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Ausgabe 2, Band 14 – Dezember 2025

Contemplating the Active Life: Hannah Arendt

Konferenzbericht, Goethe-Institut/Max Müller Bhavan, New Delhi, 5.-7. Dezember 2025

Von den zahlreichen weltweiten Konferenzen anlässlich des 50. Todestags von Hannah Arendt dürfte die Tagung, die vom 5. bis zum 7. Dezember 2025 im Goethe-Institut (Max Müller Bhavan) in Neu-Delhi stattfand, eine der speziellsten gewesen sein.

Zuallererst wegen des Ortes: In Indien sind gesellschaftliche Transformationen mit totalitärem Charakter längst deutlich und alltäglich spürbar. Seit die Bharatya Janata Party (BJP) im Jahr 2014 an die Macht kam, setzt der amtierende Premierminister die Ideologie des Hindu-Nationalismus, in Kombination mit einem Raubkapitalismus, systematisch durch. Der Hindu-Nationalismus proklamiert die Vorherrschaft der hinduistischen Identität (Hindutva), Religion und Kultur – inklusive des nach der Unabhängigkeit Indiens von der Kolonialmacht Großbritannien im Jahr 1947 formal abgeschafften diskriminierenden Kastensystems – gegenüber allen anderen Religionen, insbesondere dem Islam, und gegenüber allen anderen Kulturen und Sprachen. Dies geschieht in einem multikonfessionellen Land, in dem neben der Kolonialsprache Englisch und der weiteren Amtssprache Hindi mehr als 20 offiziell anerkannte und mehr als tausend mündlich tradierte lokale Sprachen existieren.

In Delhi kann der Raubkapitalismus, der den Hindu-Nationalismus befeuert und sich auf diesen stützt, buchstäblich geatmet werden. Die Umwelt- und Luftverschmutzung zerstört die materiellen Grundlagen des menschlichen und weltlichen Lebens. Dies trifft Menschen je nach sozialer Position unterschiedlich hart, wurde aber von allen Teilnehmenden an der Konferenz als unerträglich empfunden und thematisiert.

Ähnlich verhält es sich mit dem Hindu-Nationalismus. Besonders betroffen sind undokumentierte Menschen, Migrant*innen und Geflüchtete aus den Nachbarländern Afghanistan, Pakistan, Bangladesch und Myanmar. Ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz, der Constitutional Amendment Act (CAA), wurde 2019 unter dem Credo des Kampfes gegen die „irreguläre Migration“ eingeführt. Es schließt Muslim*innen, die aus den genannten Nachbarländern nach Indien geflohen sind, aus der Liste der verfolgten Minderheiten, die eine indische Staatsbürgerschaft erwerben können, gänzlich aus. Sie werden entweder direkt nach Bangladesch oder Myanmar abgeschoben – oft ohne Gerichtsverhandlung und ohne Anerkennung dieser Länder – oder aber in an Gefängnissen angeschlossenen detention centres festgehalten und als „doubtful voters“ eingestuft. Allein im nordöstlichen indischen Staat Assam werden 1,9 Millionen „doubtful voters” festgehalten.

Die massiven Protestbewegungen, die sich 2019 gegen diese Normalisierung von Staatenlosigkeit und rassistischer Gewalt erhoben, wurden brutal niedergeschlagen. Dabei gab es viele Tote und Verhaftungen, darunter von Schriftsteller*innen und Journalist*innen. Seitdem sind Demonstrationen in der Hauptstadt Delhi nicht mehr erlaubt. Es herrscht ein de facto Verbot des politischen Handelns. Auch an den Universitäten ist der ideologische Backlash längst angekommen. Posten werden gewechselt und nach ideologischen Kriterien besetzt. Wie einige Konferenzteilnehmende berichteten, finden sich unter den Studierenden immer mehr solche, die ihre Dozierenden denunzieren. Auch aus diesem Grund baten die Organisatoren die Teilnehmenden, ihre Handys außerhalb des Konferenzraums zu lassen. So sollte ein sicherer Raum des freien Denkens ermöglicht und das Risiko einer unerwünschten Verbreitung von Video- und Tonaufnahmen in den sozialen Medien minimiert werden.

