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Ausgabe 2, Band 14– Dezember 2025
Winfried Kretschmann: Der Sinn von Politik ist Freiheit
Winfried Kretschmann: Der Sinn von Politik ist Freiheit. Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt, Patmos 2025, 158 Seiten, 20 € (hardcover) / 15,99 € (ebook)
Es fällt jungen Wissenschaftler/innen schwer, einen Essay Arendts, wie den über die Lüge in der Politik, mit der konkreten Lage eines Landes, wie zum Beispiel derjenigen Brasiliens unter Bolsonaro, in Verbindung zu bringen. Es würde den philosophischen Erwägungen die notwendigen empirischen Untersuchungen fehlen. Doch politisch-philosophisches Denken und praktisches Handeln miteinander zu verbinden, ist nicht unmöglich. Das zeigt das Buch von Winfried Kretschmann, dem seit 2011 ersten grünen Ministerpräsidenten des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg. In seinem Amt erklärte er häufig: „Wie Hannah Arendt sagt: der Sinn von Politik ist Freiheit“, was aus der Ferne sehr vereinfachend und klischeehaft klang. Doch zeugt das Buch nicht nur von gründlichen Kenntnissen des Werks Arendts, sondern auch von originellen Interpretationen.
Als ehemaliger Maoist, der nicht erklären kann, warum er dem Dogmatismus verfallen war, hat Kretschmann das Interesse an Politik bewahrt, aber mit Hilfe der Denkwege Arendts humanisiert. So befasst er sich in je einem Kapitel mit den Phänomenen Freiheit, Politik, Macht und dem Wunder des Handelns. Es sind Fragen nach den Grundlagen der Politik, wobei das Denken, so Arendt, sich vorrangig mit Erfahrungen und weniger mit Theorien befassen sollte. Daher findet hier auch keine philosophische Auseinandersetzung mit dem Denken Arendts statt, sondern die eines Politikers mit einer politischen Theoretikerin.
Kretschmann hat mit der Diskussion der thematischen Schwerpunkte ein aufschlussreiches und leicht verständliches Buch geschrieben, das sich auch vorzüglich als eine Einführung in das politische Denken Arendts eignet. Die Kapitel drehen sich um das Denken ohne Geländer, jeweils mit einem Untertitel versehen wie „oder wie Hannah Arendt zu meinem politischen Leitstern wurde“. Es geht um Pluralität: „Politik handelt vom Zusammen- und Miteinandersein der Verschiedenen“. Oder „Politik organisiert … von vornherein die absolut Verschiedenen im Hinblick auf relative Gleichheit und im Unterschied zu relativ Verschiedenen.“ Es sind hartnäckige Zitate, sie führen zum Kern des Arendtschen Werks. Es geht um Freiheit, die sich von Willkür, von „Freiheit von“, von Stellvertretungen oder „Business“ unterscheidet. Um gelebte Demokratie, bei der Kretschmann „Ich“ und „Wir“, unsere Existenz als Einzelne und als gemeinschaftlich Handelnde, zusammenbringt und weder einen Individualismus noch einen sich dem Gemeinwohl unterordnenden Republikanismus oder gar Kollektivismus favorisiert. Es geht um Freiheit, die den Sinn von Politik ausmacht, „oder warum ich eine Politik des Gehörtwerdens mache“. Es geht um Macht, Wahrheit, und das Vollbringen von Wundern,
„oder was mir Zuversicht in schwieriger Zeit gibt“. In jedem Abschnitt stehen zentrale Zitate.
Kretschmanns Gegenentwurf ist keine reine Theorie, sondern praxiserprobt, eine
„neue republikanische Leitkultur“, bei der das Gehörtwerden die Zufriedenheit der Menschen mit der Demokratie stärkt. Ebenso sollen die politische Bildung und die Kommunen im Rahmen des Föderalismus gestärkt werden. Die politische Kultur hat es mit der Verschiedenheit der Menschen zu tun: Sie verlangt Respekt, versteht das Handeln als Aushandlungsprozesse, politische Freundschaft von Bürger/innen als Absage an Freund-Feind-Schemata,
und Diskussion als Streit um die Sache, nicht gegen Personen. Auch wenn den Grünen immer wieder die Moralisierung der Politik vorgeworfen wurde, geht es Kretschmann um deren Vermeidung, um Klarheit und Respekt in der Sprache und die Suche nach Wahrheit in den Tatsachen.
Kretschmanns Republikanismus zielt auf die Praktiken einer Bürgergesellschaft, die nicht aus „Wutbürgern“ besteht und nicht die Gegner argumentativ niederringen will. Sie steht in der Tradition des Republikanismus von der römischen Republik über die Renaissance und die Gründungsväter der USA bis zu einem wiederentdeckten Republikanismus heute. Das zunehmende Interesse an Arendt ist diesen Aspekten geschuldet. Und Kretschmann als Praktiker, aber auch als Theoretiker, beweist, dass diese Art politischen Handelns möglich ist und dem Autoritarismus, der Lüge und der Disruption eine umfassende Alternative entgegensetzt.
Da Politik auf einem Handeln beruht, das von Ereignissen, Überraschungen und Zufällen geprägt ist, sind es Beispiele, die uns politische Lehren erteilen, keine normativen Systeme. Kretschmanns Handeln stellt ein solches Beispiel dar, wie das Handeln des Bürgermeisters von Palermo Leoluca Orlandos in seinem erfolgreichen Kampf gegen die Mafia, oder das Handeln des Bürgerrechtlers Vaclav Havel und sein Ungehorsam gegenüber den sozialistischen Machthabern in der CSSR. Es sind einzelne Persönlichkeiten, von denen wir mehr bräuchten.
Wolfgang Heuer
Freie Universität Berlin
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