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Ausgabe 1, Band 12 – Dezember 2022

Das Erzählen als roter Faden in Arendts Werk


Kathrin Morgenstern: „Einer wird immer bleiben, um die Geschichte zu erzählen.“ Die narrative Verfasstheit von Hannah Arendts politischer Philosophie. Regensburg: Universitätsbibliothek Regensburg 2019, 198 Seiten, 25,00 EUR.


In ihrem Vortrag „Von Hegel zu Marx“, der 1953 im deutschen Radio gesendet wird, bemerkt Hannah Arendt, „dass die Art und Weise an eine Sache heranzugehen, nicht nur das Wie des Zugangs[,] sondern auch das Was des Gefundenen bestimmt“, um gleich darauf das Gesagte als „zu selbstverständlich[,] als dass es einer Erörterung bedürfte“ (Arendt 1953, 3), abzutun. Dieser Gestus passt in das Bild, welches ihre Schülerin und Biographin Elisabeth Young-Bruehl zeichnet, wenn sie schreibt, dass Arendt „gewöhnlich der Meinung war, je weniger man über Methodik sagt, desto besser“ (Young-Bruehl 2015, 552). Die Erläuterung, die Arendt selbst für ihre methodologische Einsicht verweigert, wird von Kathrin Morgenstern in der nun publizierten Dissertation „Einer wird immer bleiben, um die Geschichte zu erzählen.“ Die narrative Verfasstheit von Hannah Arendts politischer Philosophie (2019) für das Erzählen ausbuchstabiert, das sie nicht allein als „spezifische Vorgehensweise“, sondern ebenso als „wesentlichen Inhalt von Arendts Werk“ (S. 30) in den Blick nimmt.

In ihrem Buch entwickelt Morgenstern über vier Teilschritte ihre Argumentation für „Arendts im doppelten Sinne narrativ verfasste politische Philosophie“ (S. 31). Dabei wird sie ihrem eigenen Anspruch gerecht, „Arendts facettenreiches Werk aus einer unüblichen Perspektive zu lesen“ (S. 164). Teil I dient der ersten Begriffseinführung und -klärung. Teil II bietet das Rüstzeug für die Teil III und IV. Macht sich Morgenstern in Teil II (S. 33–62) noch daran, ihre Einordnung Arendts als politische Philosophin zu untermauern, so geht es ihr in Teil III (S. 63–113) bereits darum, die narrative Prägung einer politischen Philosophie Arendts zu veranschaulichen, um mit Teil IV (S. 114–163) schließlich die inhaltliche Ausgestaltung Arendts narrativer politischer Philosophie zu konkretisieren.

Teil I holt die Leser:innen ab und schafft eine Ausgangsbasis für die weitere Lektüre. Morgenstern führt etwa den Traditionsbruch als „Dreh- und Angelpunkt von Arendts Werk“ (S. 9) ein und bringt ihn als „Ausgangspunkt und Motivation von Arendts politischer Philosophie“ (S. 30) in Stellung. Sie betrachtet ihn auf seine „Relevanz […] für Arendts Vorgehensweise“ (S. 9) hin, denn eines muss klar sein: „auch methodisch [kann es] nach dem Traditionsbruch kein Weiter so geben.“ (S. 12) Hier kommt dann auch das Erzählen erstmals ins Spiel: Morgenstern identifiziert es „[n]eben dem Traditionsbruch bzw. in Reaktion auf diesen […] als ein[en] zweite[n] rote[n] Faden in Arendts Werk“ (S.17). Für Arendt selbst schlägt sie die Bezeichnung „nichttraditionelle politische Philosophin“ (S. 22) vor, um sogleich zu ergänzen, „dass diese Zuordnung nicht mit einer […] Selbstverständlichkeit erfolgen kann“ (S. 22). Immerhin bezieht Morgenstern hier „gegen den vorherrschenden Zeitgeist in der Forschung“ (S. 21) Position. Dass sie mit Teil II ihre Überlegungen dahingehend weiter vertieft und ausargumentiert, erscheint somit nachvollziehbar. Insgesamt greifen in Teil I Begriffsklärung und Einführung von Grundannahmen fließend ineinander. Morgenstern arbeitet gekonnt Positionen der Arendt-Forschung ein, anstatt den aktuellen Forschungsstand bloß nüchtern zu referieren.

