserer Webssite (-> „Über uns“) zu entnehmen.

 
Veröffentlicht: 2017-04-22
 

Conference 29 April 2017

 

An ICI Berlin event, organized by Benjamin Lewis Robinson, in collaboration with Bard College Berlin and the Hannah Arendt Center at Bard College in New York more

 
Veröffentlicht: 2017-04-03
 

El País

 

La banalidad del mal y la terrorífica
normalidad de los nazis

Hannah Arendt nos recuerda los peligros de la irreflexión

Por Jaime Rubio Hancock

El Lobo es el apodo de Michael Karkoc, un criminal nazi responsable de la muerte de al menos 44 hombres, mujeres y niños en 1944. También es un anciano de 98 años que sigue trabajando en su jardín de Minneápolis, donde vive desde que huyó de Ucrania al final de la Segunda Guerra Mundial más

 

 

 
Veröffentlicht: 2017-03-24
 

Neuerscheinung

 
Artefacts of Thinking: Reading Hannah Arendt’s Denktagebuch, hrsg. von Roger Berkowitz und Ian Storey, New York: Fordham University Press, 2017. 186 S., Paper $ 32.00, Cloth 110.00, simultaneous electronic ed. available.  
Veröffentlicht: 2017-03-21
 
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