header image




Ausgabe 2, Band 14 – Dezember 2025

Editorial

Diese Ausgabe versammelt Aufsätze zum Gemeinsinn und zur reflektierenden Urteilskraft bei Immanuel Kant und Hannah Arendt. Sie knüpft an die im Dezember 2024 an der Universität Freiburg abgehaltene Tagung „Individueller Universalismus? Sensus communis und reflektierendes Urteilen bei Kant und Arendt“ an und führt deren zentrale Fragestellungen in verschiedenen Perspektiven weiter. In der für unsere Zeit kennzeichnenden gesellschaftlichen Spaltung ist es, mit Hannah Arendt gesprochen, entscheidend, sich mit individueller Urteilsfähigkeit einzubringen und die Spielräume für geteilte Perspektiven in politischen Aushandlungsprozessen auszuloten. Die Herausforderung des politischen Denkens besteht darin, „seine Einbildungskraft im Wandern zu üben“, also verschiedene Ansichten intersubjektiv zu verknüpfen und so gemeinsam (mit-)geteilte Perspektiven auf menschliches Handeln und politische Ereignisse verbindlich zu machen, ohne die Möglichkeit individueller Beurteilung zu untergraben. Eine von menschlicher Partikularität ausgehende politische Theorie kann die allgemeine Geltung von Normen unter diesen Bedingungen nur aus kritischer Auseinandersetzung gewinnen, die verschiedene Standpunkte integriert. Ein solches Integrationsprinzip lässt sich nicht von einem neutralen, der Welt ausgelagerten Punkt her begründen und mit Autorität ausstatten.

Die Möglichkeit einer individuell begründeten und dennoch universell gültigen Freiheit entwickelt Arendt aus Kants Konzept des sensus communis, des Gemeinsinns als leitender Idee der ästhetisch-reflektierenden Urteilskraft. Während die bestimmende Urteilskraft auf ein Allgemeines, den Begriff, zurückgreift, um Gegebenheiten zu ordnen, sucht die reflektierende Urteilskraft umgekehrt allgemeine Hinsichten innerhalb der Gegebenheiten selbst. Kant entwirft damit eine Form von Allgemeinheit ohne festen Begriff und appelliert an einen Konsens, der sich als „Einstimmung“, „Beistimmung“ oder „Ansinnen“ vollzieht. Für Arendt liegt hierin eine Instanz zwangloser Übereinkunft und individueller Freiheit, die weder moralisch noch institutionell vorgegeben ist, sondern aus dem Vollzug der Urteilsbildung hervorgeht. Über den Gemeinsinn und die Beistimmung begründet sie so den Intersubjektivismus ihres politischen Denkens. Wenn Freiheit wesentlich darin besteht, dass Menschen nicht nur als Zuschauende, sondern zugleich als frei Handelnde an der Welt teilhaben, dann stellt sich die Frage, wie eine Übereinstimmung dieser Perspektiven möglich ist und wie sie begründet werden kann.

Gerade hier liegt die offene Problematik: Welche erkenntnis- und handlungsleitende Funktion kommt dem Gemeinsinn zu? Lässt sich seine Geltung tatsächlich über exemplarische Gültigkeit sichern? Wie sind jene Aushandlungsprozesse eines intersubjektiven, konsensorientierten „Ansinnens“ konkret zu denken und wo lassen sie sich beobachten? Vor allem aber: Inwiefern kann der Gemeinsinn nach Kant und Arendt dazu beitragen, die gegenwärtigen Gräben und Spaltungen nicht nur sichtbar zu machen, sondern auch zu bearbeiten? Die ästhetisch-reflektierende Urteilskraft erscheint damit nicht als Randphänomen, sondern als Schlüssel für eine politische Theorie, die unter Bedingungen der Pluralität auf Verbindlichkeit zielt.

Martin Baesler gemeinsam mit dem Herausgeberteam

 

 

This issue brings together articles on the concepts of sensus communis and the reflective judgment in Immanuel Kant and Hannah Arendt. It builds on a conference held at the University of Freiburg in December 2024 and further develops its central questions from a range of perspectives. Given the social divisions that characterise our time, Hannah Arendt argues that engaging with individual judgment and exploring the scope for shared perspectives within political discourses is crucial. According to Arendt, the challenge of political thought is to train one’s ‚imagination to go visiting’, i.e. the intersubjective linking of different views that make common perspectives on human action and political events binding without undermining the possibility of individual judgments. According to Arendt, a political theory that takes human particularity as its starting point can only justify the universality of norms on the grounds of a critical engagement that integrates different points of view. Therefore, the principle of integration cannot be determining and claim authority from a neutral point beyond this world.

Arendt develops the possibility of such an individually justified and universally valid freedom from Kant's concept of sensus communis or common sense as the guiding principle of (aesthetically) reflective judgment. While Kant's determinative judgment resorts to a general rule (a concept) in order to categorise facts, the reflective judgment conversely searches for general aspects within the given. Thus, Kant comprehends a generality without a concept and he appeals to a consensus through ‚Ansinnen‘ or ‚Einstimmung‘ (attunement). Hannah Arendt thus sees reflective judging as an instance of non-coercive consent and individual freedom that is not morally or institutionally biased but results from the act of judging itself. In this sense, Arendt uses sensus communis and non-coercive consent to establish the intersubjectivism that underlies her political thinking. Since freedom for Arendt is essentially based on the fact that people are free beings, i.e., they participate in the world not only as spectators but also as free actors, it must be clarified how a consensus between the two points of view is possible and justifiable.

What is the function of sensus communis in guiding cognition and action? Does exemplary validity solve the problem of its validity? How exactly should one imagine the negotiation processes in an intersubjective and consensus-orientated ‘approach’, and which examples can be included? To what extent can common sense help recognise and overcome rifts and divisions, according to Kant and Arendt? How can aesthetic-reflective judgement and common sense be made productive for today's political theorising? The aesthetically reflective power of judgment thus appears not as a marginal phenomenon, but as a key to a political theory that, aims at normative validity under conditions of plurality.

Martin Baesler, together with the editorial team


-