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Ausgabe 2, Band 14 – Dezember 2025
Hannah Arendt: Von der Mortalität zur Gebürtlichkeit oder Über die Fähigkeit, neu zu beginnen
Lothar Probst
Prof. em. Dr., Universität Bremen, Institut für Politikwissenschaft, Mitglied des Hannah Arendt-Vereins für politisches Denken e.V.
Anlässlich des Todes eines alten Bekannten habe ich den folgenden Text für ihn geschrieben.
Die abendländisch-christliche Tradition und Religion, aber auch viele andere Kulturen und Religionen beschäftigen sich meistens mit dem Tod. Mit dem Tod endet zwar das irdische Leben, aber nur – so die Verheißung verschiedener Religionen – um dann entweder ins Paradies, in die Hölle oder als Wiedergeborene erneut auf die Erde zu kommen. Die abendländisch-christliche Religion hält dabei die tröstliche Sicherheit bereit, dass durch den Tod von Jesus, den Gott als seinen Sohn zu uns auf Erden geschickt hat, uns unsere Sünden vergeben werden und wir nach dem Tod unseren Seelenfrieden im Reich Gottes finden – gewissermaßen die transzendentale Unsterblichkeit. Nietzsche räumte mit seinem Diktum, „Gott ist tot, wir haben ihn getötet!“ mit diesem Versprechen auf. Auf seinen religionskritischen Spuren wandelten auch Martin Heidegger und Ernst Bloch. Heidegger war der Überzeugung, dass nur eine Preisgabe unserer Vor-Stellungen von Gott und ein neues Denken uns „vielleicht näher zum göttlichen Gott“ hinführen könnte, und Bloch schrieb: „Die Wahrheit des Gottesideals ist einzig die Utopie des Reichs, zu dieser ist gerade die Voraussetzung, dass kein Gott in der Höhe bleibt, indem ohnehin keiner dort ist oder jemals war“ (Gesamtausgabe 1959, Bd. V, S. 1524). Überhaupt haben die Philosophen der abendländischen Tradition seit der Antike einen Gefallen an der Beschäftigung mit dem Tod gefunden. Wahrscheinlich hat sogar das Faktum der Sterblichkeit erst dazu geführt, dass die Philosophie sowie die Religion entstanden sind.
Eine der wenigen politischen Denkerinnen der Moderne, die mit der metaphysischen Tradition der Philosophie gebrochen haben, war Hannah Arendt. Im Ausgang von Heidegger und als Gegenentwurf zu ihm, vollzieht Arendt einen Paradigmenwechsel von der auf den Tod fixierten abendländischen Philosophie zur „Natalität“. Ihr philosophisches und politisches Interesse galt dem Anfang, nicht dem Ende, der Geburtlichkeit, nicht dem Tod. Rainer Maria Rilke, der die Kritik Nietzsches an der Jenseitsorientierung des Christentums teilte, schrieb einmal: „Jeder schafft die Welt neu mit seiner Geburt; denn jeder ist die Welt“ (aus Briefe an einen jungen Dichter 1903-1905). Hannah Arendts politisches Denken greift diesen Gedanken auf, wenn sie einen Vers des römischen Dichters Vergil über die „große Folge der Zeiten“ zitiert und diesen folgendermaßen interpretiert: „Das entscheidende an Vergils Vers (ist) die Tatsache, dass er … die Geburt als solche preist, die Ankunft einer neuen Generation, das große rettende Ereignis oder ‚Wunder‘, das die Menschen ein ums andere Mal erlösen wird. Mit anderen Worten: Hier wird die Göttlichkeit der Geburt beschworen und die Überzeugung, wonach die potenzielle Rettung der Welt allein darin begründet liegt, dass sich die menschliche Gattung immer wieder und für immer erneuert“ (in Hannah Arendt - Hermann Broch, Briefwechsel 2024, 1946-1951). Dass Arendt, die Jüdin, auch in der christlichen Tradition zuhause war, zeigt ihr Ausspruch: „Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien ‚die frohe Botschaft‘ verkünden: ‚Uns ist ein Kind geboren‘“ (Denktagebuch, 2002 Bd. 1, 1950 – 1973, S. 208).
