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Ausgabe 1, Band 9 – November 2018

 

Mitteilen und Zuhören

Zur doppelten Berücksichtigung der Pluralität im Miteinander-Sprechen

Ringo Rösener*

 

Der folgende Artikel entstammt der Publikation »Freundschaft als Liebe zur Welt. Im Kino mit Hannah Arendt« (2017) und wird hier in einer überarbeiteten Form veröffent­licht. In der zugrundeliegenden Buchpublikation wird der Freundschaft als einer beson­deren weltlichen Tätigkeit anhand von fünf Filmen in einer Engführung mit dem Denken Hannah Arendts nachgegangen.1 In der Publikation konnte so anhand des Films Stand by Me — Das Geheimnis eines Sommers  (R: Rob Reiner, 1986) und den Gedanken Hannah Arendts zum Urteilen das Miteinander-Sprechen als eine wesentliche Tätigkeit zwischen Freunden2 beschrieben werden. Bedeutend ist die Erfahrung der Pluralität.3 Diese ist nur handhabbar, sofern die Freunde generalisierende Vorurteile überwinden und zu freien, eigenständigen und die jeweiligen Standpunkte reflektierende Urteile kommen und in diesem Zuge auf einen Sinn des Miteinanders rekurrieren. Anhand des zentralen Ge­sprächs zwischen den Freunden Gordie und Chris wird auf den folgenden Seiten exempla­risch gezeigt, wie die Reflexion der Standpunkte und das damit verbundene Urteilen auch von der Darstellung des zu beurteilenden Falles abhängt. In den Fokus gerät die Darstel­lung als ein bisher wenig beachteter Aspekt der Arendtschen Analyse der Kritik der Ur­teilskraft von Immanuel Kant. Abgeschlossen wird der Artikel mit einer Begründung, weshalb der »Geschmack als eine Art sensus communis« unabdingbar für das Miteinan­der-Sprechen unter dem Gesichtspunkt der Pluralität ist.

 

1. Das Problem des Mündigwerden

In dem Film Stand by Me — Das Geheimnis eines Sommers verlassen die vier Freunde Gordie (Wil Wheaton), Chris (River Phoenix), Teddy (Corey Feldman) und Vern (Jerry O’Connell) ihre Kleinstadt Castle Rock, um die Leiche eines verunglückten Jungen zu su­chen. Auf diesem zweitägigen Tripp entlang einer Bahnstrecke in Nordamerika stellen sich die Vier ihren Ängsten und den Mythen, mit denen sie aufgewachsen sind. Dabei merken sie schnell, dass kaum etwas so ist, wie es in den Erzählungen ihres Heimatortes tradiert wird. Im Mittelpunkt des Films steht deshalb nicht die Reise oder das Zusam­mensein der vier Gefährten, sondern das, was deutschen Kritikern als »Verlust der Unbe­fangenheit«4 oder »Verlust der kindlichen Unschuld«5 aufgefallen ist.
Dabei sind alle Vier nur in dem Sinne unschuldig, dass sie noch nicht in den weiteren Kreis einer erwachsenen Welt hineingetreten sind, in der sie etwas eigenständig verant­worten. Ihre Unschuld ist eine Ummündigkeit, die auf Vorurteilen und Phantasien be­ruht, die sie von ihren Eltern und ihrem Umfeld mitbekommen haben und anhand derer sie geradezu schematisch die Welt ordnen. Wenn also die Kritiker den Verlust der Un­schuld ansprechen, weisen sie darauf hin, dass die Jungs mündig werden und lernen, Dinge mit eigenen Augen zu sehen, eigene Erfahrungen zu machen und darüber zu urtei­len. Die Suche nach dem Leichnam, »the ultimate object of wonder«6, wird zum Anstoß, aus der durch die Erwachsenen bestimmten Kindheit auszubrechen. Die Vier wollen et­was mit eigenen Augen sehen. So erkennen sie zum Beispiel, dass das angsteinflößende und sagenumwobene Ungetüm Chopper lediglich ein harmlos kläffender Hund ist. Die Konfrontation mit dem Tier steht paradigmatisch dafür, dass sie beginnen, wahrzuneh­men, was wirklich da ist: »Chopper was the first lesson in the vast difference between myth and reality.«7 Erst die direkte Konfrontation mit der »grausamen Wirklichkeit« führt zu einem Abstreifen von an sie herangetragenen Vorstellungen.8 Die Freunde verlie­ren nicht ihre Unschuld, sondern – und das scheint das Wesentliche – sie lernen die an sie herangetragenen Mythen, Phantasien und vor allem Vorurteile zu überprüfen.
Im Zentrum stehen aber nicht allein die auf der Reise gemachten Erfahrungen. Nicht alles lässt sich empirisch überprüfen. Vergangene Taten zum Beispiel nicht. Von Beginn an prägt der Verdacht, Chris — Gordies bester Freund — habe das Milchgeld seiner Klasse gestohlen, die Beziehung zwischen den Freunden. Begleitet wird dieser Verdacht von der Tatsache, dass Chris der jüngste Sohn einer stadtbekannten Familie ist. »He came from a bad family and everybody knew he’d turn out bad … .«9 Ob Chris tatsächlich ein Dieb ist, wie es in Castle Rock angenommen wird, ist die zentrale Frage, an der sich die Freund­schaft zwischen Chris und Gordie entscheidet. Mit Hannah Arendt lässt sich diese Suche nach der Wahrheit als eine Prüfung in Form der Überwindung von tradierten Einstellun­gen und Vorurteilen anderer und als Aufdeckung verschiedener Standpunkte analysieren. Zentral dafür ist die (politische) Fähigkeit des Miteinander-Sprechen, als ein Modus frei und selbständig zu einem neuen Urteil zu kommen. Es ist ein Verstehen »ohne Geländer« anhand des Gesprächs.10 Im Gespräch wird trainiert, die Standpunkte seiner Mit­menschen verstehen zu können, um anschließend zu einem eigenen Urteil zu kom­men.11
Das Auftreten solch einer reflektierenden Prüfung verortet Hannah Arendt im »Zeital­ter des Kritizismus«. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts habe ernst machen wollen mit der »Befreiung von Vorurteilen, von Autoritäten« und meine deshalb »einen reinigenden Vorgang« unter Menschen.12 Für Arendt, die in den Schriften Kants das »Selbstdenken« und die damit verbundene antike kritische »Kunst des Unterscheidens« antraf,13 besteht die Überwindung der Vorurteile darin, denkend, d. h. untersuchend, unter und mit ande­ren Menschen zu sein und sich einander mitzuteilen. Das kritische Denken, so folgert sie, ist von einem mitteilendem Gebrauch abhängig und schließt ausdrücklich die Anwesen­heit von anderen Menschen ein, »an die man sich wenden kann, die zuhören und denen man zuhören kann«14. Die Wahrheit wird nicht allein im stillen Kämmerlein gedanklich erforscht, sondern an ein mitteilendes Verhältnis gebunden.15 Damit ist Arendt ganz bei Kant: »Denn es ist ein Naturberuf der Menschheit, sich, vornehmlich in dem, was den Menschen überhaupt angeht, einander mitzuteilen.«16 Weil die Aufklärung und die Über­windung von Vorurteilen so eng mit dem Mitteilen verbunden ist, spielt das Miteinander-Sprechen für das Mündigwerden eine so herausragende Rolle.

Schon im grundlegenden Gedankengang Kants Was ist Aufklärung? ist die Verstandes- bzw. Vernunftleistung in Abhängigkeit zum menschlichen Miteinander gesetzt. Dieses Miteinander wird bekanntermaßen von der Bevormundung durch andere unterschieden.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündig­keit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines ande­ren zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eige­nen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.17
Aufklärung heißt bei Kant, die Freiheit, also die Unabhängigkeit, zu fordern, miteinan­der zu reden, um herauszufinden, was womöglich Vorurteile sind.18 Nur im unabhängigen Mitteilen findet der Einzelne den sogenannten »Probierstein«, an dem überhaupt die Er­gebnisse der Vernunft und des Verstandes geprüft werden können.19 »Die Vernunft ist nicht dazu gemacht, daß sie sich isoliere, sondern in Gemeinschaft setze.«20 Kants Aufruf zur Aufklärung und damit zur Mündigkeit schließt somit nicht nur ein, seinen eigenen Verstand zu benutzen. Aufklärung heißt vor allem, so mutig zu sein, dass man das Ergeb­nis seines Denkens veröffentlicht, also einer Öffentlichkeit zur Prüfung stellt.
Kants Begriff der Öffentlichkeit changiert zwischen einer allgemeinen und einer sich auf Vernunft verstehenden Öffentlichkeit.21 Jürgen Habermas kritisiert diese Ungenauig­keit. »Die Stellung des Publikums ist zweideutig: einerseits unmündig und der Aufklä­rung noch bedürftig, konstituiert es sich andrerseits als Publikum schon unter dem An­spruch einer Mündigkeit solcher, die der Aufklärung fähig sind.«22 Habermas’ Beobach­tung deutet anscheinend auf eine Leerstelle in Kants Gedankengang. Nämlich, ob man sich überhaupt sicher sein kann, dass auch alle ihre Vernunft gebrauchen oder nicht doch noch in unaufgeklärten Vorstellungen verhaftet sind. Seine Bemerkung markiert ein Pro­blem, welches zentral für das Miteinander-Sprechen unter Freunden ist: Wer ist mein Freund und ist in der Lage, mein Gesprochenes ebenso vorurteilsfrei zu beurteilen, wie ich es meine? (Oder womöglich kantisch: Wie muss eine allgemeine Öffentlichkeit ausge­zeichnet sein, um allgemeingültig und vernünftig zu urteilen?) Dieses Problem lässt sich nicht einfach aus der Welt schaffen. Was ist also die Grundlage des Miteinanders-Spre­chens, um sich des Vernunftgebrauchs versichern zu können?