Diese Konferenz war zudem speziell wegen ihres Charakters. Der Kurator, Intellektueller und Künstler, Teil des Raqs Media Collective Shuddhabrata Sengupta, zusammen mit der Programm Direktorin Hannah Jung und der Kulturmanagerin Kanika Kuthiala vom Goethe-Institut schufen ein Setting aus verschiedenen Formaten: Konversationen, Vorträge, Aufführungen Arendts Gedichte auf Deutsch und Englisch, Kunst-Performances und Spaziergänge. Anhand von und mit Hannah Arendt – als sei sie eine Teilnehmende unter anderen – wurde über Gerechtigkeit und Liebe, über Transnationalität, Freiheit, Widerstand und Solidarität angesichts der drakonischen autoritären Zeiten diskutiert, die in Indien besonders sichtbar sind, aber weltweit im Trend liegen.

Zu Beginn der Konferenz rief Sengupta dazu auf, in diesen Tagen eine kosmische Vorstellungskraft (planetary imagination) zu entfesseln. Nur so lasse sich die schwierige Aufgabe meistern, in totalitären Situationen die Welt zu lieben und die Pluralität zu verteidigen. Im ersten Panel stand das Thema Gerechtigkeit im Fokus. Die Dramaturgin Zuleikha Chaudhari moderierte die Diskussion zwischen der Anwältin des Obersten Gerichtshofs und Menschenrechtsanwältin Vrinda Grover, der Rechtswissenschaftlerin Usha Ramanathan und der Direktorin der Rechtsklinik an der Nalsar-Universität, Maitrey Misra, über die Grenzen zwischen Recht, Gerechtigkeit und Ethik. Anhand von Beispielen zivilen Ungehorsams aus der indischen Geschichte – von Gandhis Unabhängigkeitskampf bis zu den Bauernprotesten im Jahr 2020 – wurde erörtert, wie Rechtsstaatlichkeit sowohl zur Legitimation von Herrschaft und dem politischen und gesellschaftlichen Ausschluss bzw. der Ausbeutung marginalisierter Gruppen als auch zur Einschränkung illegitimer staatlicher Gewalt und schließlich auch als alltägliche Beziehungsform und Möglichkeit, gleiche Freiheit zu stiften, genutzt wird. Hannah Arendts Überlegungen zu zivilem Ungehorsam, zum Eichmann-Prozess und zu totalitären vs. rechtsstaatlichen Regierungsformen flankierten und akzentuierten die Konversation.

Im zweiten Panel setzten sich die Schriftstellerin Arundhati Ghosh, die Filmemacherin Paromita Vohra und Madhavi Menon, Professorin für englische Literatur an der Ashoka University, mit dem Thema Liebe auseinander. Ausgangspunkt waren Arendts Reflexionen über die Liebe als private, antipolitische Gelegenheit einerseits und über die Liebe zur Welt als eine eminent politische Kraft andererseits. Dies gab Anlass, über Polyamorie und die disruptive, rebellische und revolutionäre Macht des Begehrens jenseits der sentimentalen, gesellschaftlich normierten und heteronormativen Liebesbeziehung nachzudenken.

Dem Panel folgte ein Vortrag der Verfasserin dieses Berichts über Transnationalität als Standpunkt, Reflexionsfeld und Praxis im Denken Hannah Arendts, kommentiert und erweitert von der politischen Theoretikerin Pritika Nehra aus dem Indian Institut of Science Education and Research (IISER) in Mohali. Beleuchtet wurde Arendts Perspektive der Grenze, aus der eine grundlegende Kritik am Konstrukt des Nationalstaates und am Nationalismus möglich wurde und die in eine Praxis des Übersetzens zwischen Sprachen sowie zwischen kulturellen Traditionen und verschiedenen Standpunkten mündete. Im Vortrag und der anschließenden Diskussion wurde die Aktualität Arendts angesichts weltweiter autoritärer Entwicklungen und im spezifischen indischen Kontext erörtert.

Der Abschluss des ersten langen Tages der Konferenz wurde Eichmann in Jerusalem gewidmet. Zunächst fand eine Konversation des Publikums, moderiert von Shuddhabrata Sengupta, mit Aysha Abraham statt, der Tochter des Illustrators Abu Abraham. Dieser porträtierte 1961 den Eichmann-Prozess und sechs Jahre später palästinensische Kinder in einem Flüchtlingscamp nach dem Sieben-Tage-Krieg. Anschließend folgte eine eindrucksvolle Performance des Theaterkollektivs Tadpole Repertory aus Neu-Delhi. Die Gruppe rekonstruierte den Eichmann-Fall anhand von Arendts und teilweise eigenen Recherchen und präsentierte eine dramaturgische Lektüre, die durch Gesang und Musik begleitet wurde.