Arendt, die über den Liebesbegriff bei Augustinus promoviert hatte, war offensichtlich von dessen Aussage „Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen“ beeinflusst. Aber sie interpretiert auch diese Aussage auf eine kreative Art und Weise: „[Des Menschen] Erschaffung ist nicht der Beginn von etwas, das, ist es erst einmal erschaffen, in seinem Wesen da ist, sich entwickelt, andauert oder auch vergeht, sondern das Anfangen eines Wesens, das selbst im Besitz der Fähigkeit ist, anzufangen: es ist der Anfang des Anfangs oder des Anfangens selbst. Mit der Erschaffung des Menschen erschien das Prinzip des Anfangs, das bei der Schöpfung der Welt noch gleichsam in der Hand Gottes und damit außerhalb der Welt verblieb, in der Welt selbst“ (Über die Revolution, 1963, S. 272). In Arendts Konzeption von Politik beinhaltet die Geburt eines jeden Menschen insofern einen möglichen Neuanfang, und sie verbindet das Anfang-Können mit ihrer Vorstellung vom aktiven Leben: „Insofern uns die Fähigkeit zum Handeln und Sprechen – und Sprechen ist nichts weiter als eine andere Form des Handelns – zu politischen Wesen macht und da Agieren seit jeher bedeutet, etwas in Bewegung zu setzen, das zuvor nicht da war, ist Geburt, menschliche Gebürtlichkeit als Entsprechung zur Sterblichkeit des Menschen, die ontologische conditio sine qua non aller Politik“ (Vita Activa Neuauflage 1981, S.165).
Darin besteht für Arendt die politische Quintessenz des häufig zitierten Diktums von Hermann Hesse, dass jedem Anfang ein Zauber innewohne. Arendt hat an unterschiedlichen Stellen ihres Nachlasses den Gedanken des Neuanfangs aufgegriffen und dabei der Determiniertheit des Politischen widersprochen, z.B. indem sie schreibt: „Die Tatsache, dass der Mensch zum Handeln im Sinne des Neuanfangens begabt ist, kann daher nur heißen, dass er sich aller Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht, dass in diesem Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, und dass das, was ‚rational‘, d.h. im Sinne des Berechenbaren, schlechterdings nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf. Und diese Begabung für das schlechthin Unvorhersehbare wiederum beruht ausschließlich auf der Einzigartigkeit, durch die jeder von jedem, der war, ist oder sein wird, geschieden ist, wobei aber diese Einzigartigkeit nicht so sehr ein Tatbestand bestimmter Qualitäten ist oder der einzigartigen Zusammensetzung bereits bekannter Qualitäten in einem ‚Individuum‘ entspricht, sondern vielmehr auf dem alles menschliche Zusammensein begründenden Faktum der Natalität beruht, der Gebürtlichkeit, kraft derer jeder Mensch einmal als ein einzigartig Neues in der Welt erschienen ist“ (ebd., S. 167)
Hannah Arendt wird in aktuellen politischen Diskussionen oft als idealistisch und altmodisch abgetan, so, als ob ihr politisches Denken uns heute nichts mehr zu sagen hätte. Das Gegenteil ist der Fall: Arendt ist aktueller denn je. Ihre Überlegungen zur Gebürtlichkeit, zur Fähigkeit jedes Menschen, einen neuen Anfang zu setzen, enthält mehr tröstliche Botschaften als die Heilsversprechen von Religionen. Arendt hat in ihrem Buch „Macht und Gewalt“ auf die Gefahren einer rein technischen Entwicklung und naiven Fortschrittsgläubigkeit am Bespiel der atomaren Bewaffnung der Supermächte hingewiesen. Sie hatte sogar schon eine Ahnung von der Bedrohung der Menschheit durch die von den Menschen selbst verschuldete Klimakrise, die den Planeten und die auf diesem Planeten lebende Menschheit bedroht, wenn wir nicht handeln. Sie schrieb: „Die Bedingungen, unter denen wir uns heute im politischen Feld bewegen, stehen unter der Bedrohung verwüstender Sandstürme. (...) Ihre Gefahr ist, dass sie die uns bekannte Welt, die überall an ein Ende geraten scheint, zu verwüsten droht, bevor wir Zeit gehabt haben, aus diesem Ende einen neuen Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja, der das eigentliche Versprechen des Endes an uns ist" (Ideologie und Terror, 1953, S. 24). Die Hoffnung, die wir dennoch haben dürfen, beruht auf der Tatsache, dass durch die Natalität, durch die Geburt neuer Menschen und die Ankunft neuer Generationen die Möglichkeit von Neuanfängen besteht, um das große rettende Ereignis oder ‚Wunder‘ auch in dieser Hinsicht noch zu vollbringen.
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