Das Problem lässt sich mittels einer von Kant eher beiläufigen Bemerkung in einer Fuß­note im Text Was heißt: Sich im Denken orientieren? angehen:

Sich im Denken orientieren, heißt also: sich bei der Unzulänglichkeit der objektiven Prinzipien der Vernunft im Fürwahrhalten nach einem subjektiven Prinzip derselben be­stimmen.23
Der Satz öffnet zunächst eine erkenntnistheoretische Perspektive. Er ist eine Absage an objektive, das heißt, in der Welt allgemein vorliegende und erkennbare Gegenstände, die das Orientieren ermöglichen. Das verschärft jedoch das Problem, denn alles, was wir wahrnehmen, gibt es nur aufgrund unserer Möglichkeit der Wahrnehmung und nicht auf­grund des Wahrgenommenen. In diesem Sinne fasst Kant en miniature die Grundaussa­gen der Kritik der reinen Vernunft zusammen und bestimmt den einzigen Ausweg: Dass wir uns trotzdem denkend in der Welt bewegen und uns darüber verständigen können, ist darin begründet, dass wir alle aufgrund unserer Erkenntnisvermögen transzendentalen Prinzipien unterworfen sein müssen.24 Ich kann mich in Raum und Zeit bewegen, weil ich in der Lage bin, von mir aus rechts und links zu bestimmen. Das sind keine von außen herangetragenen Richtungen, sondern es sind Bewegungsangaben, die aus der Fähigkeit des Bewegens und des bewussten Bestimmen-Könnens dieser Bewegung resultieren — in diesem Sinne subjektiven Ursprungs sind.25 Mit subjektiv ist also ein prinzipielles Vermö­gen angesprochen, das trotzdem für alle Menschen gilt.26 Was das individuelle Denken anbetrifft, sind damit zumeist Verstand und Vernunft gemeint. Vernunft und Verstand helfen, allgemein zu sein und sich an allgemein gültigen Kategorien zu orientieren und besondere Fälle darunter zu subsumieren bzw. einzuordnen. Die Frage, die man sich aber in Bezug auf das Miteinander stellen muss, wäre die nach einem subjektiven Prinzip des Miteinanders, das einem erlaubt zu erkennen, wer vernunft- und verstandesgemäß urtei­len kann.

Um so einem subjektiven Prinzip des Miteinanders näherzukommen, soll zunächst das subjektive Prinzip der Vernunft erläutert werden. Erstens, weil Kant hier schon den Pro­bierstein der Öffentlichkeit in den Menschen selbst hineinverlagert, und zweitens, weil der Maßstab dieses Denkens die Allgemeingültigkeit ist:

Selbstdenken heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d. i. in sei­ner eigenen Vernunft) suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklä­rung. [...] Sich seiner eigenen Vernunft bedienen, will nichts weiter sagen, als bei allem dem, was man annehmen soll, sich selbst fragcn: ob man es wohl tunlich finde, den Grund, warum man etwas annimmt, oder auch die Regel, die aus dem, was man an­nimmt, folgt, zum allgemeinen Grundsatze seines Vernunftgebrauchs zu machen.27

Was Kant hier über den Probierstein sagt, hat Arendt mit zwei Zitaten aus Kants Brie­fen an Marcus Herz anders zu fassen versucht:

Daß vernünftige Einwürfe von mir nicht bloß von der Seite angesehen werden, wie sie zu widerlegen sein könnten, sondern daß ich sie jederzeit beim Nachdenken unter mein Urteile webe und ihnen das Recht lasse, alle vorgefaßten Meinungen, die ich sonst beliebt hatte, über den Haufen zu werfen, das wissen Sie. Ich hoffe immer, dadurch daß ich mei­ne Urteile aus dem Standpunkt anderer unparteiisch ansehe, etwas Drittes herauszube­kommen, was besser ist als mein voriges.28
Die Aufmunterungen u. Zerstreuungen müssen die Kräfte [des Gemüths/RR] in der Geschmeidigkeit und Beweglichkeit erhalten, wodurch man in Stand gesetzt wird, den Gegenstand immer auf andren Seiten zu erblicken und seinen Gesichtskreis von einer mi­kroskopischen Beobachtung zu einer allgemeinen Aussicht zu erweitern, damit man alle erdenklichen Standpunkte nehme, die wechselweise einer das optische Urteil des an­deren verifizierten.29
In allen Zitaten bestimmt Kant eine Maxime des Denkens, die auf einen Standpunkt re­kurriert und sich gleichzeitig auf einen Probierstein beziehen will, der angibt, ob man das Gedachte verallgemeinern kann. Der springende Punkt liegt darin, dass die Maxime des Denkens als »erweiterte Denkungsart« vom eigenen Standpunkt, also von den eigenen privaten Lebensbedingungen, abstrahiert und erst folgend das Allgemeine sucht. »Mit ei­ner ›erweiterten Denkungsart‹ denken heißt, daß man seiner Einbildungskraft lehrt, Be­suche zu machen […]«30, folgert Arendt. Das meint jedoch nicht, empathisch zu sein, son­dern vorurteilsfrei »das anzunehmen, was in den Köpfen derjenigen, deren ›Standpunkt‹ nicht der meinige ist, vor sich geht (wobei Standpunkt genauer meint: den Platz, auf dem sie stehen, die Bedingungen, denen sie unterworfen und die immer unterschiedlich sind, von Individuum zu Individuum, von einer Klasse oder Gruppe zu anderen)«.31
Arendt erläutert dies in ihren Überlegungen zum Urteilen. Sie wendet sich bekannter­maßen dem Urteilen in der Suche nach einer Tätigkeit zu, welche auf die Pluralität und die Besonderheit jeglicher menschlicher Situation reagiert. Fündig wird sie bei Kant nicht nur in den Briefen, sondern vor allem in der Kritik der Urteilskraft. Darin entdeckt sie Kants eigentliches »politisches« Buch.32 Das anhand der Dritten Kritik herausgearbeitete und das Urteilen vorbereitende Verfahren der »erweiterten Denkungsart« soll hier zu­nächst als das subjektive Prinzip der Vernunft bezeichnet werden. Es ist ein subjektives Verfahren des Denkens und meint zunächst einmal nichts anderes als die drei Maximen des Denkens zu verfolgen, die Kant bestimmt: »1. Selbstdenken; 2. an der Stelle jedes an­dern denken; 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.«33 Der Denkende wird auf dieser Weise von Arendt als ein Zuschauer in Gedanken bestimmt, der zu einem Urteil kommt.34 Dieser Aspekt des Urteilens als eine spezifische Form des Denkens und der Mo­ralfindung ist weitreichend diskutiert und problematisiert worden.35 In Bezug auf tatsäch­liche Gespräche zwischen verschiedenen Personen rückt eine andere Tatsache in den Vor­dergrund.
Wie unter anderem Jerome Kohn, Jennifer Pavlik oder Waltraud Meins zurecht beto­nen, bezieht Arendt in ihre politische Philosophie mit dem Rückgriff auf Kants Analyse des Urteilens in der Dritten Kritik dezidiert eine ästhetische oder empirische Komponen­te mit ein.36 Der Zuschauer reflektiert und urteilt zwar in Gedanken selbst, aber dies be­werkstelligt er aufgrund einer Mitteilung oder Affizierung. Es scheint dabei so, dass neben al­len Fragen, die Arendts eigenwillige Interpretation der Kritik der Urteilskraft betreffen, vor allem der Vorgang der Affizierung, respektive des Gesprächs in dem etwas beredet wird, erhellt werden muss.

Denn das Urteilen im Gespräch ist gekoppelt an die Präsentation dessen worüber geur­teilt werden soll. Das Denken der Standpunkte anderer hängt mit der Präsentation dessen zusammen, worüber geurteilt werden soll. So wird auch erst Habermas' Kritik an Kant re­levant. Es geht darum, wie etwas in einem Gespräch präsentiert werden soll, ohne zu be­fürchten, das der Gesprächspartner eben nicht frei urteilt und das Gespräch aufgrund von Unverständnis misslingt. Darauf könnte sich ein subjektives Prinzip des Miteinanders be­ziehen. Dieses subjektive Prinzip des Miteinanders wäre dann grundlegend dafür, dass das Mitteilen zwischen verschiedenen Personen funktioniert und niemand eine Vorverur­teilung der anderen fürchten muss. Das ist etwas anderes als das Urteilen in Gedanken und bedarf einer besonderer Aufarbeitung des Falles, um den es geht.

Im Folgenden soll das Gespräch der Freunde Chris und Gordie im Film Stand by Me   helfen zu zeigen, wie die Darstellung eines Falles und das Urteilen über denselben Fall als Tätigkeit zwischen einander verschiedenen Personen funktioniert. Ausgegangen wird von Arendts Analyse des Urteilens, als eine Tätigkeit des Miteinanders, dann wird exempla­risch das Gespräch herangezogen, um abschließend das dem Urteilen zugrundeliegende und die Pluralität beachtende subjektive Prinzip des Miteinanders herauszuarbeiten.

