Ausgabe 1, Band 11 – Dezember 2021

Zurück auf Los. Zur Studienausgabe von Hannah Arendts Dissertationsschrift

Hannah Arendt, Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Thomas Meyer, erweiterte Neuausgabe, München: Piper Verlag 2021. 187 S., 14,00 EURO.

Im Jahre 1929 veröffentlichte Hannah Arendt nach bestandenem Doktorexamen unter dem Titel Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation ihre von Karl Jaspers betreute Dissertation in überarbeiteter Fassung im Verlag Julius Springer Berlin. Für diese erste Buchausgabe der seit den 1950er Jahren berühmten, 1975 gestorbenen Autorin haben sich Verlage lange Zeit nicht interessiert. Erst Jahrzehnte später (2003) erschien im Verlag Philo ein Faksimile-Neudruck mit Vorwort von Ludger Lütkehaus. Darauf folgten 2006 und 2018 (bei Olms und Meiner) zwei von Frauke A. Kurbacher betreute Neuausgaben. Letztere machten es sich zur Aufgabe, dem Leser die Lektüre der im akademischen Jargon verfassten Examensarbeit zu erleichtern, indem Übersetzungen der in Arendts Text in den Originalsprachen (Latein und Griechisch) belassenen zahlreichen Zitate eingebaut wurden (siehe zu den drei postumen Ausgaben meine Besprechungen in HannahArendt.net, Band 4, Mai 2008; Band 10, Dezember 2020). Die Studienausgabe nun lässt den editorischen Fortschritt der Kurbacher-Ausgaben hinter sich und reproduziert erneut das Original, durchgesehen vom Herausgeber Thomas Meyer, auf „Druckfehler und andere offensichtliche Versehen“, die stillschweigend korrigiert wurden. Zitate seien überprüft worden. Ansonsten heißt es, der Text sei „unverändert“, was insofern nicht stimmt, als Arendts jeweils auf den Seiten gedruckte Fußnoten in durchnummerierte Endnoten, die Sperrungen im Original in Kursiva umgewandelt sind, und Arendts „Zusätze“, die das Original in kleinerer Schrifttype druckte, nun dieselbe Pixelzahl wie der Text erhalten haben. Außerdem ist dem Nachdruck die Widmung „Meiner Mutter“ beigegeben, die in der im Buchhandel vertriebenen Originalausgabe fehlt.

Thomas Meyer, der Gesamtherausgeber der Studienausgabe, hat selbst ein umfangreiches Nachwort „Hannah Arendt und Der Liebesbegriff bei Augustin“ beigesteuert (S. 139-181) und dieses den Kollegen John McCormick (University of Chicago) und Robert Norton (Notre Dame University) gewidmet. Es bietet „eine Skizze von Arendts intellektueller Entwicklung bis zum Abschluss der Dissertation, Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Buches und die Nachzeichnung der wesentlichen Stationen der Rezeption der Studie bis 1933“ (S. 140). Das Buch also wird nicht isoliert vorgestellt und interpretiert, sondern in seine biographischen und zeitlichen Zusammenhänge eingeordnet. Damit betritt Meyer durchaus Neuland. Es gibt keine Studien zu Arendts Dissertationsschrift, die diese Perspektive so eindeutig verfolgen. Die bisherige Sekundärliteratur beschränkte sich weitgehend auf Bezüge der Autorin und ihres Werkes zu Heidegger, Jaspers und Bultmann – über die auch Meyer informiert (einschließlich des Abdrucks des Gutachtens, das Jaspers für die Heidelberger Philosophische Fakultät verfasste, S. 149-151). Meyer aber zeichnet zusätzlich, aufgrund eigener Recherchen, im zweiten Teil seines Nachworts die Publikationsgeschichte, im dritten die Rezeptionsgeschichte des Werkes nach. Er interpretiert Arendts Buch als einen „Beitrag zu den Debatten der Zeit“. Augustin, der Kirchenvater, sei „Teil der Selbstverständigungsdebatten der Weimarer Zeit“ (S. 157) gewesen. Meyer belegt diese These mit ausführlichen Referaten von und eigenen Kommentaren zu einschlägigen Besprechungen des Arendtschen Buches durch zeitgenössische Theologen. Schließlich führt er Heinrich Barth an, den „Philosophen-Bruder“ des evangelischen Theologen Karl Barth. Er habe in Arendts Schrift sowie in der Studie Augustin und das paulinische Freiheitsproblem, die der Heidegger-Schüler (und Arendt-Freund) Hans Jonas 1930 veröffentlichte, „die Absicht der existenzphilosophischen Augustinus-Exegese“ (S. 165) als Erscheinung der Gegenwartsphilosophie mit Unbehagen beobachtet. (NB: 1935 wird Barth mit seiner Schrift Die Freiheit der Entscheidung im Denken Augustins eine eigene existenzphilosophische Sicht auf Augustin entwickeln, die, im Gegensatz zu Arendt und Jonas, „den transzendenten, theologischen Horizont“ offenhält [Christian Graf].)

Plausibel kann Meyer vermitteln, dass Arendt, die so gut wie keine Sekundärliteratur in ihrer Dissertationsschrift anführt, sich mit dem in der Frankfurter Zeitung 1930 veröffentlichten Artikel „Augustin und der Protestantismus“ an den damaligen Auseinandersetzungen der Geisteswissenschaftler beteiligt. So ist auch der Nachdruck dieses Artikels, den Arendt zum 1500. Todesjahr Augustins verfasste, im Anhang zu Meyers Nachwort (S. 168-172) gerechtfertigt. Dieser Text, so der Herausgeber zusammenfassend, sei „schon Ausdruck der politischen Autorin“ (S. 168). Damit trägt Meyer ein neues Argument in die Debatten um das Augustin-Buch, insbesondere was die Kontinuität des Arendtschen Denkens angeht. Ob seine Schlussfolgerung letztendlich gerechtfertigt ist, sei dahingestellt, jedoch angemerkt, dass sie auf einem recht eigenwilligen Verständnis von Politik beruht und den freilich spärlichen Selbstauskünften Hannah Arendts über diese frühe Zeit ihrer intellektuellen Biographie widerspricht.

So begrüßenswert die Erweiterung des Denk- und Diskussionsraums von Arendts Dissertationsschrift ist, die Meyer mit seinem Nachwort gelingt, so bedauerlich ist es, dass diese neueste Ausgabe keine Hilfen bietet, um Arendts schwierigen Text zu lesen, zu „studieren“. Frauke A. Kurbachers 2018 bei Meiner erschienene Textfassung (inklusive ihrer textorientierten „Einleitung“) dürfte die Anforderungen an eine zum Studium geeignete Ausgabe besser erfüllen als die jetzt im Piper Verlag erschienene.

Postskriptum: Warum übrigens wird die Studienausgabe, die mit einem Vorwort des Herausgebers in diesem wie den weiteren Piper-Bänden eingeführt wird, auf dem Umschlag nicht als solche präsentiert, sondern mit einem Wapperl „Neu-Edition“ versehen?

Ursula Ludz

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