Ausgabe 1, Band 11 – Dezember 2021

Aus dem Raum zwischen zwei Sprechenden

Ingeborg Gleichauf: Hannah Arendt und Karl Jaspers. Geschichte einer einzigartigen Freundschaft, Wien/Köln/Weimar: Böhlau-Verlag 2021, 200 S., 23,00 EUR

Der umfangreiche Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers von 1926 bis 1969 ist nicht nur ein seltenes Zeugnis des geistigen Austauschs zweier Philosophierender, sondern gleichzeitig zweier Freunde, die sich viel mehr gaben als Ansichten und Ideen. Arendt erhielt durch ihre Freundschaft mit Jaspers „die Garantie für die Kontinuität meines Lebens“ und durch ihre Besuche bei den Jaspers eine Art Heimat, Jaspers die seltene Möglichkeit, in mehrere Tage langen Gesprächen „in der völligen Rückhaltlosigkeit, die keine Hintergedanken zulässt“, zu diskutieren, „in dem Übermut, sich vergaloppieren zu dürfen, da es korrigiert wird“, „in der Spannung vielleicht tief gegründeter Differenzen, die doch umgriffen sind von einem Vertrauen“, und in einem „radikalen gegenseitigen Sichfreilassen und Aufhören von abstrakten Forderungen, da sie erlöschen in der faktischen Treue“.

Arendts These, dass im Urteilen darüber entschieden wird, mit wem man zusammen sein möchte, entspringt ihrer eigenen Erfahrung, und auch Jaspers‘ These, dass die Form der Kommunikation darüber entscheidet, ob Wahrheit möglich ist, findet hier ihre Gültigkeit. Schließlich folgerte Arendt ganz in diesem Sinn in ihrem Essay „Karl Jaspers: Bürger der Welt“ 1957, dass angesichts von zunehmender Angst und steigendem Hass als Reaktionen auf die Herausforderungen einer globalisierten Welt zur Schaffung einer positiven Solidarität „in gigantischem Ausmaß ein Prozess gegenseitigen Verstehens und fortschreitender Selbsterklärung“ nötig sei - nicht Diskussion oder Rechthaben, kein Monologisieren.

Zu den Voraussetzungen der Kommunikation zwischen beiden gehörten neben dem uneingeschränkten Vertrauen die Differenzen in den Auffassungen und der deshalb auch nicht nur auf globaler Ebene, sondern auf jeglicher Ebene nötige Prozess des Dialogs und wechselseitigen Verstehens. Schreiben und Sprechen dienen dem eigenen und gemeinsamen Verstehen. Freundschaft beruht auf diesem Wechselspiel von Gemeinsamkeit und Differenz. Daher in diesem Band die Darstellung auch differierender Ansichten, z.B. Arendts Auffassung, dass wir als intersubjektive Wesen nicht erst aus uns heraustreten müssen, um mit anderen in Beziehung zu treten, wie dagegen Jaspers meint, woraus folgt, dass Arendt Kommunikation räumlich versteht und Jaspers zeitlich. Oder Jaspers‘ Ansicht, dass Freiheit den Menschen innewohne, während sie für Arendt erst in der praktischen Intersubjektivität entsteht, in der Einheit von Sein und Erscheinen.

Solch eine selten tiefe kommunikative Gemeinschaft bleibt leider unserer visuellen Welt, auch dem Arendt-Film Margarete von Trottas, verborgen, obwohl es, wie der Band zeigt, nicht schwer ist, sich das Faszinierende eines freien kritischen und philosophischen Denkens beispielhaft in seinem Erscheinen vorzustellen. Es lässt sich erahnen, wie dabei ein Raum zwischen beiden Gesprächspartnern entstünde, „in dem sich die Grenzen der Personen auflösen“ (S. 11)

Gewiss übersteigt eine solch vertraute Gesprächsatmosphäre den umfangreichen Briefwechsel thematisch und methodisch noch um ein Vielfaches. Doch schon die in den Briefen geführten Gespräche berühren zahlreiche Themen, die die Autorin in ihren unterschiedlichen Positionen und auch denkerischen Kontexten vorstellt: die Bedeutung der Kommunikation, Philosophieren und Denken, die Beziehung zu Heidegger, Denken und Schreiben, Bemerkungen zu Literatur, Natur und Liebe, zum Politischen und Handeln und zu Gott und Transzendenz, Sterben und Tod. Der Autorin kommt dabei zugute, dass sie eine sehr gute Kennerin der Werke von Arendt und Jaspers ist und außerdem in Jaspers‘ nachgelassener Bibliothek Marginalia in jenen Werken gesichtet hat, über die sich beide austauschten.