In Teil II beweist Morgenstern Liebe fürs Detail. Sie spürt Arendts „Ich bin keine Philosophin“ (S. 33) nach und begibt sich hierfür zurück bis zu deren philosophischen Anfängen bei Martin Heidegger und Karl Jaspers. Beide setzt Morgenstern „[a]ls ‚Gesprächspartner‘“ (S. 31) ein, gerade wenn sie Arendts Bruch mit der Philosophie und Hinwendung zur Politik rekonstruiert. Doch dem „Paradigmenwechsel“ sieht sie einen „posttraditionellen Neubeginn“ (S. 51) folgen. Für Morgenstern läutet der Traditionsbruch einen Neubeginn „für die politische Philosophie bzw. für die Bestimmung des Verhältnisses von Politik und Philosophie“ (S. 54) ein. Ausgehend von diesem gelingt es ihr dann auch zu zeigen, „dass Arendt trotz allem und auch im Gegensatz zu ihren eigenen Aussagen der Philosophie nie völlig valet gesagt hat“ und eine „Klassifikation als politische Philosophin im Sinne eines zwischen Politik und Philosophie“ (S. 33) wie sie es vorschlägt, nicht nur schlüssig argumentierbar, sondern auch „dem [Arendtschen] Werk im Ganzen am ehesten gerecht [wird]“ (S. 34). Dazu nimmt Morgenstern die Leser:innen mit auf „Arendts kreative Spurensuche nach relevanten Erfahrungen im Spannungsfeld von Politik und Philosophie“ (S. 51) , die sie von Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft bis hin zu Vom Leben des Geistes nachzeichnet.

Teil III ist in einem gewissen Sinn das Herzstück von Morgensterns Studie. Denn obwohl auch hier die Kontextualisierung von Arendts Denken – etwa mit Bezug auf Theoretiker:innen des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses, Proponenten einer narrativen Geschichtsschreibung sowie Friedrich Nietzsche und Walter Benjamin – viel Raum einnimmt, bietet er die konzentrierteste Beschäftigung mit dem Erzählen bei Arendt. Dabei tut Morgenstern gut daran, dass sie von einer essentialistischen Definition absieht, um stattdessen eine funktionale Deutung vorzuschlagen. Anders gewendet: Sie fragt nicht nach einer Wesensbestimmung des Erzählens – das widerspräche dem Arendtschen Duktus –, sondern nach dessen Leistung. Grundsätzlich haben die nicht-literarischen „Wirklichkeitserzählungen“ (S. 66), um denen es Arendt vorrangig zu tun ist, zwei miteinander verbundene Aufgaben: Sie sollen einerseits ein Sich-Abfinden mit dem Geschehenen ermöglichen und andererseits Neuanfänge auffangen und weitertragen. Der genuine Beitrag Morgensterns besteht nun darin, vor diesem Hintergrund eine „destruierende, tradierende und verstehende Funktion“ (S. 92) des Erzählens herauszupräparieren. Die destruierende Funktion liegt im „Aufräumen mit Einheitlichkeit, Logik und Kohärenz“ (S. 93): Im Sinne Arendts muss jeglichem Anschein einer „geschichtsdeterministische[n] Kausalität der Abläufe“ (S. 93), der sich in der retrospektiven Betrachtung von historischen Brucherfahrungen – zu denken ist vor allem an die Shoah – allzu schnell einstellt, entgegengearbeitet werden. Stattdessen braucht es ein Bewusstsein für die Kontingenz der Ereignisse: Es hätte auch anders kommen können. Zum Abbau vermeintlicher Selbstverständlichkeiten mögen zudem – entsprechend „Arendts Pluralitätsgebot“ (S. 94) – die Hereinnahme alternativer Perspektiven sowie der Entwurf von Gegenerzählungen taugen. Sie verweisen bereits auf die tradierende Funktion des Erzählens, denn „[b]estimmte vergangene Erfahrungen müssen weiterhin der Nachwelt überliefert werden.“ (S. 98) Eine besondere Rolle spielen hier die Stimmen Marginalisierter und solche Erfahrungen, die sich als anschlussfähig für die Gegenwart erweisen. Sowohl die destruierende als auch die tradierende Funktion spielen in die dritte von Morgenstern identifizierte Funktion hinein: das Verstehen, die „sinngebende[] Versöhnung mit der Welt“ (S. 104). Entscheidend ist hier, dass das Verstehen ganz unterschiedliche Wege nehmen kann und einen Prozess darstellt, der nicht abschließbar ist.