2.  Das urteilende Gespräch der Freunde

Der Ausgang von Arendts Überlegungen zum Urteilen Kants ist das Wahrnehmbare und anderen Mitteilbare. In den Ausarbeitungen zur Urteilskraft hat sich Kant demnach nicht schlicht mit der Lust am und der Kritik des Schönen beschäftigt, sondern mit dem Vermögen zur Mitteilung über das Schöne.37 Das Schöne bei Kant wird dabei nicht nur durch ein reines ästhetisches Empfinden ausgezeichnet oder durch eine allgemein zu­gängliche Kategorie, sondern durch die Lust der Zurschaustellung für andere. Diese Zur­schaustellung oder Darstellung nennt Kant ansinnen und meint die Verständigung, ohne  von vornherein kategorisiert zu haben oder sich rein privaten Gefühlen hinzugeben. Kants Urteilender muss »sein Wohlgefallen am Objekte jedem andern ansinnen, und sein Gefühl als allgemein mitteilbar, und zwar ohne Vermittlung der Begriffe, annehmen«.38 Ansinnen heißt dabei, etwas für andere wahrnehmbar zu machen, ohne es gleich als schön oder unschön absolut zu setzen und damit andere Urteile unmöglich zu machen.
Das auf die ›Ansinnung‹ folgende Urteilen nimmt bekanntermaßen in der Dritten Kritik Kants eine besondere Form an. Es ist ein freies Urteilen im Miteinander, das sich vom bestimmenden und logischen der Kritik der Vernunft unterscheidet. Das in der Kritik der Urteilskraft erläuterte Urteilen ist nicht logisch, indem es vom Begriff ableitet (bestimmend ist), sondern ästhetisch (reflektierend). D. h. es subsumiert nicht unter eine Regel, sondern sucht einen Ansatz aus der Betrachtung herkommend, um folgend mit an­deren ins Gespräch zu kommen. Es ist ein Geschmacksurteil. »Das Geschmacksurteil un­terscheidet sich darin von dem logischen: daß man das letztere eine Vorstellung unter Be­griffe vom Objekt, das erstere aber gar nicht unter einen Begriff subsumiert, weil sonst der notwendige allgemeine Beifall durch Beweise würde erzwungen werden können.«39 Das Geschmacksurteil rekurriert immer auf die Anwesenheit der anderen. Es schließt die Pluralität mit ein und ist für Arendt — man könnte sagen — ›politisches Urteilen‹, weil es den Beifall bzw. die Reaktion der anderen nicht vorschreibt, sondern herausfordert.
Deshalb lässt es sich auch auf Gespräche unter Freunden beziehen, in denen sich ge­genseitig Tatsachen und Probleme angesinnt werden, die manchmal nicht von vornherein unter Regeln zu subsumieren sind aber bestimmen wollen, wie ein Freund zu reagieren habe. Im Film Stand by Me ist es die Frage, ob Chris ein Dieb ist oder nicht und ob Gordie mit einem Dieb befreundet sein will oder nicht. Weil sich an dieser Frage die Freund­schaft der beiden entscheidet und die Antwort aus diesem Grund nicht einseitig bestim­mend erfolgen kann, müssen die beiden Jungs — und vor allem Chris — einen Weg fin­den, die Anschuldigung des Diebstahls zu besprechen.40
Wie funktioniert nun das Gespräch, das von einer Präsentation zu einem reflektieren­den Urteil führen soll? Im Urteilen bezieht sich Arendt  zunächst auf Kant. In den Fo­kus rückt dessen Herausarbeitung des Vermögens der Einbildungskraft und der damit ver­bundenen Reflexionsfähigkeit. Bei Kant ist die »Einbildungskraft [...] das Vermögen, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen«.41 Arendt hebt hervor, dass die Einbildungskraft dabei auf zwei Wegen funktioniere. Entwe­der die Einbildungskraft rekurriert auf das, was Arendt von Kant kommend Schema nennt — ohne dieses sich überhaupt niemals eine Sache als Sache, z. B. ein Dieb als ein Dieb be­stimmen ließe.42 Oder sie trifft auf ein Beispiel und sucht eine allgemeine Regel, »um in dem Besonderen das zu sehen, was für mehr als einen Fall gültig ist«43. Auf beiden Wegen wird die Einbildungskraft aufgrund einer Darstellung aktiviert bzw. die Wahrneh­mung affiziert. Im ersten Fall wird das Wahrgenommene mit einem in Gedanken vorge­prägten Schema mittels Einbildungskraft synthetisiert: Ich weiß, wenn jemand Geld ge­stohlen hat, ist dieser Jemand ein Dieb und womöglich eine schlechte Person. Im zweiten Fall hingegen nimmt man etwas Besonderes wahr, für das eine Regel als ein allgemeines Prinzip des Wahrnehmen erst gefunden werden muss: Das Geld ist weg, ein mutmaßlich Schuldiger gefunden, aber heißt das, er ist ein Dieb und gleichzeitig eine schlechte Per­son?

Das als Besondere zur Wahrnehmung Gestellte in Stand by Me ist also das Verschwin­den des Milchgeldes der Schulklasse. Chris, der zum Zeitpunkt des Verschwindens ver­antwortlich für das Geld war, wird von allen als Dieb beschuldigt und gemieden. Das ist eine subsumierende Bestimmung anhand folgenden Schemas: Nur mißratene Menschen stehlen Geld. Chris kommt aus einer mißratenen und stadtbekannten Familie. Das in sei­ner Obhut befindende Geld ist verschwunden. Getreu  dem Sprichwort, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, kann also nur Chris das Geld gestohlen haben und ist dement­sprechend auch eine schlechte Person. Demnach wäre es nicht gut, mit Chris be­freundet zu sein. Dieser subsumierende Schluss läuft aber ohne Chris ab. Chris’ Stand­punkt ist hierin weder eingenommen noch vergegenwärtigt. Es gibt keine Pluralität der Standpunk­te und Anschauungen, sondern eine übergreifende Vorverurteilung.

Arendt schreibt, dass die Einbildungskraft des reflektierenden Urteilens anders funk­tioniert. Diene die Einbildungskraft dem Verstand in der subsumierenden Synthetisie­rung von Gegenstand und Schema, so dient der Verstand der Einbildungskraft, wenn es um die Beurteilung besonderer Fälle geht, wo ein Schema unklar oder gar unbekannt ist.44 Die Einbildungskraft muss in der Politik oder in Angelegenheiten zwischen Menschen ak­tiviert sein, um der Pluralität überhaupt beizukommen. Menschen und menschliche Handlungen sind aufgrund ihrer Standortgebundenheit und zugrundeliegenden Pluralität nicht subsumierend zu schematisieren, sondern müssen immer wieder neu beurteilt wer­den. Das von Arendt in der Folge Kants vorgeschlagene Reflektieren der Standpunkte, oder die »Operation der Reflexion«45, ist der sich anschließende Vorgang der zum Urtei­len führt. Diese Reflexion kann aber nur auf die Aktivierung der Einbildungskraft folgen. Sie muss auf eine dementsprechend aufbereitete Darstellung reagieren, die von vornher­ein eine simple Schematisierung ausschließt.
Diese Funktion übernehme das Beispiel. Dieses trage in sich eine allgemeine Regel, die im Urteilen gefunden werden muss.46 Arendt selbst hat das Präsentieren von Gegenstän­den oder Beispiele in ihrer Analyse zum Urteilen nur dann herausgestellt, wenn Geschich­te oder Geschichten von oder über Handelnde erzählt und Zuschauern zur Betrachtung vorgestellt werden. Es scheint dabei so, dass der Zuschauer, dabei der wichtigere ist.47 Zieht man jedoch die Vita activa und ihren Text über Isak Dinesen zur Bedeutung des Ge­schichtenerzählens heran, ergibt sich eine etwas andere Gewichtung.48 Dem Geschich­tenerzählen werden politische, das heißt die Pluralität der Menschen beachtende, Funk­tionen zugeschrieben. Zum einen exponiert sich in der Geschichte der Held als Handeln­der. Mittels seiner Geschichte schaltet er sich in das Miteinander ein und riskiert ein un­verrückbares Bild, so und nicht anders zu sein. Dazu braucht es den Mut, sich überhaupt einschalten zu wollen.49 Zum anderen »[enthüllt] das Geschichtenerzählen […] den Sinn, ohne den Fehler zu begehen, ihn zu benennen […]«50. Das Geschichtenerzählen selbst ist eine politische Aktivität deshalb, weil das Geschehen unter die Menschen tritt, die den Sinn darin erkennen. Das kann erhellend sein. Aber Arendt warnt: »Und doch […] müs­sen wir gewahr werden, wie das kleinste Mißverständnis, die geringfügigste Verschiebung einer Betonung in die falsche Richtung unvermeidlich alles ruinieren wird.«51 Hier ist Ha­bermas' Befürchtung einer unverünftigen beurteilenden Menge um die Befürch­tung ergänzt, dass nicht richtig erzählt, d.h. Gedanken ungünstig dargestellt werden.
Nicht umsonst vergleicht Arendt deshalb die Präsentation einer Handlung mit dem an­tiken griechischen Theater.52 Die griechische Tragödie wiederhole Handlungen für ein Pu­blikum (sprechend) und weise deshalb in der mimetischen (d.h. darstellenden) Art auf das »So-und-nicht-anders-Sein der handelnden Personen« hin. So wird eine mögliche Perspektive des Geschehens präsentiert, die der Zuschauer (mittels der Fähigkeit der Ein­bildungskraft, d.h. dem eigenständigen Nachvollzug der Handlung) sich vergegenwärti­gen kann.53 Für Arendt ist das Theater deshalb die »politische Kunst par excellence«, weil »im lebendigen Verlauf der Vorführung, […] die politische Sphäre menschlichen Leben überhaupt so weit transfiguriert [wird], daß sie sich der Kunst eignet«54. Oder umgekehrt: Erst die mimetische Wiederholung der Handlung bereitet diese für das Urteilen (der Zu­schauer) auf.

Genau so einen mimetischen Weg geht Chris im Film Stand by Me. Er folgt dem Modell des antiken griechischen Theaters und wiederholt das Geschehen für seinen Freund. Die Kunst besteht nun darin, die Tat so zu wiederholen (und damit die Einbildungskraft Gor­dies in spezifische Weise zu aktivieren), dass Gordie zu einem eigenen Urteil kommt. Chris muss Gordie dazu bringen, dass dieser eigenständig über den Diebstahl des Milch­geldes und darüber, ob Chris eine schlechte Person ist oder nicht, reflektiert und einen Sinn bestimmt. Sein Problem ist deshalb, wie sich das darstellen lässt, ohne der Gefahr ei­ner subsumierenden Bestimmung zu erliegen? Wie teilt man sich mit, ohne dass etwas unter einer Regel bestimmt wird, das heißt in diesem Falle, ohne sich schuldig oder un­schuldig zu bekennen oder am Ende gar als Lügner dazustehen und damit dem Urteil vor­zugreifen? Wie nimmt der Andere etwas wahr, worüber dieser dann auch folgend und vor allem vorurteilsfrei reflektieren kann? Die Operation der Reflexion hängt von der Darstellung des Geschehenen ab.

Chris und Gordie unterhalten sich zwei Mal intensiv miteinander. Im ersten Gespräch reden sie über ihre Zukunft.55 Dieser Dialog bereitet das zweite Gespräch der beiden vor. Hier geht es nun um Chris und um die Frage, ob er das Milchgeld gestohlen hat. Es be­ginnt mit der Überlegung, inwieweit die Freunde zusammenbleiben können.56

Gordie: Maybe you could go into the college with me.