In den zwölf einzelnen Kapiteln werden nicht bloß übereinstimmende bzw. differierende Positionen verdeutlicht, sondern die ihnen zugrundeliegenden unterschiedlichen Perspektiven erläutert. Als beispielhaft dafür seien die Gründe der unterschiedlichen Bewertung von Arendts Biographie der Rahel Varnhagen genannt. So sind Jaspers und Arendt gemeinsam der Ansicht, dass unterschiedliche Wirklichkeitserfahrungen zu ihrem Verstehen verschiedene Schreibweisen bedingen (S. 78). Dabei sollte aber, so Jaspers, ein Mensch wie Varnhagen aus seiner Mitte heraus beschrieben, also ein Bild der „Rahel selbst“ geschaffen werden, das in diesem Fall dem Frauenbild von Jaspers als „Vorab-Vorstellung“ (S. 82) entsprach. Für Arendt dagegen ging es bei Varnhagen, aber auch bei all ihren weiteren Portraits, nicht um die Erfassung einer Tiefe, sondern um die Formen des Erscheinens der Porträtierten, um ein Wirklichsein durch deren Umgang mit all dem, was ihnen geschah. Das für unsere intersubjektive Welt so bedeutsame Wer einer Person ergründet man nicht in ihrem psychologischen Inneren, sondern in ihrem Handeln und Erleiden, wobei das Erscheinen nie vom Körperlichen abgekoppelt ist. Für Jaspers dagegen ist das eigentliche Subjekt nicht die Peron, sondern ein Allgemeingültiges (S. 87). Dabei erwirbt Jaspers, so die Autorin, „im Schreiben seiner Portraits nicht viele neue Erkenntnisse, man hat den Eindruck, er schreibt ab, was er schon weiß. Arendt lässt sich beim Schreiben immer wieder überraschen, bricht bereits Gewusstes auf, öffnet Spielräume, in denen die Porträtierten lebendig werden, überraschend Einblicke gewähren.“ (S. 89)

Die gemeinsamen Gespräche schärften der Blick für die Unterschiede zwischen Arendts und Jaspers‘ Ansichten. So Arendts Kritik der apolitischen Philosophie, ihre Auffassung eines nicht essenziellen Bösen und eines Handelns in einem Beziehungsgeflecht anstelle eines zielgerichteten Handelns, all das stand im Gegensatz zu Jaspers. Dabei geht es der Autorin nicht darum, die Unterschiede zugunsten Arendt herauszustreichen, sondern festzustellen, dass die offenen Gespräche nicht zu endgültigen Ergebnissen geführt haben, sondern ihre Zeitgenossenschaft in einem immer wieder anhebenden Gespräch dokumentieren.

Schließlich hat in der Darstellung der Freundschaft natürlich auch der ganze Mensch mit seinen geistigen Emotionen seinen Platz, Jaspers mit seiner „bis ins hohe Alter … ungebrochenen Kraft der Empörung“ und „Intensität des Hörens und Erstaunens“, wie dessen früherer Assistent Hans Saner berichtete (S. 33), und ähnlich Arendt mit ihrer „Erotik des Lernens“, wie es in der Erinnerung ihres Assistenten Jerome Kohn heißt, und ihrer immer wieder staunenden Anteilnahme am öffentlichen Geschehen, wie Mary McCarthy in ihrem Nachruf festhielt.

Bemerkenswert am Ende dieses sehr anregenden Buchs ist die Feststellung der Autorin, dass die anfangs gestellte Frage, ob man diese Freundschaft einfach erzählen könne, negativ zu beantworten sei, weil sie (trotz des Buchtitels) keine Geschichte ergebe, man dafür aber dem Faszinierenden und Spannenden in dem Dazwischen begegne. Und da ein solches lebenslanges Gespräch viele offene Denkwege hinterlassen habe, lade es dazu ein, sie erneut aufzusuchen - ein Gefühl, das der Rezensent verspürte, bevor er kurz darauf den letzten Satz las: „Das letzte Kapitel ist auch ein erstes Kapitel. Es könnte der Einstieg in eine ganz andere Form der Auseinandersetzung sein.“

Wolfgang Heuer

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