2.2. Thomas Wild
„A propos deutsche Schriftsteller ...“
Zwischenbericht eines Dissertationsprojekts zur Wirkung von Person und Werk Hannah Arendts auf das literarisch-intellektuelle Feld der Bundesrepublik seit den sechziger Jahren
Was hat Hannah Arendt mit der deutschsprachigen Literatur seit den sechziger Jahren zu tun? Bekanntermaßen hat Arendt, trotz einiger dichterischer Versuche im Stillen, selbst keine literarischen Texte publiziert. Dennoch stellten Literatur und Literaten für sie zeitlebens einen Anziehungspunkt dar. Die Verbindungen, die bekannt sind, führen entweder zu deutschspra-chigen Autoren der Zwischenkriegszeit wie Walter Benjamin, Hermann Broch oder Robert Gilbert oder zu englischsprachigen Schriftstellern wie W. H. Auden, Randall Jarrell oder Mary McCarthy. Doch die deutschsprachige Nachkriegsliteratur seit den sechziger Jahren? 1933 hat Hannah Arendt Deutschland verlassen, seit 1941 lebte sie im Exil in New York – ist unter dieser Voraussetzung eine wesentliche Verbindung zu oder gar Wirkung auf neuere deut-sche Literatur denkbar? Einige Momentaufnahmen:
Im Mai 1964 lässt die New Yorker Freundin und Verlegerin Helen Wolff Hannah Arendt wis-sen: „Grass ist hier, wird von allen Leuten belagert, wuenscht sich aber nur eines: Hannah Arendt zu begegnen.“ Günter Grass ist mit seinem Sonderwunsch keineswegs allein. Han-nah Arendt ist für Schriftsteller, die zu jener Zeit aus Europa in die USA reisen, ein Anzie-hungspunkt. Im Mai 1965 zum Beispiel halten sich drei bedeutende Schriftsteller der deut-schen Nachkriegsliteratur in New York auf. Dass man bei dieser Gelegenheit Hannah Arendt trifft, scheint selbstverständlich zu sein. So signalisiert es jedenfalls Arendts Ton in einem Brief an Karl Jaspers: „A propos deutsche Schriftsteller: Sind augenblicklich alle hier. Grass und Johnson habe ich kennengelernt [...]. Und Enzensberger ist im Anzug. Der Mangel an gesundem Menschenverstand ist oft zum Verzweifeln.“
„Ich bekam Seminare in Philosophiegeschichte, zeitgenössischer Politik, Zeitgeschichte, je nach Wunsch“ , erinnert sich Uwe Johnson an die intensiven Begegnungen mit Hannah Arendt. Sie wird als Gesprächspartnerin geschätzt und gesucht. Für manche, Johnsons Formulierung legt es nahe, nahm sie offenbar den Rang einer Lehrerin ein. Diese Wirkung geht einerseits von Arendts Person, zugleich freilich von ihrem Werk aus. Rolf Hochhuth zum Beispiel, von Hannah Arendt in den hitzigen Debatten um sein Stück „Der Stellvertreter“ öf-fentlich unterstützt, half Arendts Buch Über die Revolution nicht nur, eine Schreibkrise zu überwinden. Sogar die Konturen und der Redetext bestimmter Figuren seines Dramas Die Soldaten gingen unmittelbar aus der Lektüre des Revolutions-Buches hervor und wären oh-ne dessen Kenntnis nicht möglich gewesen, so Hochhuth in einem Brief an Hannah Arendt. „Dieses geniale Buch steht bis heute griffbereit in meinem Regal“ , schreibt Hans Magnus Enzensberger im Jahr 2000 über die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, „es hat mich vor vielen Dummheiten bewahrt“. Arendt und Enzensberger hatten 1965 einen offenen Briefwechsel über das Thema „Politik und Verbrechen in der Zeitschrift Merkur geführt.
„Eine ganz und gar wilde Idee“ unterbreitete Arendt ihrem Verleger Klaus Piper im Septem-ber 1962, als die Vorbereitungen zur deutschen Ausgabe des Eichmann-Buches laufen: Ob nicht Ingeborg Bachmann die Übersetzung anfertigen könne? „Wir denken in vielen Dingen ähnlich und sie wird nicht so schockiert sein wie vielleicht manch andere“, versucht Arendt den Verleger zu überzeugen – vergebens. Übersetzen wird das Buch letztlich jemand ande-res. Dennoch verdeutlicht Arendts Initiative, dass zeitgenössische Schriftsteller für sie keine schicken ‚society’-Bekanntschaften, sondern Partner ihrer intellektuellen Arbeit sind. Davon zeugt auch der Bestand ihrer nachgelassenen Privatbibliothek am Bard-College (USA).
Hannah Arendts Verbindungen führen nicht nur zu Autoren, sondern auch zu institutionellen Akteuren des Literaturbetriebs jener Zeit: zu Verlagen (neben dem Piper- z.B. auch der Wa-genbach- oder der Suhrkamp-Verlag), Zeitschriften (z.B. Merkur), Medien (z.B. Spiegel, FAZ), Kulturinstitutionen (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, P.E.N.-Club) sowie zur Literaturwissenschaft (z.B. Benno v. Wiese). Mit anderen Worten: Die Bedingungen für Wirkung bzw. Einfluss auf das literarisch-intellektuelle Feld der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre sind – über die persönlichen Verbindungen hinaus – auf unterschiedli-chen Ebenen gegeben.
