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Ausgabe 1, Band 7 – November 2013

 

Zur Rezeption des Denkens von Hannah Arendt in Mexiko – Ein Literaturbericht

Dora Elvira García1

 

Die Rezeption des Arendtschen Denkens begann verstärkt in den 1990er Jahren, als die Werke der deutschen Philosophin in die Buchhandlungen der größeren mexikanischen Städte, vor allem von Mexiko-Stadt, gelangten. Die überwiegend in Spanien angefertigten Übersetzungen und in spanischen Verlagen veröffentlichten Schriften wuchsen schritt­weise zu einer stattlichen Sammlung in den Regalen der Buchläden an. Seitdem nimmt das Denken Arendts auch einen wichtigen Raum an den Universitäten und vor allem in den Lehrveranstaltungen ein. Seminare und Konferenzen wurden an den Universitäten von Mexiko-Stadt angeboten, wie der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM), Universidad Autónoma Metropolitana, Universidad Intercontinental und dem Tecnológico De Estudios Superiores de Monterrey. Später kamen weitere staatliche und regionale Universitäten hinzu.

Die Beschäftigung mit Arendt ist weitgehend auf den universitären Bereich und einige Spezialisten beschränkt. Doch anlässlich ihres 100. Geburtstags im Jahre 2006 fanden in den genannten Universitäten öffentliche Festvorträge und Tagungen statt. Die Vortrags­texte wurden großenteils in Zeitschriften veröffentlicht, einige auch in Sammelbänden. Arendt trat nun auch in ihren literarischen, biographischen und historiographischen Kon­texten in Erscheinung, vor allem im Zusammenhang mit dem Totalitarismus in seiner na­tionalsozialistischen Variante, vor dem sie zuerst nach Paris und dann in die USA floh. In den letzten Jahren wurden weitere Tagungen veranstaltet, deren Themen sich an den Jahrestagen einiger Veröffentlichungen Arendts orientierten, oder an relevanten Themen für die Situation unseres Landes, wie die aktuell viel diskutierte Frage der Gewalt. Philo­sophiezeitschriften widmeten dem Denken Arendts Sondernummern. Darüberhinaus ar­beitete man besonders an Themen wie dem des öffentlichen Raums, der Politik, der Pa­riaexistenz und Identität, der Freiheit und dem Handeln, der Narrativität und der Erinne­rung.

Arendt wurde zudem bei verschiedenen Tagungen zu Gender-Fragen diskutiert. Des weiteren wurde ihr Denken mit dem der spanischen Philosophin Maria Zambrano (1904 - 1991) in Verbindung gebracht, die Schülerin von José Ortega y Gasset gewesen war und nach dem spanischen Bürgerkrieg unter anderem im mexikanischen Exil lebte. Im Mittel­punkt stand hier die Sorge um das Denken, die beide Philosophinnen aufgrund ähnlicher Erfahrungen von Verfolgung und Exil teilten. Bei allen Ähnlichkeiten wurden auch die Unterschiede zwischen der Religionsphilosophin und der politischen Denkerin herausge­arbeitet, vgl. z.B. Leonor Clariana López: Pensar con el corazón: Hannah Arendt, Simone Weil, Edith Stein, Maria Zambrano, Narcea, S.A. de Ediciones 2010 [dt: Denken mit dem Herzen. Hannah Arendt, Simone Weil, Edith Stein, Maria Zambrano, Narcea Verlag 2010].

Nach México gelangte die Mehrzahl von Arendts Werken aus den spanischen Fassun­gen, die im Allgemeinen aus den englisch-amerikanischen Ausgaben übersetzt worden waren. Die meist gelesenen Werke sind Vita activa oder Vom tätigen Leben, der dritte Teil von Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Über die Revolution und Crises of the Republic [sp.: La condición humana, Orígenes del totalitarismo, Sobre la Revolución, Crisis de la república]. In letzter Zeit werden, augenscheinlich wegen des Themas des Bö­sen, zunehmend auch Eichmann in Jerusalem und Macht und Gewalt gelesen.

Zu den ersten Veröffentlichungen über Arendts Denken gehört das 1998 vom Centro de Estudios de Política Comparada veröffentlichte Buch von Enrique Serrano mit dem Ti­tel Consenso y conflicto. Schmitt, Arendt y la definición de lo político [dt: Konsens und Konflikt. Schmitt, Arendt und die Bestimmung des Politischen]. Wie der Titel anzeigt, geht es um zwei einander entgegen gesetzte politiktheoretische Positionen: eine, die den Konsens, die andere, die den Konflikt als Achse des Politischen ansieht. Das Buch macht sich zur Aufgabe, den gemeinsamen und konsensualen Bereich des Politischen, dem im Arendtschen Politikverständnis nachgegangen werden muss, zu verdeutlichen. Auf dieses Thema wird seitdem in den universitären Debatten intensiv eingegangen.