Chris: That’ll be the day.

Gordie: Why not. You’re smart enough.

Chris: They wont let me.

Gordie: What do you mean?

Chris: It’s the way the people think of my family in this town. It’s the way they think of me. I’m just one of those low-life Chamber kids.

Während der Rede wechselt die Kamera in Schuss-Gegenschuss und Closeups der Ge­sichter.

Gordie: That’s not true.

Chris: Oh, it is. – No one even asked me if I took the milk money that time. I just got a three-day vacation.

Closeup des Gesichts von Wil Wheaton.

Gordie: Did you take it?

Chris: Yeah, I took it. You knew I took it. Teddy knew I took it. Everyone knew I took it. Even Vern knew, I think.

Schweigen.

Chris: Maybe I was sorry, and I tried to give it back.

Gordie: (skeptisch) You tried to give it back?

Chris: Maybe, just maybe. And maybe I took it to Old Ladys Simons and told her, and the money was all there. But I still got a three-day vacation, because it never showed up. And maybe the next week, old Lady Simons had this brand new skirt on when she came to school.

Gordie: (aufmerkend) Yeah, it was brown and it had dots on it.

Chris: Let’s just say that I stole the milk money, but old Lady Simons stole it back from me. Just suppose that I told this story. Me, Chris Chamber, kid brother to Eyeball Cham­bers. Do you think anyone would have believed it?

Gordie: No.

Chris: You think that bitch would have tried that if it had been one of those douche bags from The View, if they had taken the money?

Gordie: No way.

Hier fällt er aus dem Konjunktiv raus. Chris schaut jetzt auch nicht mehr Gordie an, sondern wendet sich mit dem Blick nach vorn. Für den Zuschauer nach links.

Chris: Hell, no. But with me. – I’m sure she had her eye on that skirt for a long time. Anyway, she saw her chance and she took it. I was the stupid one for even trying to give it back.

Chris fängt an zu weinen.

Chris: I never thought ... I never thought that a teacher ... oh, who gives a fuck anyway ... I just wish that I could go someplace where nobody knows me.

Gordies »Maybe you could go into the college with me« leitet die Fortsetzung des ersten Gespräches ein. Im Zentrum des darauf folgenden Dialogs steht aber nicht mehr die Zu­kunft der beiden, sondern die mutmaßliche Tat Chris’, das Milchgeld gestohlen zu haben. Die Tat und deren Verurteilung durch die Einwohner ihrer gemeinsamen Heimatstadt Castle Rocks werden jetzt besprochen.

Chris’ Darstellung des Falles fordert ein Urteil Gordies und ermöglicht gleichzeitig die Vorurteile zu erkennen, mit denen er konfrontiert ist. Diese Vorurteile äußern sich im Umgang mit dem verschwundenen Milchgeld und haben Auswirkungen auf die Zukunft Chris’. Denn auf die Frage, ob Chris mit auf’s College gehen möchte, erwidert er: »They won’t let me.« Mit they meint Chris die LehrerInnen und EinwohnerInnen Castle Rocks. Alle wissen, wer Chris’ Vater ist, dass sein ältester Bruder im Gefängnis sitzt und der an­dere Bruder seine Zeit mit einer marodierenden Gang verschwendet. Chris ist durch ein Vorurteil in Sippenhaft genommen. Er könnte noch so intelligent sein, es wird ihm nicht ermöglicht, aufs College zu gehen. So lautet die Fabel seiner Erzählung. Diese wird jedoch auf eine Weise nahegebracht, die Einbildungskraft und ein Urteil über Chris von seinem Freund (und den ZuschauerInnen) abverlangt. Denn Chris ist sich nicht sicher, ob Gordie womöglich wie alle anderen denkt.

Deshalb wendet Chris einen Trick an. Er sagt nicht, er hat das Milchgeld gestohlen, sondern er stellt das Geschehen dar. Bemerkenswerterweise wird die Geschichte des Milchdiebstahls in der Vergangenheitsform und im Konjunktiv erzählt. Schon in der Hin­wendung an Gordie wird das klar: »You knew I took it. Teddy knew I took it. Everyone knew I took it. Even Vern knew, I think.« Chris deutet auf den Umstand der Situation hin, in der jeder gewusst zu haben glaubte, Chris habe das Geld genommen. Er zielt nicht dar­auf ab, ein Geständnis abzulegen. Er zielt darauf ab, dass alle es von vornherein gewusst hätten – auch Gordie. Chris weist mit der Verwendung des Verbs »to know« in der Ver­gangenheit auf die Vorurteile hin, mit denen ihm alle begegnet sind. Diese Form hilft da­bei, eine Situation zu vergegenwärtigen, die zwar längst passiert ist, aber unklar wie ge­nau.

Chris stellt seine private Lebenswelt, in der er leben muss, mittels eines Gedankenspiels vor. Er regt die Einbildungskraft Gordies an, sich in seine angenommene Lage zu verset­zen, ohne direkt zu bestimmen, was passiert ist. Chris stellt seine Position dar und macht sie erlebbar. Kantisch: er sinnt sie Gordie an. Auf diese Weise wird die Einbildungskraft Gordies aktiviert, um auf das Dargestellte zu reflektieren. Das Gespräch der Freunde ver­deutlicht, wie die Darstellung die Einbildungskraft in Gang setzt. Einerseits kann Gordie die Erzählung selbständig weiter führen (»Yeah, it was brown and it had dots on it.«), an­dererseits fordert Chris eine Reflexion heraus »Do you think anyone would have believed it?« Gordie: »No«. Die Darstellung ermöglicht der Einbildungskraft, auf den Standpunkt des Anderen einzugehen. Sie ermöglicht einen selbstständigen Nachvollzug und die Ein­nahme des Standpunktes des Anderen.

Dabei ist der Dialog zwischen Gordie und Chris deshalb so bemerkenswert, weil die Freunde anscheinend zum ersten Mal darüber miteinander sprechen, wie sie zusammen in der sie umgebenden Welt leben. Die Jungs erfahren im Gespräch, dass sie von Vorur­teilen oder Schemata umgeben sind, die ihnen lange Zeit als Maßstäbe dienten, die aber nicht mehr unbedingt zutreffend sein müssen. Für Arendt sind Vorurteile Meinungen, mit denen wir täglich im Umgang mit anderen zu tun haben. Sie sind deshalb nicht per se schlecht. Ihre personale Ungebundenheit mache sie leichter anschlussfähig und ermögli­che somit überhaupt eine Orientierung in einer zunächst unbekannten Welt.57 Nur muss irgendwann der Punkt erreicht werden, an dem man die Vorurteile auf ihre Gültigkeit hin befragt. Denn »[b]eim näherem Zusehen ist [...] ein echtes Vorurteil daran zu erkennen, daß sich in ihm ein einmal gefälltes Urteil verbirgt, das ursprünglich einen ihm angemes­senen legitimen Erfahrungsgrund hatte und zum Vorurteil wurde, weil es unbesehen und unrevidiert durch die Zeiten geschleppt wurde«.58 Deshalb bestehe die Gefahr des Vorur­teils darin, dass es in der Vergangenheit »ungewöhnlich gut verankert ist«59 und darum dem Urteilen vorgreifen und es verhindern könne: »Will man Vorurteile zerstreuen, so muß man immer das in ihnen erhaltene vergangene Urteilen erst einmal wieder entde­cken, also eigentlich ihren Wahrheitsgehalt aufzeigen.«60
Vorurteile sind also laut Arendt lediglich in der Vergangenheit gefällte Urteile, deren Gültigkeit sich in der Gegenwart erneut beweisen müsste.61 Weil sie aber durchaus sche­matisch wirken, muss die Prüfung anders funktionieren. Deshalb versucht Arendt bei dem Besonderen zu bleiben. Sie legt bei Kant frei, dass, »wo man nicht ein Besonderes ei­nem Begriff unterordnet, [...] einem das Beispiel [...] in der gleichen Weise [hilft], in der das Schema half«, einen Dieb als Dieb zu erkennen.62 Aber das Beispiel ist von anderer Gestalt. Das Beispiel schlägt nämlich vor, zu schauen, was den Dieb ausmacht, statt schlicht zu bestimmen, wer ein Dieb ist. Es sucht das erste Urteil auf. Das Beispiel regt so­mit ein völlig neues Urteilen an, das nicht etwas unter etwas schon Bestimmtem subsu­miert, sondern über etwas »exemplarisch« urteilt, »um in dem Besonderen das zu sehen, was für mehr als einen Fall gültig ist«.63

Chris’ Darstellung funktioniert für Gordie wie für uns Zuschauer als so ein Beispiel. Alle werden von Chris in einer bestimmten Unklarheit gehalten, wer tatsächlich der Übeltäter ist. Chris stellt in seiner Erzählung etwas zur Wahrnehmung, indem er ein verfremdendes ›vielleicht‹ einfügt. Die Wendungen »Let’s just say that« und »maybe« werden bis zum Ausbrechen des Weinens verwendet. So lange beschuldigt Chris niemanden, ebenso wie er es sprachlich offen hält, ob er das Geld zurückgebracht hat. Damit fordert Chris seinen Freund und den Zuschauer heraus, ein Urteil zu fällen. Dieses absichtliche Umgehen ei­ner Lüge, dieses Herausfordern eines Urteils von Gordies Seite kennzeichnet dieses dar­stellende Gespräch. Gordie und dem Filmpublikum wird die Chance gegeben, sich selbst in die Position von Chris hineinzuversetzen, ohne sich in ihn einzufühlen. Es geht ledig­lich darum, den Standpunkt von Chris zu verstehen: Es geht dabei gar nicht um den Dieb­stahl, sondern um etwas anderes: Niemand in Chris’ familiärer und tatsächlicher Situati­on wäre überhaupt imstande, seine Unschuld zu beweisen. Deshalb muss selbst Gordie eingestehen, dass natürlich niemand Chris glauben würde, würde er die Geschich­te so erzählen, dass die Lehrerin ihm das Geld gestohlen hat. Erst nach dem Eingeständ­nis, dass selbst Gordie es zunächst nicht habe glauben können, bricht Chris die Erzählung ab, beginnt zu weinen und kommt wieder ins Präsens. Dabei spielt die eigentliche Straftat überhaupt keine Rolle mehr, sondern jetzt wird das Urteil an der Situation gemessen, in der sich Chris befindet.

Das folgende und reflektierende Urteil ersetzt das Vorurteil, weil die Einbildungskraft nicht lediglich reproduktiv ableitet, sondern produktiv agiert.64 Diese Einbildungskraft funktioniert weder schematisch, noch bringt sie etwas auf einen Begriff. Sie ist frei: »Nur da, wo die Einbildungskraft in ihrer Freiheit den Verstand erweckt, und dieser ohne Be­griffe die Einbildungskraft in ein regelmäßiges Spiel versetzt: da teilt sich die Vorstellung, nicht als Gedanke, sondern als inneres Gefühl eines zweckmäßigen Zustandes des Ge­müts, mit.«65 Diese Einbildungskraft ist um das Vermögen erweitert worden, sich etwas vorzustellen, was nicht unter einen Begriff mittels einem Schema zu bringen ist. Das von Arendt identifizierte Politische an Kants Dritter Kritik ist die, um das Vermögen etwas Dargestelltes zu reflektieren statt zu bestimmen, erweiterte Form der Einbildungskraft. Erst so werden neue Urteile ermöglicht. Gordie sieht, dass egal was Chris anstellt, er im­mer als ein Schuldiger angesprochen wird. Das neue Allgemeine ist nicht die Identifizie­rung eines Diebes, sondern der Nachvollzug, wie Vorurteile funktionieren. Nach Arendt fordert das Beispiel somit das Schema heraus. Die Kritik der Urteilskraft ist deshalb politisch, weil sie nicht Etwas als Etwas bestimmt, sondern auffordert, über etwas zu re­flektieren und ein bis dahin unbekanntes Allgemeines zu finden.66  In diesem Falle ist das neue unbekannte Allgemeine, die Entdeckung der Auswirkungen von Vorurteilen. Chris mag immer noch ein Dieb sein, aber sein Beispiel zeigt, dass er deshalb nicht gleich eine schlechte Person ist, sondern er ist jemand, der unter so vielen Zwangslagen und Vorur­teilen handelt, dass sein ganzes Leben davon betroffen ist.
Rekapituliert heißt das, in der Kritik der reinen Vernunft dient eine erkenntnisgeleitete Einbildungskraft dem Verstand. Sinnliches wie Übersinnliches werden unter die Regeln des Verstandes gebracht und Gegenstände und Einzelfälle mittels Schemata geordnet. Im Zusammenleben der Menschen hat das seine Grenzen, die laut Arendt die Kritik der Ur­teilskraft überwinden will. Hier dient der Verstand der ›politischen‹ Einbildungskraft, die es ermöglicht, das Besondere als ein Beispiel für einen einzigartigen Fall zu sehen, dessen Allgemeinheit nicht schlicht vorgegeben ist, sondern gesucht werden muss. Diese Dre­hung ist für Arendt entscheidend, da sie die Einbildungskraft als eine vorbereitende Ope­ration des reflektierenden Urteilens bestimmt.67

Was bedeutet das aber für die Freundschaft von Chris und Gordie? Das Miteinander-Sprechen nimmt in der Freundschaft (Beispielhaft für in Pluralität des Miteinanders) die Form eines reflektierenden Urteils an. Geurteilt wird dabei nicht über den Freund, son­dern über dessen Standpunkt. Das Entscheidende in Bezug auf das Miteinander der Freunde ist dabei, dass der zu beurteilende Fall zwischen einem Zuhörer und einem Er­zähler eingespannt wird. Nur in der Mitteilbarkeit kommt der Standpunkt Chris’ über­haupt erst zum Ausdruck. Dessen Standpunkt ist, in den Vorurteilen Castle Rocks verhaf­tet zu sein, ohne etwas dafür zu können. Aber diese Tatsache spricht er nicht einfach aus. Er überlässt diese Entdeckung dem Spiel von Einbildungskraft und Reflexion Gordies. Dessen Urteil ist letztlich keines darüber, ob Chris ein Dieb ist oder nicht, sondern die Entdeckung der Vorurteile. Am Ende zeigt der Film, dass Gordie sich entschieden hat, ge­rade deshalb für Chris ein Freund zu sein.

Aber die entscheidende Frage ist damit eigentlich noch gar nicht beantwortet. Warum scheint es gerade so, als funktioniere diese Art des Miteinander-Sprechens nur unter Freunden, oder wie Habermas fragt, ja nur unter schon Aufgeklärten? Es fehlt nach wie vor ein Kriterium der Mitteilbarkeit. Wir können anscheinend nicht jedem etwas zum Ur­teilen stellen, weil wir nicht bei jedem sicher sein können, ob er im Sinne eines Schemas oder im Nachvollzug des besonderen Falls urteilt. Deshalb, so wird hier in der Folge Arendts behauptet, hat Kant den »Geschmack als eine Art von sensus communis« als eine Orientierungsgrundlage eingeführt. Er bezeichnet damit die Fähigkeit, mit anderen über etwas Besonderes urteilen zu können, und meint letztlich die Fähigkeit, ein Freund zu sein wollen. Der Geschmack gibt Aufschluss über das aus den Augen verlorene subjektive Prinzip des Miteinanders und verweist auf den wesentlichen Zug des Miteinander-Spre­chens und eine Einschränkung des Gedankens der Pluralität.

3. Der Geschmack als Wagnis

Im Geschmack ist Kant weit weniger auf eine Lösung der Beurteilung des Schönen als auf ein Problem gestoßen. Im Begriff Geschmack nimmt Kant eine neuzeitliche Vokabel in seine Philosophie auf,68 die verspricht, die individuelle Lust am Schönen mit einem all­gemein gültigen Urteil über das Schöne zu verbinden. Kant fällt auf, dass das schlicht nicht funktioniert. Entweder »[d]as Geschmacksurteil bestimmt seinen Gegenstand in Ansehung des Wohlgefallens (als Schönheit) mit einem Anspruch auf jedermanns Bei­stimmung, als ob es objektiv wäre«,69 oder »[d]as Geschmacksurteil ist gar nicht durch Beweisgründe bestimmbar, gleich als ob es bloß subjektiv wäre«.70 Entweder wir behaup­ten, etwas ist schön, und gehen davon aus, dass mit dem Wort ›schön‹ eine allgemein gül­tige Regel für alle verbunden ist; oder wir sagen, etwas ist schön, und meinen damit ledig­lich, dass wir etwas schön finden, wie jeder andere auch etwas schön finden kann. Aber weder, so stellt Kant fest, kann man Schönheit auf einen Begriff bringen, noch kann man erwarten, dass es nachvollziehbar ist, was man individuell schön findet. Und doch hält Kant am Begriff des Geschmacks fest. Warum?
Weil Kant den Geschmack mit dem Gemeinsinn verbindet, ist damit weder eine allge­mein gültige Regel noch ein individuelles Gefühl gemeint. Kant spricht damit ein Vermö­gen der Beurteilung an, was einer dem anderen mitteilt (ansinnt), ohne es auf einen ein­deutigen Begriff zu bringen, sondern lediglich auf ein »nicht gekanntes Allgemeines« be­zieht.71 »Der Geschmack ist also das Vermögen, die Mitteilbarkeit der Gefühle, welche mit gegebener Vorstellung (ohne Vermittlung eines Begriffs) verbunden ist, a priori zu be­urteilen.«72 Geschmack, so könnte man Kant paraphrasieren, ist weder ein Behaupten noch ein Verteidigen von ›Geschmäcke‹. Der Geschmack bezieht sich direkt auf die Mit­teilbarkeit. Der Geschmack ist dabei ein Risiko, weil damit eine Position bezeichnet wird, zu der man zustimmt oder eben nicht bzw. mit der man übereinstimmt oder eben nicht. Der »Geschmack als sensus communis« rekurriert dabei auf die anderen, nicht auf den Gegenstand selbst.
Im heutigen Begriffsverständnis ist dieser Gedanke schwer nachvollziehbar, da mit dem nichtkantischen Geschmacksbegriff eine Erkenntnisweise verbunden ist, Kants Ge­schmack aber nicht erkenntnisgeleitet ist, wie Hans-Georg Gadamer betont.73 Kant will auf den Geschmack als eine Art von sensus communis hinaus und auf die »Wirkung aus dem freien Spiel unsrer Erkenntniskräfte«.74 Kants Geschmacksurteil beurteilt nicht, in­dem etwas Besonderes unter eine allgemeine Regel subsumiert wird, sondern das Ge­schmacksurteil dient der Mitteilbarkeit, wie es Arendt es verdeutlicht.75 Nimmt man zum Beispiel an, ein versierter Blumenhändler und ein Philosoph stehen vor einer Rose und der Blumenhändler sagt: ›Diese Rose könnte ich mir in einem Bouquet von mehrfarbigen weiteren Rosen ganz wunderbar vorstellen‹ und der Philosoph erwidert daraufhin, ›durchsetzt mit weißen Rosen, stimme ich Ihnen zu‹, haben beide sich mitgeteilt. Sie ha­ben sich in ihrem Geschmacksurteil verständigt, auch wenn sie im Folgenden darüber streiten könnten, ob die weißen Rosen der Schönheit des ganzen Straußes nun zuträglich oder abträglich wären. Der Philosoph hat zumindest sogleich mittels der Einbildungskraft und der Reflexion die Vorstellung des Blumenhändlers ergänzt und auf dessen Vorstel­lung mit einer anderen geantwortet. Lautet die Antwort des Philosophen jedoch: ›Für Kant war die  Schönheit einer Rose ein Beispiel dafür, dass man kein Urteil über alle Ro­sen fällen kann, ist auf gar keinen Geschmack rekurriert und auch keiner eingesetzt wor­den. Der Philosoph und der Blumenhändler reden aneinander vorbei.
Hans-Georg Gadamer hat bedauert, dass Kant dem Geschmack damit nur eine sehr eingeschränkte Erkenntnisfähigkeit zugestanden habe. Trotzdem erkennt Gadamer darin die Besonderheit. Kant habe ein »subjektives Prinzip« bestimmt, das »damit den An­spruch des Geschmacksurteils auf Allgemeingültigkeit« annimmt.76 Kants Geschmack ist einer, der als »Wirkung aus dem freien Spiel unserer Erkenntniskräfte [...] wie ein äuße­rer Sinn« fungiert. Kants Geschmack setzt in Gemeinschaft, weil er etwas ansinnt.77 Das ist aber noch zu einseitig gedacht. Kants Begriff hängt nämlich auch an der Reflexion auf das, was angesinnt bzw. mitgeteilt wurde. Hätte der Philosoph dem Blumenhändler auf dessen Geschmacksurteil über die Rosen geantwortet: ›Ich finde Autos ganz fabelhaft‹ würde dies auf einen Mangel an der Fähigkeit, Geschmack aufzunehmen und darüber zu reflektieren, hinweisen. Auch die Reflexion bezieht sich auf die Anderen. Der Geschmack hängt somit an der Lust zur Mitteilung genauso wie an der Lust zur Reflexion.
Weil sich an der Lust zur Mitteilung und zur Reflexion entscheidet, wer tatsächlich mit­einander reden kann und wer nicht, rückt der Geschmack ins Zentrum der politischen Philosophie Hannah Arendts. »Es ist, als entscheide sich im Geschmack nicht nur, wie die Welt aussehen soll, sondern auch, wer in der Welt zusammengehört.«78 Der »Geschmack als ein sensus communis« betrifft deshalb in erster Linie somit nicht die Beurteilung von Gegenständen. Er ist in diesem Sinne zunächst interessenlos.
Im Geschmack entscheidet sich, wie die Welt qua Welt, unabhängig von ihrer Nütz­lichkeit und unseren Daseinsinteressen in ihr, aussehen und ertönen, wie sie sich ansehen und anhören soll. Der Geschmack beurteilt die Welt in ihrer Weltlichkeit; ihn interessie­ren weder das sinnliche Leben noch das moralische Selbst, denen er ein reines ›uninter­essiertes‹ Weltinteresse entgegensetzt. Für das Geschmacksurteil ist das Primäre die Welt, und nicht der Mensch, weder sein Leben noch sein Selbst.79
Hier drückt sich Arendt etwas unglücklich aus, weil ihr Weltbegriff nicht immer die na­türliche Welt bedeuetet, die jedem vorliegt, sondern in der heideggerschen Terminologie Mitwelt meint, die Menschen gemeinsam etablieren: »This world exists only for me inso­far as I share it with others.«80 Aber gerade weil Arendts Welt (Mitwelt) nie ohne die An­deren existiert, wird der Geschmack zum Indikator, wer eine gemeinsame Welt überhaupt vor Augen hat. Das ist das Weltinteresse. Uninteressiert ist dieses Weltinteresse, weil nicht das Selbst oder ein Subjekt ein Interesse verfolgt, sondern im Interesse einer Welt des Miteinanders zurücksteht.81 Damit man diese gemeinsame Welt als eine Welt des Mit­einanders aber vor Augen hat, braucht es den sensus communis bzw. den Gemeinsinn wie Hannah Arendt im Denktagebuch betont: »Der Gemeinsinn enthält die Bedingungen der Möglichkeit des Miteinander.«82 Man muss fähig sein, das Gemeinschaftliche wahrzuneh­men um in der Welt zu sein.
Im Gemeinsinn suchen Arendt und Kant einen Begriff, um an das Miteinander zu ap­pellieren. Aber der Begriff des Gemeinsinns birgt große Schwierigkeiten.83 Zunächst trägt Gemeinsinn im Deutschen den Wortbestandteil eines jedem geläufigen praktischen Le­benswissens. Gemein ist, was zum gesunden Menschenverstand gehört und sich auf Er­fahrungen bezieht, die Kant vulgär nennt. Kochendes Wasser ist heiß, der Himmel ist oben, Sommer ist wärmer als Winter, Autos können jemanden überfahren etc. Das alles weiß jedes Kind, es gehört zum gemeinen, d.h. gesunden Menschenverstand.84 Damit darf der sensus communis nicht verwechselt werden. Auch muss man den sensus communis von der erkenntnistheoretischen Begriffsverwendung unterscheiden, die sich auf Aristote­les’ Überlegungen zu einem synthetisierenden Sinn der Sinne (κοιν ασθησις) bezieht. Jener gemeinschaftliche Sinn koordiniert die Wahrnehmungen des Hörens, Sehens, Rie­chens, Schmeckens und Fühlens zu einem Gesamtbild.85 Aber an keiner Stelle geht es Kant und in der Folge Arendt darum, einen Sinn zu beschreiben, der sich schlicht als eine Zusammenfassung zu einem Gesamtbild versteht oder unter eine Regel subsumiert.
Mit Gemeinsinn als sensus communis spricht Kant einen menschlichen Sinn an, Ver­schiedenes und vor allem verschiedene Menschen im Urteilen reflektieren zu können, um letztlich zu einer allgemein gültigen Menschenvernunft zu kommen. Der Gemeinsinn ist der kultivierte Sinn, der sich im Zusammenleben ergeben muss. Deshalb weicht Kant auf den Begriff sensus communis aus, »welche[r] in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes andern in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt [...]«.86 Aber nicht auf die Weise, dass er die Sinne zusammenfügt, sondern weil er auf die Anderen rekurriert, die ebenfalls in der Welt existieren. D. h. der Gemeinsinn hilft, sich von dem eigenen individuellen Standpunkt zu distanzieren und zu einem allgemeinen Urteil zu kommen. Der Gemein­sinn als sensus communis wird von Kant als eine »bloße idealische Norm« vorausgesetzt, mittels der man mit den Anderen nicht übereinstimmen muss, sondern zusammenstim­men soll.87 Das heißt, der Gemeinsinn abstrahiert vom individuellen oder zufälligen Mei­nen. Der sensus communis nimmt wahr, dass es noch andere gibt, die anders urteilen können.
Deshalb ist dieser sensus communis ein »Sondersinn, der uns in die Gemeinschaft«88 einfügt, und damit jenes oben gesuchte subjektive Prinzip des Miteinanders. Der sensus communis ist ein subjektives Prinzip, weil er der Sinn dafür ist, dass da überhaupt noch andere sind, die andere Standpunkte haben. »Was mit anderen Menschen verbindet, was indiziert, dass wir mit anderen Menschen sind, ist unser ›common sense‹, der als solcher unser eigentlich politischer Sinn ist«, wie es Arendt betont.89 Im sensus communis geht es um die Fähigkeit, die Verschiedenheit der Menschen zu erkennen und daraus Ableitun­gen für die Welt zwischen ihnen zu tätigen. Den Sinn dafür, sich der Pluralität zu stellen und von den jeweils individuellen Standpunkten zu abstrahieren, bezeichnet der sensus communis. Mit dem sensus communis ist ein Sinn für die Verschiedenheit der Menschen angesprochen, der erst so etwas wie eine gemeinsame Welt ermöglicht.
Der Gemeinsinn deutet sich aber für andere erst im Geschmack an. Es ist, als treten wir im Geschmacksurteil aus uns selbst heraus und auf andere hinzu. »Im Geschmack ist der Egoismus überwunden, d. h. wir beachten die anderen, ihre Meinungen, Gefühle usw. Wir müssen unsere speziellen subjektiven Bedingungen um anderer willen überwinden.«90 Der »Geschmack als sensus communis« übersetzt die individuelle Sinn­haftigkeit in eine gemeinschaftliche. Der Geschmack überführt den Sinn in eine Mitteil­barkeit. Der Geschmack bezieht sich auf die Darstellung und auf das Dargestellte. Der Ge­schmack als sensus communis zeigt an, mit wem das Miteinander-Sprechen klappt, weil er den Willen zur Mitteilbarkeit, der dem Gemeinsinn entspringen muss, anzeigt.91

Dass der Geschmack eben kein Beurteilungsvermögen über den Geschmack eines ande­ren ist. Sondern er ist ein Indikator dafür, ob man mit jemandem sprechen und urteilen kann. Das  zeigt Stand by Me. Chris und Gordie können miteinander sprechen, weil sie sich aufeinander einlassen und Geschmacksurteile treffen, ohne sie unter feste Regeln zu subsumieren. Das Gespräch legt dabei offen, wie wer urteilt. Es zeigt, wer mein Freund oder wer nicht mein Freund ist, indem zur Sprache kommt, wer das freie Spiel der Einbil­dungskräfte und die Reflexion in gleicher Weise beherrscht. Der »Geschmack als sensus communis« ist also ein Beurteilungsindikator, der anzeigt, dass man a priori urteilsfähig (ästhetisch) ist, aber nie schon (subsumierend) geurteilt hat.

Da man diesem jedoch nicht vorweg sicher sein kann, ist der Geschmack das Wagnis der Pluralität. Erst nach der Mitteilung zeigt sich, wer in gleicher Art und Weise urteilt und mit wem man dementsprechend befreundet sein will oder nicht. Kants »Sapere Aude« bedeutet deshalb auch ›Geschmack wagen‹, um Freunde zum Urteilen zu finden. Habermas Befürchtung, dass man gar nicht wisse, wie die Öffentlichkeit gestaltet ist, ver­fehlt letztlich Kants Idee. Das Publizieren ist immer ein Wagnis. Es zeigt an, mit wem man überhaupt miteinander sein kann. »Denn der Geschmack ist nicht nur für das Ausse­hen der Welt bestimmend, sondern auch für die ›Wahlverwandtschaft‹ derer, die in die­ser Welt zusammengehören.«92 In diesem Sinne gehören das Mitteilen, als Wagnis der Darstellung des Geschmacks, und das Zuhören, als Reflexion auf das Dargestellte, zusam­men. Nur zusammen sind sie wesentliche Tätigkeiten in der Berücksichtigung der Plurali­tät.

 

Literatur

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Arendt, Hannah (2012b): Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politi­schen Denken I. Herausgegeben von Ursula Ludz. München: Piper Verlag.

Arendt, Hannah (2013a): Menschen in finsteren Zeiten. Herausgegeben von Ursula Ludz, München: Piper Verlag.

Arendt, Hannah (2013b): Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper Verlag.

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Hannah Arendt Papers, im Besitz der Manuscript Division der Library of Congress in Washington, D.C., werden nach dem aktuellen Findbuch 2001/2015 (http://rs5.loc.gov/service/mss/eadxmlmss/ead- pdfmss/2001/ms001004.pdf) zitiert. Die digitale Version ist unter folgender Anschrift über das Internet erreichbar: http://me­mory.loc.gov/ammem/arendthtml/arendthome.html.

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*Ringo Rösener studierte Kulturwissenschaften, Theaterwissenschaft und BWL an den Universitäten Leipzig und Bologna. Er promovierte mit der interdisziplinären Arbeit »Freundschaft als Liebe zur Welt. Im Kino mit Hannah Arendt« an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Fachbereich Philosophie). Sie wurde 2017 ver­öffentlcht (Velbrück Wissenschaft, Weilerswist). Er ist außerdem Autor und Co-Regisseur des Dokumentar­films »Unter Männern - Schwul in der DDR«. Gegenwärtig ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften in Leipzig und forscht dort u.a. zu Heinrich Blücher, dem Ehemann von Hannah Arendt.

1 Vgl. Rösener 2017, S. 25-39. Hannah Arendt tritt dabei als eine »Gesprächspartnerin« auf, die verhilft den Tätigkeiten der Freundschaft näher zu kommen. Mithilfe Arendts konnten Freundschaften als aktive und über verschiedene Tätigkeiten des Miteinanders sich konstituierende Gemeinschaften beschrieben werden. Diese Untersuchung zur Freundschaft ist nicht als eine Arbeit über Arendt angelegt gewesen. Der vorliegende Artikel geht hingegen dezidierter auf Arendts Gedanken zum Urteilen ein.

2 In dem Artikel wird auf eine gendergerechte Sprache bezüglich der Freunde generell verzichtet. Grund dafür ist die Heranziehung des Films Stand by Me und die Konzentration auf das Freundespaar Chris und Gordie. Es muss aber klar sein, dass natürlich alle Facetten von Freund*innen gemeint sind.

3 Pluralität wird als Begriff für jeweils verschiedene individuelle und oft ansozialisierte Lebenseinstellungen verstanden, die bedingen dieselben Ereignisse und Tatsachen ganz unterschiedlich zu erfahren und somit zu unterschiedlichen Ansichten zu kommen. Vgl. Rösener 2017, S. 57ff.

4 FR (Frankfurter Rundschau), 26.2.1987, S. 22.

5 Althen (Süddeutsche Zeitung) 4.3.1987.

6 Denby (New York Magazin) 18.8.1986, S. 58.

7 Min: 26:40.

8 Kühn (epd Film) 3/87, S. 30.

9 Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers (1986), Regie: Rob Reiner, Drehbuch Raynold Gideon nach einer Kurzgeschichte von Stephen King. Min: 3:30.

10 Es ist oft genug herausgehoben worden, dass Arendts Arbeiten mit dem Verstehenwollen verbunden ist, das keine Hilfe in Moralvorstellungen und Regeln, sondern die Wahrheit sozusagen im Gespräch sucht. Vgl dazu Arendt 2013d, S. 48 und 113. Lesenswert ist auch das darin enthaltene Vorwort von Ursula Ludz, S. 7-25.

11 Vgl. Exemplarisch den Aufsatz „Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Gedanken zur Lessing“ in Arendt 2013a, Insb. S. 36ff.

12 Arendt 2012a, S. 52.

13 Arendt 2012a, S. 52 und S. 59.

14 Arendt 2012a, S. 62-65, hier S. 65.

15 Das betrifft natürlich auch das Denken im Kämmerlein. Für Arendt bedeutet es jedoch, mit sich selbst in Dialog treten zu können. Vgl. dazu genauer Arendt 2013c, S. 184ff.. Dass Wahrheit aber vor allem im Dialog hergestellt wird, hat Arendt mit Jaspers betont. Arendt 2012a, S. 64: »In den Worten Jaspers: Wahrheit ist das, was ich mitteilen kann. Wahrheit in der Naturwissenschaften […] verlangt Allgemeingültigkeit. Die philosophische Wahrheit hat keine solche Allgemeingültigkeit. Was sie braucht, was Kant in der Kritik der Urteilskraft von den Geschmacksurteilen fordert, ist ›allgemeine Mitteilbarkeit‹.«

16 Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, AA, VIII, S. 305, zitiert nach Arendt 2012a, S. 64.

    Kant wird grundsätzlich nach der Akademie Ausgabe (AA) zitiert. Dort wo eher handelsübliche Werke genutzt wurden, ist auf die AA in eckigen Klammern verwiesen.

17 Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, AA, VIII, S. 35. Hervorhebungen Kant.

18 »Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.« Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, AA, VIII, S. 36.

19 Kant hat in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht die wohl einsichtigste Begründung dafür geliefert: »Denn es ist ein subjektiv-notwendiger Probierstein der Richtigkeit unserer Urteile überhaupt und also auch der Gesundheit unseres Verstandes: daß wir diesen auch an den Verstand anderer halten, nicht aber uns mit dem unsrigen isolieren und mit unserer Privatvorstellungen doch gleichsam öffentlich urteilen. Daher das Verbot der Bücher, die bloß auf theoretische Meinungen gestellt sind, (vornehmlich wenn sie aufs gesetzlich Tun und Lassen gar nicht Einfluß haben), die Menschheit beleidigt. Denn man nimmt uns ja dadurch, wo nicht das einzige, doch das größte und brauchbarste Mittel, unsere eigene Gedanken zu berichtigen, welches dadurch geschieht, daß wir sie öffentlich aufstellen, um zu sehen, ob sie auch mit anderer ihrer Verstande zusammenpassen; weil sonst etwas bloß Subjektives (z. B. Gewohnheit oder Neigung) leichtlich für objektiv würde gehalten werden: also worin gerade der Schein besteht, von dem man sagt, er betrügt, oder vielmehr wodurch man verleitet wird, in der Anwendung einer Regel sich selbst zu betrügen.« Anthropologie, § 53, S. 127f. [AA, VII, S. 219]. Hervorhebungen Kant.

20 Kant: Reflexionen zur Anthropologie, Nr. 897, AA, XV, S. 392, zitiert nach Arendt 2012a, S. 64.

21 »Kant meint stets die Zugänglichkeit eines Sachverhalts für ein Publikum, das niemanden ausschließt.« Gerhardt 2012, S. 162. »In Anbetracht der Aufklärung scheint daher Selbstdenken mit Lautdenken ebenso wie der Gebrauch der Vernunft mit ihrem öffentlichen Gebrauch zusammenzufallen.« Habermas 1976, S. 129.

22 Habermas 1976, S. 130.

23 Kant: Was heißt: Sich im Denken orientieren?, AA, VIII, Fußnote S. 136.

24 Vgl. KdrV, B 25 [AA, III, S. 43]. Die Kritik der reinen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft der Suhrkamp Ausgabe werden mit den üblichen Abbreviaturen KdrV und KU zitiert.

25 »So aber kömmt ihm ganz natürlich das zwar durch die Natur angelegte, aber durch öftere Ausübung gewohnte Unterscheidungsvermögen durch Gefühl der rechten und linken Hand zu Hülfe; [...].« Kant: Was heißt: Sich im Denken orientieren?, AA, VIII, S. 135.

26 »Im kritisch-transzendentalen Sinne ist subjektiv, was abhängig ist von den Funktionen des erkennenden Subjekts überhaupt, was durch die Gesetzlichkeit desselben, der Erkenntnisfunktionen (Sinnlichkeit, Verstand, Vernunft) desselben bedingt ist, also nicht an sich, ohne Bezug auf sie, so ist, wie es sich darstellt. Dieses Subjektive der Erkenntnis ist zugleich objektiv [...], als allgemeine und notwendige Bestimmtheit der Gegenstände der Erfahrung (Phänomene), als für diese geltend, sie konstituierend, bestimmend, in einer für jedes Subjekt gleichen Weise, unabhängig von der Organisation desselben (so Raum, Zeit, die Kategorien; [...].« Eisler 1989/1930, S. 515f.

27 Kant: Was heißt: Sich im Denken orientieren?, AA, VIII, Fußnote S. 146. Hervorhebung Kant.

28 Kant an Marcus Herz, 7.6.1771, AA, X, S. 122, zitiert nach Arendt 2012a, S. 67.

29 Kant an Marcus Herz, 21.2.1771, AA, X, S. 130, zitiert nach Arendt 2012a, S. 68. Arendt zitiert hier (mutwillig?) ungenau. Bei ihr wird aus dem Gemüt Geist: »[The mind needs a reasonable amount of relaxations and diversions to maintain its mobility] that it may be enable to view the object afresh form every side, and so to enlarge its point of view from a microscopic to a general outlook that it adopts in turn every conceivable standpoint, verifying the observations of each by means of all the others.« Hannah Arendt Papers, Box 57, File 032471f, bzw. Arendt 2012a, S. 42.

30 Arendt 2012a, S. 68.

31 Arendt 2012a, S. 69.

32 Vgl. Arendt 2012a, S. 19f., S. 49, S. 96. »Augenblicklich lese ich mit steigender Begeisterung die Kritik der Urteilskraft. Da ist Kants wirkliche politische Philosophie vergraben, nicht in der Kritik der praktischen Vernunft.« Arendt/Jasper 1993, Arendt am 29.8.1957, S. 355.

33 KdU, § 40, B 158 [AA, V, S. 294].

34 »Man zieht sich auf den ›theoretischen‹, den betrachtenden Standpunkt des Zuschauers zurück, aber diese Position ist die des Richters.« Arendt, 2012a, S. 87.

35 Gerade die früheren Untersuchungen zu Arendts Rückgriff auf Kants Kritik der Urteilskraft problematisie­ren die Verbindung von ästhetischer Theorie und Moralphilosophie (Vgl. u.a. dazu: Beiner 1997,  Benhabib 1988, Berstein 1986, Canovan 1992, Wellmer 2001.) Es scheint aber, dass damit tatsächlich das Urteilen zu sehr als ein Prozess des Denkens und nicht des Mitteilen zwischen verschiedenen Personen betrachtet wird. Sofern man das Urteilen allein der sogenannten vita comtemplativa zuordnet, mag die Analyse moralphilo­sophischer und raisonierender Aspekte in Arendts Denken richtig sein. In Bezug auf das Urteilen als eine Ge­sprächsform, rückt der Aspekt der Moral in den Hintergrund.  

36 Kohn 2007, Pavlik 2015, Meints 2011, S. 78-91.

37 Das fasst Arendt unter dem Stichwort »Geselligkeit« zusammen. »Gemeint ist die Tatsache, daß kein Mensch allein leben kann, daß Menschen nicht nur in ihren Bedürfnissen und Sorgen voneinander abhängig sind, sondern auch hinsichtlich ihres höchsten Vermögens, des menschlichen Geistes, der außerhalb der menschlichen Gesellschaft nicht tätig werden kann.« Vgl. Arendt 2012a, S. 21, und zur Mitteilbarkeit S. 64. Vgl. auch Meints 2011, S. 83: »Erst durch die Mitteilung oder Kommunikation entfaltet sich im Beurteilungsprozess die Fähigkeit, die Welt nicht nur aus der subjektiven Perspektive, sondern auch aus der Perspektive aller anderen zu sehen.«

Bei Kant lässt sich folgende Stelle hervorheben: »Schöne Kunst ist eine Vorstellungsart, die für sich selbst zweckmäßig ist, und obgleich ohne Zweck, dennoch die Kultur der Gemütskräfte zur geselligen Mitteilung befördert. Die allgemeine Mitteilbarkeit einer Lust führt es schon in ihrem Begriffe mit sich, daß diese nicht eine Lust des Genusses, aus bloßer Empfindung, sondern der Reflexion sein müsse [...].« KdU, § 44, B 179. [AA, V, S. 306] Vgl. auch § 40. Hervorhebung RR.

38 KdU, § 39, B 155f. [AA, V, S. 293]. Vgl. Arendt dazu: »Die Bedingung der Möglichkeit der Urteilskraft ist die Präsenz des Andern, [...].« Arendt 2003, S. 570.

39 KdU, § 35 B 145 [AA, V, S. 286]. »Es ist ein empirisches Urteil: daß ich einen Gegenstand mit Lust wahrnehme und beurteile. Es ist aber ein Urteil a priori: daß ich ihn schön finde, d. i. jenes Wohlgefallen jedermann als notwendig ansinnen darf.« KdU, § 37, B150 [AA, V, S. 289].

40 Es geht in dem Gespräch nicht um die Frage, ob ein Diebstahl moralisch gerechtfertigt werden kann. Darin sind sich beide einige, dass das falsch ist. Es geht um die Frage, wie man sich zum einem Dieb verhält. Die moralische Verurteilung des Diebstahls als eine falsche Tat ist unbezweifelt.

41 KdrV, B 151 [AA, III, S. 120], oder »Die Einbildungskraft (facultas imaginandi) [ist] ein Vermögen der Anschauung auch ohne Gegenwart des Gegenstandes, [....]« ]. Anthropologie,  § 28, S. 61 [AA, VII, S. 167]. Beides zitiert nach Arendt 2012a, S. 121.

42 Arendt erläutert das in einem Seminar über Einbildungskraft: Arendt 2012a, S. 122-128. Grundlegend ist hier das Schematismus-Kapitel in der KdrV B 176/A 137 – B 187/A 147 [AA, III, 133-139 bzw. AA, IV, 98-105].

43 Arendt 2012a, S. 128.

44 Arendt 2012a, S. 127.

45 Arendt 2012a, S. 106f.

46 Arendt 2012a, S. 127f.

47 Arendt 2012 a, S. 82-91.

48 Arendt 2013b, S. 222-234. Arendt 2013a, S. 117-135.

49 »Der Mut, den wir heute als unerläßlich für einen Helden empfinden, gehört bereits, auch wenn er kein heroischer Mut in unserem Sinne ist, zum Handeln und Sprechen als solchen, nämlich zu der Initiative, die wir ergreifen müssen, um uns auf irgendeine Weise in die Welt einzuschalten und in ihr die uns eigene Geschichte zu beginnen. Arendt 2013b, S. 231.

50 Arendt 2013a, S. 130.

51 Arendt 2013a, S. 130.

52 Arendt, 2013b, S. 233.

53 »Der Urteilende nimmt gedanklich die Position eines anderen ein, der er nicht ist, und versucht, von dieser Position aus zu denken, ohne auf die eigene Persönlichkeit zu verzichten.« Robaszkiewicz 2017, S. 142.

54 Arendt 2013b, S. 233.

55 Min: 32:40.

56 Min: 55:00.

57 Arendt 2010, 18.

58 Arendt 2010, 19.

59 Arendt 2010, 19.

60 Arendt 2010, 19.

61 Vgl. Arendt 2010, S. 17ff.

62 Arendt 2012a, S. 128.

63 Arendt 2012a, S. 128.

64 Vgl. dazu Kants »Allgemeine Anmerkung zum ersten Abschnitte der Analytik«, KdU, A 67 - A 72 [AA, V, 240-244].

65 KdU, § 40, A 159 [AA, V, 296].

66 Denn das Beispiel wäre das Besondere, das einen Begriff oder eine allgemeine Regel in sich enthält bzw. von dem wir annehmen können, dass es den Begriff oder die Regel enthält. Vgl. Arendt 2012a, S. 128.

67 Arendt 2012a, S. 106.

68 Zur Begriffsgeschichte des Geschmacks: Gadamer 2010/1960, S. 40-47 [32-39].

69 KdU, § 32, B 136 [AA, V, S. 281]. Hervorhebung Kant.

70 KdU, § 33, B 140 [AA, V, S. 284]. Hervorhebung Kant.

71 Jaspers 2013, S. 474, vgl. auch Arendt 2003, S. 569.

72 KdU, § 40 B 161 [AA, V, S. 296].

73 »Was Kant seinerseits durch seine Kritik der ästhetischen Urteilskraft legitimieren wollte, war die subjektive Allgemeinheit des ästhetischen Geschmacks, in der keine Erkenntnis des Gegenstandes mehr liegt [...].« Gadamer 2010/1960, S. 47 [38/39].

74 KdU, § 20, B 64f. [AA, V, S. 238].

75 »[W]as Kant in der Kritik der Urteilskraft von den Geschmacksurteilen fordert, ist ›allgemeine Mitteilbarkeit‹.« Arendt 2012a, S. 64. Vgl. dazu: KdU, § 40 B, 160 [AA V, S. 295]. Vgl. bei Arendt auch: Arendt 2012a, S. 105.

76 Vgl. zur Kritik am Geschmacksbegriff und zur Rehabilitierung als Reflexionsgeschmack: Gadamer 2010/1960, S. 47-49 [38-41].

77 »Eben darum darf auch der mit Geschmack Urteilende [...] die subjektive Zweckmäßigkeit, d. i. sein Wohlgefallen am Objekte jedem andern ansinnen, und sein Gefühl als allgemein mitteilbar, und zwar ohne Vermittlung der Begriffe, annehmen.« KdU, § 39, B155/156 [AA, V, S. 293].

78 Arendt 2012b (Kultur und Politik), S. 301.

79 Arendt 2012b (Kultur und Politik), S. 300.

80 Hannah Arendt Papers, Lecture Course at the University of Chicago: Kant’s Political Philosophy, 1964.

Box 59, File 032258.

81 »Das interessenlose Wohlgefallen, das Kant offenbar so verblüffte, beruht auf nichts anderem als der Tatsa­che, dass wir an der Welt ein ›Interesse‹ nehmen, das ganz unabhängig ist von unserem Lebensinteresse.« Arendt 2003, S. 576. Vgl. auch Kapitel 3 in Rösener 2017. Vgl. vor allem auch:  Meints 2011, S. 80-91 und Pavlik 2015, S. 185ff.

82 Arendt 2003, S. 578.

83 Ich lasse hier absichtlich eine Herleitung des Begriffs sensus communis aus, um den Fokus auf Kant und Arendt zu belassen sowie die Unterschiede zu anderen Verwendungen zu verdeutlichen. Es muss aber klar sein, dass Kant mit dem Begriff sensus communis, wie schon mit dem Begriff des Geschmacks, in der Begriffstradition des 17. und 18. Jahrhunderts steht. Vgl. vor allem Gadamer 2010/1960, S. 24-35 [16-27].

84 »Der gemeine Menschenverstand, den man, als bloß gesunden (noch nicht kulturvierten) [sic! / RR] Verstand, für das geringste ansieht, dessen man nur immer sich von dem, welcher auf den Namen eines Menschen Anspruch macht, gewärtigen kann, hat daher auch die kränkende Ehre, mit dem Namen des Gemeinsinnes (sensus communis) belegt zu werden; und in unserer Sprache, die hierin wirklich eine Zweideutigkeit enthält, sondern auch in mancher andern) so viel als das vulgare, was man allenthalben antrifft, versteht, welches zu besitzen schlechterdings kein Verdienst oder Vorzug ist.« KdU, § 40, B 156f. [AA, V, S. 293]. Vgl. auch Anthropologie, § 6, S. 25 [AA, VII, S. 139].

85 De anima, Buch III, 1, 425ff.

86 »Unter dem sensus communis aber muß man die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d. i. eines Beurtei­lungsvermögens verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes andern in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschenvernunft sein Urteil zu halten, und dadurch der Illusion zu entgehen, die aus subjektiven Privatbedingungen, welche leicht für objektiv gehalten werden könnten, auf das Urteil nachteiligen Einfluß haben würde.« KdU, § 40, B 157 [AA, V, S. 293]. Hervorhebungen von Kant.

87 KdU, § 22, B. 67 [AA, V, S. 239].

88 Arendt 2012a, S. 109.

89 Arendt 2003, S. 335.

90 Arendt 2012a, S. 105.

91 KdU, § 9. Vgl. auch Arendts Zusammenfassung: »Bedingung des Geschmacksurteils ist ›allgemeine Mitteilungsfähigkeit des Gemütszustandes‹, und die ›Lust‹ entspringt der ›Mitteilbarkeit‹ als solcher! Empirisch: Geselligkeit.« Arendt 2003, S. 574.

92 Arendt 2013a, S. 332.