Die wissenschaftliche Forschung hat diese Tatsachen bisher nicht oder nur bruchstückhaft zur Kenntnis genommen. Es gilt ein Stück Neuland zu betreten. Publizierte Quellen sind un-ter neuen Gesichtspunkten zu lesen. Vor allem aber gilt es bislang nicht publizierte Quellen aus Archiven aufzuarbeiten; mit der Edition des Briefwechsels zwischen Hannah Arendt und Uwe Johnson konnte kürzlich bereits ein Teilergebnis dieser Arbeit der Öffentlichkeit zu-gänglich gemacht werden. Die verstreuten Materialien zusammenzutragen, zu systematisie-ren, beschreibend zusammenzuführen und so der Forschung zugänglich zu machen, stellt eine zentrale Aufgabe meines Vorhabens dar. Über Zeitzeugengespräche soll zudem neues Material erhoben und bislang verborgene Rezeptions- und Erinnerungsspuren sollen doku-mentiert werden. Es geht also einerseits um die Rekonstruktion einer historischen Konstella-tion, andererseits und zugleich darum, das Zustandekommen dieser Konstellation(en) zu erklären.
Hierbei stütze ich mich auf die Feldtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Mit Bourdieu lässt sich die literarisch-intellektuelle Szene der Bundesrepublik jener Zeit als Feld von Kraftlinien begreifen, die mit- und gegeneinander wirken. Der „Brennpunkt“ des von mir anvisierten Feldes sind dabei die Debatten um das Selbstbild Deutschlands vor dem spezifischen Hintergrund von Nationalsozialismus und Holocaust. Distinktionskriterien, die Hannah Arendts spezifische Art des Sprechens bzw. Schreibens nach und über Auschwitz von anderen „Feldpositionen“ unterscheiden, können systematische Anziehungs- und Ab-stoßungsverhältnisse erkennbar machen, anders gesagt: erklären, warum Arendt für be-stimmte Akteure des Literaturbetriebs interessant oder eben uninteressant ist.
Eine wichtige (Konkurrenz-)Position nimmt dabei die so genannte Frankfurter Schule ein. Als universitär institutionalisierter Kreis von (männlichen) Remigranten unterscheidet sie sich von der „frei schwebenden“ (weiblichen) Intellektuellen im amerikanischen Exil bereits sozial-strukturell. Aber auch in intellektueller Hinsicht bieten die Frankfurter und die ‚Arendt-Schule’ unterschiedliche Umgangsformen mit Nationalsozialismus und Holocaust an: Hier marxi-stisch-psychoanalytisch grundierte Bestrebungen, möglichst umfassende Erklärungen zu liefern, „von der glatten Fassade des Alltags“ verdeckte Tendenzen zu enthüllen, kurz: Un-sichtbares zu sichtbar machen. Dort eine Denkmethode und Sprechweise, die abstrakte Ide-en sinnlich-metaphorisch im Geschichtenerzählen erdet, die Kurve des Denkens an das Sichtbare, an das eine umfassendere Realität bündelnde Ereignis bindet „wie de[n] Kreis an seinen Mittelpunkt“ .
Als Zwischenergebnis meiner Arbeit läßt sich die vorläufige These formulieren: Hannah Arendt ist eine Orientierungsfigur für potentiell alle Schriftsteller (und andere Akteure des literarisch-intellektuellen Feldes), die sich mit dem Selbstbild Deutschlands vor dem spezifi-schen Hintergrund von Nationalsozialismus und Holocaust auseinandersetzen. Die Qualität der Liste von Autoren und Akteuren, bei denen Einflüsse dokumentarisch bzw. durch per-sönliche Verbindungen verbürgt sind, spricht für eine maßgebliche, nicht marginale Wirkung Hannah Arendts auf das literarische Feld. Dass Arendt über ihren Tod hinaus wirkt(e), auf weitere Autoren und Werke – wie zum Beispiel Heinar Kipphardts Dokumentarstück Bruder Eichmann (1983), Elfriede Jelineks Drama Totenauberg (1992) oder Bernhard Schlinks Der Vorleser (1995) – gilt es dabei im Blick zu behalten. Der Schwerpunkt meiner Untersuchung liegt dennoch auf dem Zeitraum zwischen 1960 und 1975.
Dankbar bin ich für Hinweise aller Art auf Verbindungen Hannah Arendts zu den genannten Bereichen des literarisch intellektuellen Feldes, zu Materialquellen, Zeitzeugen, Nachlässen etc. Besonders interessieren würden mich dabei Hinweise auf möglicher Wirkungspfade Hannah Arendts in das (nicht-offizielle) literarische Feld der DDR; im Gegensatz zu anderen ehemals staatssozialistischen Ländern stellt sich hier bisher der Befund einer Nicht-Rezeption ein.
„Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen“ , antwortet Hannah Arendt auf Günter Gaus’ Frage nach den Wirkungsabsichten ihrer Arbeit. „Und wenn andere Menschen verstehen – im selben Sinne, wie ich verstanden habe –, dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatgefühl“, so Arendt weiter. Verstehen ist für Hannah Arendt „eine nicht endende Tätig-keit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein.“ Ver-stehen ist demnach eine Form des Denkens und zugleich eine Haltung zur Welt – eine ide-elle und eine reale Existenzweise. Gelingt es in meiner Arbeit, die realen historischen Orte und Momente sowie die ideellen Denkräume der Begegnungen zwischen Hannah Arendt und der deutschen Literatur seit 1960 in diesem Sinne nachzuzeichnen, ist viel erreicht.
Thomas Wild
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