Inzwischen ist Arendt aber auch im Zusammenhang mit dem viel diskutierten 'capabili­ty’- oder 'Fähigkeiten’-Ansatz eine wichtige Adresse geworden. Ein Autor, der sich seit Jahren mit dem politischen Denken und vor allem dem Denken Arendts befasst, ist Ale­jandro Sahuí. Er veröffentlichte 2008 in En-Claves del Pensamiento (Jg. II, Nr. 3, S. 47-63) den Aufsatz „La libertad como poder hacer. Arendt y el enfoque de las capacida­des” [dt.: „Die Freiheit, handeln zu können. Arendt und der ‚Fähigkeitenansatz’“]. Er führt darin aus, dass eine Verbindung zwischen Hannah Arendts Freiheitsbegriff als Handlungsmacht und dem sog. ‚Fähigkeitenansatz’, wie er von Amartya Sen und Martha Nussbaum entwickelt wurde, bestehe und versucht, die gesellschaftliche und politische Dimension der persönlichen Freiheit herauszuarbeiten. In dem Aufsatz „El inmigrante como paria: Arendt y la identidad política“ [dt.: „Der Immigrant als Paria: Arendt und die politische Identität“], veröffentlicht in Cuadernos de Alzate, Madrid, núm.36, enero-junio 2007, pp. 81-96, behandelt er ein verwandtes Thema: die Beziehung zwischen sozialer Gerechtigkeit und Politik, wie Arendt sie kritisierte. Über das Denken des Politischen vom reflektierenden Urteil aus geht es ihm hingegen in dem Buch Razón y espacio público. Arendt, Habermas y Rawls [dt.: Vernunft und öffentlicher Raum. Arendt, Habermas und Rawls], 2002 bei Ediciones Coyoacán erschienen. Desweiteren veröffentlichte er ei­nige Aufsätze über die politische Philosophie Kants mit besonderem Augenmerk darauf, was Arendt aus der Kritik der Urteilskraft für die Politik herausgearbeitet hatte.

Dieses Thema war bereits von weiteren Autoren bearbeitet worden, darunter Gustavo Leyva von der Universidad Autonoma Metropolitana, Campus Iztapalapa. (vgl.: Gustavo Levya, Die Analytik des Schönen und die Idee des 'sensus communis' in der Kritik der Urteilskraft, Frankfurt/M 1997; sowie Gustavo Levya, „Hannah Arendt: accion, identidad y narración“ [dt: Hannah Arendt: Handeln, Identität und Narration“] in: ders. (Hg.), Política, Identidad y Narración, [dt: Handeln, Identität und Narration] Universidad Autónoma Metropolitana, ConaCyt [Consejo National de Ciencia y Tecnología], Verlag Miguel Ángel Porrúa, 2003).

Patricia Gaytán veröffentlichte 2001 den Beitrag „Hannah Arendt y la cuestión soci­al“ [dt: „Hannah Arendt und die soziale Frage“) in der Revista Sociológica (año 16, num. 17, septiembre-diciembre), in dem sie die moderne Präsenz des Sozialen aus Arendts Sicht beleuchtet. Sie analysiert das historische Scheitern von Revolutionen, die mit der Unterordnung der Freiheit unter die Notwendigkeit einhergingen. Die Analyse der prakti­schen Konsequenzen und der historischen Konstruktionen des Freiheitsbegriffs führt bei Arendt zum Ausschluss des Sozialen durch eine Grenzziehung, an der das Soziale vom Po­litischen unterschieden wird.

Marco Estrada Saavedra veröffentlichte 2003 bei UAM-A und Plaza y Valdés die Aufsatzsammlung Pensando y actuando en el mundo. Ensayos críticos sobre la obra de Hannah Arendt [dt. Denkend und Handelnd in der Welt. Kritische Essays zum Werk von Hannah Arendt]. Hier geht es um eine Analyse des Arendtschen Denkens aus dem brei­ten akademischen Kontext Mexikos; mehrheitlich sind allerdings deutsche Autoren ver­treten. Es wird versucht, die Politik vor dem Hintergrund der intellektuellen und akade­mischen Welt Méxicos zu denken, in der instrumentalistische und institutionelle Konzep­te des Politischen im Sinne von „rational choice“-Modellen bis zu neoinstitutionellen Überlegungen vorherrschen. Da diesen Konzepten die Dimension einer normativen Prä­gung des Politischen fehlt, sei eine Verarmung der Analyse und des Verständnisses politi­scher Phänomene eingetreten. Um dem Missstand abzuhelfen, möchte das Buch in die politische Philosophie Arendts einführen und macht es sich zur Aufgabe, sie von verschie­denen Perspektiven aus kritisch zu diskutieren. Dabei wird die Sphäre der Vita contem­plativa ebenso wie die der Vita activa, das heißt von Theorie und Praxis, angesprochen, und verschiedene Aspekte der gegenwärtigen Krise analysiert, um sie auf das öffentliche Leben übertragen zu können: Die veröffentlichten Aufsätze drehen sich um Themen wie die politische Bedeutung der Gebürtlichkeit (Hans Saner), Arbeit und gutes Leben in der Spätmoderne (Claudia Lenz), Machttheorien und Arendt (Wolfgang Kersting) sowie die Zwischenmenschlichkeit und die neue Rolle des Subjekts im Denken Arendts (Wolfgang Heuer). Ferner wird eine Diagnose des Zivilisationsbruchs bei Arendt vor­genommen, mit Blick auf einen Neubeginn auf dem Gebiet der politischen Ethik, die Fra­ge nach dem Sinn des Seins sowie die Konzeption der Philosophie bei Arendt (Dag Ja­vier Opstaele); schließlich wird die Kritik der politischen Urteilskraft thematisiert (Ernst Vollrath) und Urteil und Narrativität im Werk Arendts diskutiert (Marco Estrada Saavedra).

In ihrem 2005 in Mexiko-Stadt bei Porrúa/ITESM veröffentlichten Buch Del poder político al amor al mundo [dt.: Von der politischen Macht zur Liebe zur Welt] nimmt Dora Elvira García einen thematischen Durchgang durch Fragen vor, die vom Begriff der Macht ausgehen. Erst durch gemeinsame politische Teilnahme und das 'acting in con­cert', so ihre mit Arendt formulierte These, werde die Fülle menschlicher Macht erreicht. Die Begriffe des Anfangs und der Gebürtlichkeit geben den menschlichen Handlungen den Sinn eines Hoffnung vermittelnden Auftaktes; in diesem Neubeginn liegt auch ein Versprechen auf die Zukunft, das eine Haltung der Verantwortung einfordert. Weitere Themen sind: die Zukunft, immer verstanden als ein Zusammensein mit anderen Menschen in Dialog und Diskurs, in der Handlung und in der Freiheit; die Gewalt als das Politische und den gemeinsamen Raum mit Anderen zerstörendes Element, das sich als antipolitisch erweist. Das Thema der Gewalt wird in verschiedenen, in diesem Band versammelten Texten aufgenommen, jeweils unter einem besonderen Aspekt des philosophischen Denkens von Niccolò Machiavelli, Max Weber und Carl Schmitt. Ein kritischer Blick auf das in Mexiko viel bearbeitete Thema der Macht offenbart die Notwendigkeit, Arendts Vorstellungen von einem gemeinsamen und konsensualen Handeln aufzunehmen. Auf Dialog und Diskurs beruhend, wird nach Arendt ein politischer Raum nur in einem Prozess geschaffen, in dem das politische Denken sich gegenüber dem Gemeinsamen und Öffentlichen öffnet. Dabei muss auch der Begriff der Rhetorik untersucht werden, die interveniert, wenn in diesem Raum der Oberflächlichkeiten die Rede feindlich und zu Blockadezwecken eingesetzt wird, und vermittelt, um einen geeigneten Zugang zur Kommunikation zu finden und die Suche nach Übereinstimmung zu fördern. Die Kommunikation zwischen Gleichen schafft aber immer Macht, selbst in äußerst despotischen Regimen, bei denen sich der Konsens auf ein Minimum reduziert. Dieses Thema wurde in Mexiko aufgrund der ganz entgegengesetzten Erfahrungen mit Besorgnis diskutiert. Die Urteilsfähigkeit und das Denken stellen sich so als notwendige politische Tugenden heraus, denn dank ihrer konstituiert sich die gemeinsame Welt im öffentlichen Raum. Auf diesem Feld manifestiert sich die menschliche Pluralität, sodass es mit der Vielfalt der Diskurse möglich wird, dialogisch zu denken. Dies stellt sich angesichts des Erbes an Dogmatismus wie im Fall der mexikanischen Politik als grundsätzliche Frage; daher wird gerade hier hilfesuchend auf Arendt zurückgegriffen. Im Kampf gegen Vorschläge, die die Pluralität auf eine einzige Stimme reduzieren möchten, geht es auch darum, eine verdächtige Einmütigkeit unterschiedlicher Willen zu unterbinden. Die Grundbedingung der Pluralität ist deshalb von großer Bedeutung, weil sie den politischen Appell an die Differenz ermöglicht und dadurch die Unterschiede zwischen den Bürger/innen bestätigt, verteidigt und zum Ausdruck bringt.

Die argentinisch-mexikanische Wissenschaftlerin am Institut für philosophische For­schung an der UNAM in Mexiko-Stadt Nora Rabotnikof beflügelte mit ihrer Veröffent­lichung von 2005 En busca de un lugar común. El espacio público en la teoría política contemporánea [dt.: Auf der Suche nach einem gemeinsamen Ort. Der öffentliche Raum in der zeitgenössischen politischen Theorie] die Beschäftigung mit Arendt in Mexiko. Sie beschreibt, wie Kant, Koselleck, Arendt, Habermas und Luhmann den Begriff der Öffent­lichkeit fassten, um anschließend den Begriff des öffentlichen Raums in der gegenwärti­gen politischen Theorie [und bei Arendt] im Anschluss an Kant zu untersuchen.

Aus geschichtsphilosophischer Perspektive veröffentlichte Roberto Fernández Ca­stro 2006 anlässlich des 100. Geburtstags von Hannah Arendt „La melancolía del pasa­do: Hannah Arendt y la filosofía de la historia a cien años de su nacimiento” (dt: “Die Me­lancholie des Vergangenen: Hannah Arendt und die Geschichtsphilosophie hundert Jahre nach dem Geburtstag [der Denkerin]”] in Históricas-Boletín del Instituto de Investiga­ciones Históricas (Nr. 76, may-ago, S. 17-25) der UNAM. Darin untersucht der Verfasser die Rolle der melancholischen Philosophie Arendts innerhalb ihrer Geschichtstheorie, die sich, so der Autor, methodisch aus dem Ort zwischen Philosophie und politischer Theorie ergibt. Aus dieser Sichtweise lässt sich die Antwort Hannah Arendts auf die Historiogra­phie [der modernen politischen Theorie] verstehen, die ein nach Gerechtigkeit und Ver­nunft strebendes Schreiben verlange und sich selbst angesichts des Totalitarismus des Zornes enthalte.

Ein Sammelband von Dora Elvira García mit Texten verschiedener Autoren wur­de 2007 unter dem Titel Hannah Arendt. El sentido de la política [dt.: Hannah Arendt. Der Sinn der Politik] veröffentlicht (Ed. Porrúa und Tecnológico de Monterrey). Dabei handelt es sich um bedeutende Texte spanischer, mexikanischer, italienischer und vene­zolanischer Autor/innen. Sie alle haben sich bislang in einer beständigen Auseinanderset­zung mit Arendt befunden und so zur Beschäftigung mit Arendt in Mexiko beigetragen. Dazu gehört der Text des spanischen Philosophen Manuel Cruz „Hannah Arendt, a un siglo vista” [dt.: „Hannah Arendt, Blick auf ein Jahrhundert”], in dem er eine Reihe von Betrachtungen anstellt, die zeigen, dass Arendt in Elemente und Urprünge totaler Herr­schaft einen antikommunistischen Standpunkt einnahm, was dazu führte, dass sie in den 1960er Jahren von einigen Stimmen als 'persona non grata' angesehen wurde. Mit der Zeit aber wurde immer klarer, wie bedeutend ihre Untersuchungen waren, so dass Arendt in den 1980er Jahren in den Krisen des politischen Denkens immer mehr das Gepräge ei­ner unverzichtbaren Theoretikerin erhielt. Von ihrem Konzept des Handelns ging ein wei­terer Impuls aus, und zwar hinsichtlich der Frage der Identität. Für Arendt, so Cruz, be­deutet Geschichtsschreibung eine Konstruktion, die eine narrative Identität impliziert und eine von den Anderen bestätigte Intersubjektivität mit sich bringt. Von dieser histori­schen Spur aus versucht Arendt, den politischen Standpunkt zu finden, von dem aus sich zeitgenössische Ansichten [gegenüber der Geschichte] definieren und von ihren eigenen unterscheiden.

Es folgt die spanische Philosophin Neus Campillo, die in ihrem Beitrag „Identidad oculta y pensar en la fenomenología de lo político de Hannah Arendt” [dt. “Verborgene Identität und Denken in der Phänomenologie des Politischen von Hannah Arendt”] die grundlegenden Elemente erforscht, die Arendt in ihrer Phänomenologie des Politischen beschreibt. Die Pluralität stellt sich als Bedingung des Handelns wie auch des Denkens dar. Damit wird eine Interpetation verteidigt, nach der die Konzeption der 'verborgenen Identität' bei Arendt für ihre Konzeption des Politischen zentral sei. Erst dank des Diskur­ses erhält die Handlung ihren die Person enthüllenden Charakter, nämlich durch Worte und Taten. Auf diese Weise ist die Handlung eine Freiheitsentfaltung und entbirgt zu­gleich die individuelle Identität. Campillo führt zudem den Begriff des Willens an, um mit seiner Hilfe das Handeln und die Welt der politischen Erscheinungen zu verteidigen – den Willen, der den Handlungsbeginn ermöglicht.

María Teresa Muñoz ist in dem genannten Sammelband mit einem Text über „La narración y el juicio, formas de constitución del espacio público” [dt.: „Erzählung und Ur­teil, Formen der Konstituierung des öffentlichen Raums“] vertreten, in dem die notwendi­ge und unumgängliche Verbindung zwischen Handeln und Denken im Geschichtenerzäh­ler aufgezeigt wird , der zugleich reflexiv urteilender Zuschauer ist.

Die spanische Rechtsphilosophin Cristina Sánchez, deren Auseinandersetzung mit Arendt eine ständige Referenz für diejenigen in Mexiko ist, die sich mit Arendt befassen, untersucht in ihrem Beitrag „El terror y la banalidad del mal en el totalitarismo” [dt.: „Der Terror und die Banalität des Bösen im Totalitarismus“] die Bedeutung der beiden Kon­zepte des Totalitarismus in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Sie ergänzt Arendts Aussagen mit denen aus Eichmann in Jerusalem und mit verschiedenen Thesen zum Thema Terror und Gewalt, die sie den Essays in Understanding entnimmt. Dabei entdeckt sie in Arendts Überlegungen einen Gedanken zur Biopolitik, deren anthropologi­sche Singularität sich in der Vernichtung als 'überflüssig' erachteter Menschen ausdrückt. Die Bedeutung der Kategorie Terror erweist sich als zentral für die neue Regierungsform, den Totalitarismus, weil er die Bevölkerung durch die totale Herrschaft über Leben und Tod einschüchtert. Durch die Vernichtung der juristischen Person und des moralischen Gewissens werden schließlich die gesellschaftliche und politische Struktur insgesamt ver­ändert und die moralischen Grundlagen der Gesellschaft zerrüttet. Angesichts des Totali­tarismus', der den Holocaust hervorbrachte, insistiert Cristina Sánchez auf Arendts Argu­ment einer Verantwortung des Handelnden für die Menschheit.

Eine weitere Philosophin, die die mexikanischen Wissenschaftler/innen beeinflusste, ist die Spanierin Fina Birulés. Sie beschreibt in dem genannten Band die Begriffe von Revolution und Gewalt bei Arendt und erläutert die Beziehung zwischen ihnen und den jeweiligen Wirklichkeiten, wobei sie den „Schatz“ verteidigt, den die Revolution für die Gründung des Politischen im Rahmen des Arendtschen Denkens darstellt. Dabei wird die Revolution nicht als Notwendigkeit verstanden, sondern als Möglichkeit zur Verwirkli­chung – ein Vorgang, der über Notwendigkeit und Nützlichkeit hinausgeht. Sie findet in einem Geflecht von Beziehungen statt, das die Menschen gemeinsam fortführen, um ih­rem Leben einen Sinn zusprechen zu können. Birulés widmet sich dabei der Erläuterung der verschiedenen Bedeutungen, die mit dem Begriff der Revolution verbunden sind. Sie hebt hervor, dass die zentrale Bedeutung der Revolution in der Errichtung der Freiheit bestehe, was einen „Anfang“ impliziere und mit dem Begriff der Gebürtlichkeit und dem Erscheinen des Neuen verbunden ist.

In diesem Zusammenhang legte Alejandro Sahuí einen Text vor, der einige Themen Arendts sehr kritisch behandelt, etwa das Thema der Notwendigkeit. Er fragt sich, wie weit es möglich ist, mit Arendt die sozialen Fragen der Notwendigkeiten und der in Stän­de gespaltenen Gesellschaften, in denen nicht alle partizipieren können, aus der politi­schen Diskussion auszuklammern. Eine Partizipation werde gerade durch die mangelnde Befriedigung der Bedürfnisse einiger Mitglieder der Gesellschaft weitreichend zerstört. Damit wird die notwendige Beziehung zwischen den Begriffen von Freiheit und Gerech­tigkeit und deren zwingende Existenz im öffentlichen Raum deutlich, die bei Arendt noch zu wenig in den Blick genommen werde.

Simona Forti aus Italien weist in ihrem Text „Herencia entre el feminismo y Fou­cault“ [dt.: „Erbschaft/Erbe zwischen Feminismus und Foucault“] darauf hin, dass das Denken Arendts an seinen eigentlichen Ort rückversetzt werden sollte, um einige verdreht interpretierte Kategorien neu zu denken und anzuordnen. Von dieser Annahme ausge­hend, meint Forti, dass Arendt Denkern wie Foucault und Derrida näher stehe als Philo­sophen wie Habermas, mit dem sie bislang öfter in Verbindung gebracht wurde. Forti hebt drei aus der gegenwärtigen philosophisch-politischen Debatte weitgehend ver­schwundene Themenbereiche hervor, die ein wichtiges Erbe der deutschen Denkerin dar­stellen, das sich mit dem anderer Autoren und Autorinnen verschränkt. Es sind fol­gende drei Bereiche, die Forti nach kritischer Durchsicht für die in der aktuellen politi­schen Philosophie bedeutendsten hält: die feministische Philosophie, die Frage nach der Biopolitik sowie das Thema des Bösen und damit der persönlichen Verantwortung.

Im anschließenden Beitrag befasst sich die Herausgeberin Dora Elvira García mit dem zivilen Ungehorsam im Sinne der Wiedereroberung der öffentlichen Sphäre und Herstellung von Gerechtigkeit. Der zivile Ungehorsam zeige eine unüberwindbare Schwierigkeit an, eine Situation des Unrechts zu akzeptieren. Ziviler Ungehorsam entwi­ckele sich auf dem Gebiet der Öffentlichkeit, er werde als ein 'Recht' interpretiert und hänge mit dem grundlegenden Konsens über Recht und Unrecht zusammen, um den in den Fragen des öffentlichen Interesses gestritten wird und der sich in den Gesetzen einer Verfassung niederschlägt. Die Verfassung wird nur dann als legitim anerkannt, wenn ihre Gesetze von einem Gerechtigkeitssinn durchzogen sind. Es geht deshalb beim Verstehen des zivilen Ungehorsams darum, jeweils die politischen Gründe für den Entzug des Ge­horsams und den Legitimitätsverlust der Institutionen zu untersuchen.

Von Mario Alberto Hernández wurde 2009 „Con Arendt y contra Arendt: juzgando su juicio sobre la integración racial en Estados Unidos en el siglo XX” [dt. „Mit Arendt und gegen Arendt: Eine Einschätzung ihres Urteils zur Rassenintegration in den Vereinig­ten Staaten des 20. Jahrhunderts] in der von der UNAM herausgegebenen Zeitschrift An­damios. Revista de Investigación Social (Jg. 6, Nr. 12, diciembre, S. 225-247) veröffent­licht. Der Verfasser untersucht Arendts politische Beurteilung der Rassenintegration in den USA im 20. Jahrhundert. Er hebt hervor, dass das Problem der Diskriminierung nach Arendt zum Bereich des Sozialen und nicht des Politischen gehört und soziale Differenzen außerhalb des Politischen bleiben müssen. So werde Arendts Einschätzung der Rassen­problematik durch die eklatante Trennung zwischen dem Politischen und dem Gesell­schaftlichen bewirkt. Derselbe Autor veröffentlichte ebenfalls 2009 in En-Claves del Pen­samiento den Aufsatz „El sendero que se bifurca: Hannah Arendt lectora de Kant” [dt.: „Der Pfad, der sich gabelt: Arendts Kant-Lektüre“] (Jg. III, Nr. 6, diciembre, S. 105-129). Hier setzt er sich mit Arendts Versuch auseinander, mit der dritten Kritik Kants für den politischen Charakter der Urteilskraft zu argumentieren. Durch die Analogie des politi­schen mit dem ästhetischen Urteil erhält die Politik einen autonomen Status gegenüber anderen Bereichen.

An der Universität von Aguascalientes in der mexikanischen Provinz veröffentlichte Claudia Galindo zwei Bücher, 2009 den Band La Recuperación de la dignidad política [dt.: Die Wiedereroberung der politischen Würde], in dem sie sich mit dem Wert des Po­litischen im öffentlichen Raum auseinandersetzt. Sie geht mit Arendt davon aus, dass die Politik eine 'Metamorphose' zum Schlechten erlitten habe. Galindo zeigt ein weites Spek­trum dieser Metamorphosen auf, das von einer freimütigen Forderung nach Antistaat­lichkeit unter einer Selbstverwaltung wie bei den Zapatisten in Chiapas, México, bis hin zu neu artikulierten Perspektiven reicht, wie den in einigen ländlichen Verbänden entwi­ckelten, welche unter dem Druck von Misswirtschaft und Mangel an Staatsautorität eine Neubestimmung der politischen Zuständigkeiten vorschlagen, die die traditionelle Balan­ce zwischen Staat und Gesellschaft um weitere Gegengewichte ergänzen. Das führt zur Suche nach der Rehabilitierung von Politik oder nach neuen Formen ihrer Entfaltung. Angesichts des anhaltenden Bedeutungsverlustes der Dimension des Politischen gewinnt Arendts Denken an Relevanz. Arendt versucht, die Würde der Politik wiederzugewinnen, indem sie ihre Bedeutung rekonstruiert, bewahrt und ihre Autonomie verteidigt. Es kann nur die Wiederherstellung durch Erinnerung sein, die eine Wiedergewinnung ermöglicht, sodass eine Neuaneignung des Politischen bei Arendt stattfindet, bei der Verstehen und Erinnerung im politischen Handlungsgeflecht betont werden, um das Vergessen nach dem Traditionsbruch zu verhindern. Entsprechend versuchen die Überlegungen in dem Buch La Recuperación de la dignidad política den Arendtschen Versuch zu veranschauli­chen, Begriffe zu bilden, die die Erfahrung der Politik angemessen thematisieren. Diese Begriffe werden als zentrale Achse verstanden, mit deren Hilfe neue Kategorien bestimmt werden können, die der aktuellen politischen Erfahrung eine Form geben und der Politik ihre Eigenwürde verleihen können.

2011 veröffentlichte Galindo den Band Hannah Arendt: Política, Memoria, Historia y Narración (dt: Hannah Arendt: Politik, Erinnerung, Geschichte und Narration] in der­selben Universidad Autónoma de Aguascalientes. Das Buch will Arendts politische Theo­rie, deren Ausgangspunkt die Erfahrung des Totalitarismus war, ausgehend von ihren zentralen Überlegungen zu Erinnerung, Geschichte und Erzählung diskutieren. Arendt betont die Bedeutung der Gründungsmythen: dass die Völker ihre Vergangenheit vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte sehen, die sie sich erzählen, um sich ihrer Anfänge zu erinnern und sie so zu bewahren. Diese Geschichten sind 'Schätze', die untereinander geteilt werden und Orte der Erinnerung darstellen, aber ihrerseits auch gemeinsame Er­wartungen herausbilden. Dies untermauert die Bedeutung der Erinnerung für die Politik.

Im Jahr 2011 veröffentlichte María Teresa Muñoz den Sammelband Pensar el espa­cio público. Ensayos críticos desde el pensamiento arendtiano [dt: Den öffentlichen Raum denken. Kritische Essays zum Arendtschen Denken] (Universidad Intercontinen­tal). Dieser Band enthält Beiträge in Dialogform. Er beginnt mit einem Aufsatz von Cris­tina Sánchez unter dem Titel „Responsabilidad política en la construcción de lo público. Reflexiones a partir de Hannah Arendt” [dt: „Politische Verantwortung in der Konstrukti­on des Politischen. Reflexionen im Anschluss an Hannah Arendt“], in dem sie auf das Arendtsche Denken vor dem Hintergrund der Position von Iris Marion Young eingeht. Young entwickelte ein Modell des politischen Handelns und der moralischen und politi­schen Verantwortung im kosmopolitischen Rahmen. Den strukturellen globalen Unge­rechtigkeiten kann man nicht mehr mit traditionellen Konzepten von moralischer und ju­ristischer Verantwortung gerecht werden, weil sie sich angesichts der geänderten Um­stände der Ungerechtigkeit als ungenügend erweisen. Vielmehr ist das Konzept einer 'stellvertretenden' Verantwortung nötig, die eine Öffnung hin zum Kosmopolitismus er­laubt. Cristina Sánchez ist der Auffassung, dass die theoretischen Beiträge von Young für dieses Problem hilfreich sind. Sie ermöglichen das Denken eines Begriffs von kosmopoli­tischer Verantwortung, der die Systeme juristischer Anwendungsmöglichkeiten von aus­gleichender oder strafender Gerechtigkeit, die bislang Verantwortung auf die Frage der Schuld reduzierten, erweitert. Diesem Text entgegnet Jesús Rodríguez Zepeda (Mexi­ko) mit einer Forderung nach internationaler retributiver oder strafender Gerechtigkeit.

In dem Beitrag von Carlos Kohn (Venezuela) „Hannah Arendt considera el ‘uso legíti­mo a la violencia’” [dt: „Hannah Arendt erwägt den legitimen Gebrauch der Gewalt“] ver­weist der Autor auf das inzwischen berühmte Theorem Arendts vom „ Recht, Rechte zu haben” und verbindet es mit dem Thema des Gesellschaftlichen. Nach seiner Auffas­sung wird das Gesellschaftliche sich nach Eroberung des politischen Bereichs schließlich auch gegen die von den Verfassungen gestützten Gesetze wenden. Hierauf antwortet Ri­cardo Rivas (Mexiko) mit einer Diskussion der Begriffe von Macht, Gewalt, Autorität und dem der Rechte, wobei er das Arendtsche Denken fortlaufend in dem von Habermas spiegelt. Auf diese Weise betont er die Nähe der beiden Autoren.

In dem Text „Pensar sin barandillas o los tropiezos del juicio: Arendt y el racismo” [dt: „Denken ohne Geländer oder die Hindernisse des Urteils“] widmet sich Alejandro Sa­huí erneut den oben bearbeiteten Themen von Verantwortung und Rechten. Er unter­sucht Arendts Essay „Reflections on Little Rock“ im Zusammenhang ihrer systematischen Überlegungen zum Rassismus und zeigt einen Widerspruch zwischen Arendts Betrach­tung in Little Rock zu ihren ursprünglich an der jüdischen Frage entwickelten Position zur Rassenproblematik auf. Arendt verfange sich durch ihre Konzeption des Öffentlichen und des Privaten sowie der Gesellschaft [aus Vita activa] in Widersprüchen, die durch die von ihr selbst wiedergewonnenen Maximen der kantischen Urteilskraft aufgelöst werden könnten.

Miguel Ángel Martínez (Mexiko) erläutert in seinem Kommentar die Position Arendts im Rahmen ihrer Theorie. Er untersucht die Argumente für eine biopolitische Be­gründung der Menschenrechte und weist auf Übereinstimmungen der Arendtschen Argu­mentation mit der von Foucault hin. Der Text „Fundación y memoria” [dt: „Grundlegung und Erinnerung“] von Claudia Galindo arbeitet heraus, wie die Artikulation des Arendtschen Zwischen-Vergangenheit-und-Zukunft mittels der Erinnerung als Binde­glied funktioniert. Dieser Beitrag wird in dem Kommentar von Ivonne Acuña um die Erschaffung und Übertragung einer politischen Tradition vervollständigt. Zum einen bringt das abendländische Erbe fragmentierte kulturelle 'Reste' mit sich, die nach Arendt wie eine 'vergessene Erbschaft' gesehen werden können, als eine Art Untreue gegenüber den Ursprüngen der Moderne; zum anderen können diese auch Auswirkungen auf andere Kulturen haben, die durch die Moderne und die abendländische Geschichte ausgeklam­mert wurden.

Der Band wird mit einem Beitrag von María Teresa Muñoz abgeschlossen, „El repu­blicanismo arendtiano. Una alternativa al declive de la democracia representativa liberal” [dt: „Der Arendtsche Republikanismus. Eine Alternative zum Niedergang der liberalen re­präsentativen Demokratie”]. Ihr Hauptargument liegt in der Behauptung, dass der Neoli­beralismus das Politische aushebele, weil er das Ökonomische an die Stelle dessen setze, was in den Händen der Bürger liege, der Macht. Auf diese Weise werden die Bürger von Partizipation und Deliberation im öffentlichen Raum abgehalten. Der Beitrag befasst sich mit dem Konzept von Bürger und Bürgerschaft, die im Denken Arendts eine besondere Rolle spielen. Er plädiert für die Stärkung der Politik durch Wiedergewinnung und Aus­übung von aktiver Bürgerschaft. In seinem Kommentar verweist Ángel Sermeño Quezada auf die Kritik Arendts an der liberalen Demokratie, bei der sich die Bürger/in­nen von der Politik entfernen, weil ein instrumentelles Verständnis von Macht und ein technokratischer und elitärer Begriff von Politik vorherrschen.

Dies sind die wichtigsten Linien der Rezeption und die bedeutendsten Themen, die in den Arbeiten zu Arendt in Mexiko behandelt wurden und weiterhin auf Kolloquien und Veranstaltungen in akademischen Einrichtungen diskutiert werden.

 

(Aus dem Spanischen von Wolfgang Heuer und Stefanie Rosenmüller)

Anmerkung

1Forschungsprofessorin am Tecnológico de Monterrey, Campus Ciudad de México, Gründerin und Direktorin der Zeitschift En-claves del pensamiento, Revista de Humanidades del Tecnológico de Monterrey.