Morgensterns Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und die Konzentration auf drei zentrale Funktionen macht durchaus Sinn. Dennoch hätte die identitätsstiftende Funktion des Erzählens eine eigene Nennung verdient – auch und gerade vor dem Hintergrund der Arendtschen Überzeugung, dass „der Prozeß des Verstehens ganz klar, vielleicht sogar in erster Linie, ein Prozeß des Selbst-Verstehens [ist]“ (Arendt 2012, 113). Morgenstern belässt es hinsichtlich dieses Aspekts bei einigen wenigen Bemerkungen, die über das Buch verstreut sind.

In Teil IV macht sich Morgenstern daran, Arendts Denken als „narrative politische Philosophie“ (S. 113) in Stellung zu bringen – und das heißt für sie: „[d]ie narrative Verfasstheit des politischen Freiheitsbegriffs“ (S. 115) herauszustellen. Dieses Vorhaben kann sich auf die Arendtsche These stützen, dass Freiheit nur im gemeinsamen Handeln zu haben, dieses aber durch eine narrative „Doppelstruktur“ (S. 99) charakterisiert ist: Einerseits ist das Handeln selbst in der Regel „narrativ verfasst“; andererseits bedarf es der „narrative[n] Tradierung“ (S. 99). Damit wird das, was Arendt das „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ (Arendt 2011, 226) nennt, als „Netz der Geschichten“ (S. 138) lesbar. Hiervon ausgehend unternimmt es Morgenstern, entlang den Grundbedingungen der Weltlichkeit, Pluralität und Natalität eine Reihe an „Ausformungen“ (S. 115) der narrativ verstandenen politischen Freiheit zu analysieren. Das gelingt einmal mehr, einmal weniger. Der im Zusammenhang mit der Bedingung der Weltlichkeit gegebene und mit zahlreichen Beispielen belegte Hinweis etwa, „dass auch Institutionen narrativ generiert werden können“ (S. 127), ist so richtig wie wichtig. Gleiches gilt für die Feststellung, dass das Arendtsche Handlungsverständnis mit der „Pluralität der Handelnden“ ebenso eine „Pluralität der Erzählenden“ und „Pluralität der Geschichten“ (S. 138) benötigt. Was die Natalität anlangt, liefert Morgenstern zwar eine solide Interpretation des Neuanfangs bei Arendt, bleibt aber eine explizite Klärung, inwiefern auch diese Grundbedingung eine narrative Grundierung hat, schuldig.

Dass es sich bei „Einer wird immer bleiben, um die Geschichte zu erzählen“ um eine Dissertation handelt, merkt man dem Buch an. Einerseits zeigt sich das in der überaus gründlichen Aufarbeitung der Sekundärliteratur. Morgenstern liefert einen hochkonzentrierten Text, gespickt mit Zitaten. Bemerkenswert ist dabei nicht allein die Menge an Literatur, die sie heranzieht, sondern ebenso die Art und Weise, wie diese präsentiert wird: Ganz im Sinne Arendts versteht es Morgenstern, strittige Fragen aus einer Pluralität an Perspektiven zu betrachten, um ausgehend davon zu einer gut begründeten eigenen Sichtweise zu gelangen. Andererseits äußert sich der Dissertationscharakter darin, dass das Buch durchaus die eine oder andere Länge aufweist. Gerade die Schilderung von wohlbekannten biographischen und werkgeschichtlichen Belangen hätte im Zuge der Publikation für eine breitere Leserschaft gekürzt werden dürfen. Dennoch – und auch der anderen erwähnten Kritikpunkte ungeachtet – lautet das klare Fazit, dass, wer dem Erzählen bei Arendt auf die Spur kommen will, mit Morgensterns Studie nicht fehlgeht.


Literatur

Arendt, Hannah: „Von Marx zu Hegel“, in: Hannah Arendt Papers. Manuscript Division. Washington, D.C.: Library of Congress 1953, http://hdl.loc.gov/loc.mss/ms001004.mss11056.01327 [Series: Speeches and Writings File, 1923–1975. Essays and Lectures. mss11056, Box 79].

Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. 10. Auflage. München/Zürich: Piper 2011.

Arendt, Hannah: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I. Herausgegeben von Ursula Ludz. München/Zürich: Piper 2012.

Young-Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Erweiterte Ausgabe mit neuem Vorwort. Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl. 4. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer 2015

Melanie Mayerhofer & Florian Pistrol

(Melanie Mayerhofer promoviert an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Fach Medizin am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin. Florian Pistrol arbeitet am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck)