header image

Ausgabe 1, Band 9 – November 2018

 

Ein lesenswertes Buch

Florian Salzberger, »Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen«: Hannah Arendts Philosophie des Umgangs im Anschluss an die Narrativitätskon­zeption ihres Spätwerkes. Freibur­g-München : Verlag Karl Albert (dialogik, Band 10), 2016. 419 S.

 

Hannah Arendts „Philosophie des Umgangs“ oder auch „Umgangsphilosophie“ – man stutzt, um aber schnell bei der Lektüre des Buches von Florian Salzberger festzustellen, dass in Arendts Werken das Wort „Umgang“ (engl. „intercourse“) eine große Rolle spielt. Bisher nur ist, soweit der Rezensentin bekannt, kein Arendt-Interpret auf die Idee gekom­men, dieses Wort und die ihm entsprechenden Begriffsinhalte in den Fokus zu rücken. Wie sinnvoll ein solches Unterfangen ist – das bezeugt Salzberger mit seiner umfangrei­chen Studie.

   Die Arbeit, so könnte man behaupten (ohne dass es einen entsprechenden Hinweis des Autors gibt), schließt an Arendts grundsätzliche Frage an, welche sie im Nachdenken über ihr Buch Eichmann in Jerusalem und die durch es ausgelöste erbitterte öffentliche Kon­troverse formulierte: „Könnte vielleicht das Denken als solches […] zu den Bedingun­gen gehören, die die Menschen davon abhalten oder geradezu dagegen prädisponieren, Böses zu tun?“ Salzbergers Antwort fällt im Zuge seiner Rekonstruktionen auf der Grund­lage von Arendts „Spätwerk“ positiv aus. Mit Spätwerk sind gemeint Arendts veröffent­lichte Schriften nach Eichmann in Jerusalem (1963), im wesentlichen „Personal Respon­sibility Under Dictatorship“ (1964) und „Civil Disobedience“ (1970), „Thinking and Moral Consi­derations“ (1971), aber vor allem die Fülle der erst posthum erschienenen Titel: The Life of the Mind mit seinen zwei Bänden und den Kant Lectures als „spekulative Rekon­struktion“ für den geplanten dritten Band, ferner „Some Questions of Moral Philosophy“ (dt. Über das Böse), das Interview mit Joachim Fest, das Denktagebuch – also das, was man „weiche“ Texte nennen kann, Arbeiten, die, wie auch Salzberger bemerkt, nicht das end­gültige Imprimatur der Autorin besitzen und so dem Interpreten einen größeren Spiel­raum bieten als autorisierte Veröffentlichungen.

   Für Arendts Philosophie des Umgangs ist, nach Salzberger, eine bestimmte Traditi­onslinie ihres Denkens ausschlaggebend: die Denker des Selbst. So werden im ersten Ka­pitel über „Arendts geistesgeschichtliche Herkunft“ die Philosophen Kierkegaard, Heideg­ger und Jaspers in den Vordergrund gerückt. Ähnlichkeiten und Unterschiede zu Arendt wer­den interpretierend aufgezeigt, ohne dass Arendts Auseinandersetzung mit ihnen ge­nauer thematisiert oder auch die entsprechende Sekundärliteratur herangezogen würde. Das Kapitel dient dem Verfasser lediglich als Aufweis der “Eigenständigkeit“ der Arendt­schen Selbst-Konzeption gegenüber allen drei Denkern. Er fasst sie in drei Punkten zu­sammenfasst: (1) ein nicht-metaphysisches politisches Denken; (2) die Auffassung, dass Denken und Mitweltlichkeit sich nicht ausschließen; (3) die Einräumung eines Primats für den Umgang mit Anderen.

   Im Anschluss an diese Klärung folgen detaillierte Einzeluntersuchungen über „Narra­tivität in Vita Activa“ (Kapitel II), „Denken als Umgang mit sich selbst“ (Kapitel III), „Die Aufbereitung einer Geschichte als Repräsentationsvorgang“ (Kapitel IV) und „Narratives Denken als Konstitution des Selbst und der Persönlichkeit“ (Kapitel V). In diesen Kapi­teln arbeitet der Autor eng an den Arendtschen Texten und macht insbesondere auf Kant- und Aristoteles-Bezüge aufmerksam. Mit vielen Strichen entwirft er ein Arendtsches Ge­dankengebäude, das mit dem Namen „Pluralität“ versehen werden kann. Der Entwurf ist zwar nicht im Detail ausgeführt, aber er überzeugt, weil es gelingt, die Pluralität als die „originäre Form menschlichen Daseins“ in ihren Auswirkungen sowohl auf das Handeln wie das Denken darzustellen. Denken, so der Autor mit Arendt, als Umgang mit sich selbst geht aus dem Umgang mit Anderen hervor, bleibt, ungleich der Meditation, in den Umgang mit Anderen eingebettet. Ja, mehr noch: Indem Denken auf den künftigen Um­gang mit Anderen vorbereitet, ist es handlungsrelevant. Vita activa und Vom Leben des Geistes werden von Salzberger in dieser Art zusammen, als sich gegenseitig ergänzend ge­lesen, Arendt als Handlungs- und Denktheoretikerin vorgestellt. Einzelne in Arendts so bestimmtes Denkgebäude gehörende „trains of thought“ werden ausführlich behandelt. Sie können hier nur auswählend und stichwortartig genannt werden: Geburt und Gebürt­lichkeit (beim Autor leider: Geburtlichkeit), Sinn und Sinnverlust, der freundschaftliche Dialog, die Einbildungskraft, Geschichten und Beispiele, der Gemeinsinn, die Zuschauer­position, das Gewissen.

   Die Argumentation führt hin auf das sechste Kapitel mit dem Titel „Die Auswirkun­gen des Denkens beziehungsweise der Gedankenlosigkeit auf den Umgang mit Anderen“. Hier wie im § 23 des Schlusskapitels wird die ethische Dimension des Arendtschen Den­kens besonders herausgestellt. Salzberger verdeutlicht seine persönliche Motivation, die ihn das Buch, ursprünglich eine Dissertation an der Universität Mainz, hat schreiben las­sen: das Entsetzen über den Völkermord in Ruanda. Als Erfahrungsbasis verweist er auf Inter­views, die in dem ORTF-Film von Florian Berger und Peter Kullmann „Vergeben und Ver­gessen“ (2011) gesendet wurden. Er greift zwei Zeugnisse von am Mord Beteilig­ten heraus und analysiert sie im Sinne der von ihm entwickelten Arendtschen Umgangs­philosophie. Sein Fazit: Arendt hat im Zuge ihrer intensiven Befragung des Denkens als Tätigkeit auf Handlungsmöglichkeiten hingewiesen, die es nach wie vor „in scheinbar ausweglosen Si­tuationen“ gibt. Das Zitat, das Salzberger in seinen Titel gestellt hat, erhält in diesem Zu­sammenhang seine spezifische Bedeutung: „Keiner“, so sagt Arendt 1964 im Fest-Inter­view, „hat bei Kant das Recht zu gehorchen.“ Dabei mag nicht ausgeschlossen sein, dass es sich um einen Versprecher handelte, dass Arendt eigentlich sagen wollte (was im Kon­text ihres Berichtes über Eichmanns Verständnis des Kantschen kategori­schen Imperativs sinnvoller zu sein scheint): Keiner hat bei Kant „die Pflicht“ zu gehor­chen. Doch der Hin­weis auf das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen bleibt davon unberührt.

   An entscheidender Stelle zieht Salzberger das von Arendt in Eichmann in Jerusalem mitgeteilte Beispiel des Feldwebels Anton Schmidt heran – jenes Angehörigen der deut­schen Wehrmacht, der in Polen jüdischen Untergrundkämpfern geholfen hatte und, als dies aufflog, hingerichtet wurde. Auch wenn berechtigte Zweifel daran bestehen, dass die­jenigen, die wie Schmidt Verantwortung übernehmen und entsprechend handeln, zahlrei­cher geworden sind, so ist Arendts Botschaft: „Keiner hat das Recht (oder die Pflicht) zu gehorchen“, dennoch nicht obsolet. Sie sorgt – in Arendts eigener, weitausholend-unter­kühlter Formulierung – „for this planet to remain a place fit for human habitation“; dafür, dass „dieser Planet ein Ort bleibt, wo Menschen wohnen können“.

   Das Buch liest sich besser, als der Titel vermuten lässt; denn sein Autor geht interpre­tierend in kleinen Schritten voran, die er erläutert; hält auf seinem Weg immer wieder inne, schaut zurück und voraus; belegt seine Aussagen mit Verweisen auf Arendts Werke und sehr häufig auch mit wörtlichen Zitaten. Salzbergers Studie hat einen breiten Leser­kreis verdient.

Ursula Ludz