Am zweiten Konferenztag begann das Programm mit einem Panel zum Thema Freiheit. Die politische Theoretikerin Nivedita Menon aus der JNU University in Delhi, die Schriftstellerin Kavita Krishnan und der Kulturwissenschaftler Brahma Prakash diskutierten mit der Journalistin Seema Chishti über Arendt im Dialog mit Foucault, Fanon und Bhimrao Ambedkar, dem Initiator der buddhistischen Dalit-Bewegung der 1970er Jahre. Durch diesen Dialog konnte Arendts Idee der relationalen, kollektiven Freiheit für Politik – im Gegensatz zur individuellen, liberalen Freiheit von der Politik – auch als soziale Freiheit, als Emanzipation von Unterdrückung und sozialer Ungleichheit, kontrastiert bzw. weitergedacht werden.

Ausgehend von verschiedenen Kunstperformances, die sich dem revolutionären Denken von Arendt und anderen, darunter Rosa Luxemburg, widmeten, erforschte Shuddhabrata Sengupta in seinem hinreißenden Vortrag die Frage, was es in Zeiten der multiplen Einschränkung bis hin zur Zerstörung des öffentlichen Raums bedeutet, unbedingt menschlich zu sein.

Eine von Pryesh Gothwal geleitete und moderierte Gruppe von Künstler*innen, die sich monatelang mit Arendts Texten und insbesondere mit ihrer Beziehung zur Sprache – der deutschen Muttersprache und der bürokratischen Sprache – beschäftigt hatte, stellte die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung auf langen Tafeln vor. Zu sehen waren Fotos, Collagen, Objekte und Videos, die den alltäglichen Umgang mit Sprachen und mit der Bürokratie in Indien dokumentieren.

Im Anschluss fand die letzte Konversation der Tagung zum Thema Solidarität aus der Perspektive verschiedener „bewussten Pariahs“ statt. Die Diskussion wurde von der Professorin für englische Literatur und Migrationsforscherin Samata Biswas von der Sanskrit University Kolkata moderiert. Die Aktivistin und Autorin Farah Naqvi stellte die Perspektive muslimischer Frauen dar. Der Aktivist Rahul Sonpimple berichtete von den Forderungen nach gleicher Freiheit und Anerkennung der Anti-Kasten Dalit-Bewegung. Natasha Narwal, Wissenschaftlerin und Aktivistin, die 2019 im Zuge der Proteste gegen das CAA verhaftet wurde, teilte ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung, aber auch die Kraft der Solidarität im Gefängnis.

Zum Ausklang des Tages erfolgte eine weitere Theatertanz-Performance über die Situation der nach den Protesten von 2019 inhaftierten Menschen, von denen einige auch nach sechs Jahren Gefängnis immer noch auf die Eröffnung ihrer Prozessverhandlung warten. Die rührende und ermächtigende Performance „Firefly Women” von Manjari Kaul und Deepika Chauhan basiert auf den Gefängnisbriefen der Inhaftierten – darunter der anwesenden Natasha Narwal –, die vorgelesen und inszeniert wurden.

Am darauffolgenden Tag endete die Konferenz mit einem Spaziergang zu zentralen Orten der feministischen Bewegungen gegen Gewalt an Frauen und Femizide (die sogenannte Anti-Mitgift-Bewegung) der 1980er und 1990er Jahre in Delhi. Die Verlegerin, Autorin und feministische Aktivistin Urvashi Butalia führte die Gruppe durch diese vergleichsweise junge Geschichte, die angesichts der aktuellen Aufhebung des Rechts auf Versammlung und Demonstration weit weg erscheint.

Diese außerordentliche Konferenz wird demnächst durch verschiedene Goethe-Institute weltweit wandern. Die nächste Etappe wird Athen sein (12.–14. Dezember 2025). Andere ähnliche Arendt-Konferenzen sind in Planung. Dies ist eine erfreuliche Nachricht. Denn von solchen New-Delhi-Tagen in Memoriam Hannah Arendts, an denen sich ein akademisches und nicht akademisches Publikum versammelte, das nicht unbedingt aus Arendt-Expert:innen bestand, sondern aus Menschen mit unterschiedlichen Expertisen im politischen Handeln, die ganz im Arendtschen Sinne für Pluralität und Freiheit an verschiedenen Fronten kämpfen, kann die Welt angesichts unserer multiplen Krisen nicht genug haben.

Stefania Maffeis


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