1.4.2.
Antonia Grunenberg

Einleitung zu Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie


Im Dezember 2001 fanden an der Ber1in-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin und an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg zwei inter nationale Konferenzen aus Anlass des 50jährigen Jubiläums von Hannah Arendts Buch "The Origins ofTotalitarianism" statt.

Im Oktober 2001, einen Monat nach den terroristischen Anschlägen in New York, Pennsylvania und Washington, war das Buch an der Graduate Faculty der New School University, jener Fakultät, an der Hannah Arendt lange gelehrt hatte, mit einer Konferenz gewürdigt worden. Die amerikanische Konferenz wurde vom "Hannah Arendt Center" an der New School mit ihrem Direktor Jerome Kohn veranstaltet.

Die deutschen Konferenzen standen unter dem Titel "Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie." Sie wurden vom "Hannah Arendt-Zentrum" an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und in Kooperation mit der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem Einstein Forum Potsdam ausgerichtet.

Die Konzeptionen aller drei Konferenzen ergänzen sich. Während auf der Veranstaltung in New York der Schwerpunkt auf der vielfaltigen Beleuchtung des Werkes für das politische Denken heute im Mittelpunkt stand, legten die Konferenzen in Berlin und Oldenburg den Schwerpunkt auf das Werk und das in ihm angesprochene Spannungsverhältnis zwischen Selbstzerstörung und Regeneration in der modernen Demokratie.

Einige Redner traten sowohl in New York wie auch in Berlin oder Oldenburg auf. Die Beiträge der amerikanischen Konferenz erschienen im Sommer 2002 in der Zeitschrift "Social Research". In dieser Sondernummer erschienen auch zwei Beiträge (von Jerome Kohn und von Roy T. Tsao), die in Oldenburg gehalten wurden. Die Beiträge von Claude Lefort, der sowohl in Berlin wie in New York gesprochen hatte, wie von Antonia Grunenberg, die auf der New Yorker Konferenz sprach, wurden wiederum fiir das vorliegende Buch aus "Social Research" übernommen.
 
Im Mittelpunkt aller drei Konferenzen stand ein Buch mit einer seltenen Erfolgsgeschichte, die es über die Jahrzehnte hinweg immer wieder ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rückte: "The Origins of Totalitarianism". Dieses Buch ist 1951 erschienen. Doch wenn wir heute von Hannah Arendts "Totalitarismusbuch" sprechen, so meinen wir jene Fassung, die 1955 in Deutschland zuerst erschien und dann, mit leichten Veränderungen, zur Grundlage aller weiteren Ausgaben wurde. Daher spielt in den Beiträgen der Gesamtkomplex der Arendtschen Arbeiten zum Totalitarismus eine Rolle. So wird das Buch vom Beginn wie vom vorläufigen Ende seiner Editionsgeschichte her in den Blick genommen.

Die besondere Stellung des Buches rührt auch daher, dass es mit einigen, die wissenschaftliche community provozierenden, Thesen Aufsehen erregte, so unter anderem mit der Behauptung, es handele sich bei der totalen Herrschaft um einen völlig neuen Typus von Herrschaft, der mit den vordem bekannten Typen "schlechter Herrschaft" (Diktatur, Tyrannei und andere) nicht zu vergleichen sei. Auch erregte die Behauptung Widerspruch, die totale Herrschaft sei nicht ein - quasi von außerhalb erfolgender - Angriff auf das demokratische Gemeinwesen, sondern Ergebnis einer inneren Entmächtigung.

Und schließlich hat die ungewöhnliche Darstellungsweise Aufsehen und Kritik erregt. Die Autorin und ihr Buch scherten aus dem Strom der wissenschaftlichen Literatur zu Nationalsozialismus und sowjetischem Kommunismus aus. Arendt unternimmt keine politikwissenschaftliche, gar phänomenologische Analyse der totalen Herrschaft. In einer Mischung aus kulturgeschichtlicher Erzählung, historiographischer Analyse und essayistischer Reflexion wird im ersten Teil über die Entstehung des modernen Antisemitismus, im zweiten Teil über die Hintergründe für die Überlagerung des demokratischen Nationalstaats durch den rassistischen Imperialismus und im dritten Teil über den Aufstieg und die Struktur des totalen Terrors und seiner Apparate berichtet.

Wie bei den anderen europäischen Denkern im Exil fließen auch bei Arendt die lebensgeschichtlichen Erfahrungen des Exils in das Werk mit ein. Dem Buch waren Jahre der Vertreibung und des erzwungenen Nachdenkens über den Terror voraus- gegangen. Im Geleitwort zur deutschen Erstausgabe schreibt Arendts Lehrer und Freund Karl Jaspers 1955: "Das Buch ist das Ergebnis jahrzehntelangen Denkens. Jahre vor 1933 sah Hannah Arendt kommen, was ich damals in Deutschland für unmöglich hielt. Als es 1933 begann, war sie sich bewußt, daß es eine unerhört tiefgreifende Wende bedeutete."

Die Erfahrungen der Rechtlosigkeit, des ständig gefährdeten Flüchtlingsdaseins und der Internierung sowie schließlich die Nachrichten von der systematischen Menschenvernichtung in der Sowjetunion, in Deutschland und Polen haben in Arendt den Eindruck hinterlassen, bei dem Phänomen der totalen Herrschaft handele es sich um etwas grundlegend Neues ohne Präzedenz.

Um das Neue herauszustreichen, wählte Arendt den extremsten Blickwinkel. Sie erklärte den Terror zum inneren Bewegungsprinzip des neuen Herrschaftstypus. Dieser methodische Schritt erklärt vielleicht, warum sie ihre Aufmerksamkeit nicht zum Beispiel dem Verhältnis von Wirtschaft und Politik widmete. Dennoch gibt es natürlich Überschneidungen mit zeitgleichen Untersuchungen zum Totalitarismus, so zum Beispiel in der Frage der andauernden Veränderung der Herrschaftsstrukturen oder der Rolle der Exekutive.

Das Buch hat in der alten Bundesrepublik seinerzeit eine wechselreiche Aufnahme erfahren. Einerseits wurde es positiv aufgenommen, weil es sich in die Frontstellung des Kalten Kriegs einfiigen ließ. Andererseits konnten viele mit dem sperrigen Inhalt wenig anfangen. Seine Autorin ließ sich weder von der einen noch von der anderen Seite vereinnahmen: die Rechte konnte unter anderem deshalb nichts mit ihr anfangen, weil sie den in Deutschland damals aufkommenden modischen Philosemitismus ablehnte. Ihr späteres Buch "Eichmann in Jerusalem" (1964)) rief denn auch in Deutschland bei manchen Konservativen empörte Reaktionen hervor. Die Linke lehnte Hannah Arendts Buch über lange Zeit ab, weil der Begriff der totalen Herrschaft einen Strukturvergleich des Nationalsozialismus und der Stalinschen Herrschaft umfasste. Noch lange nach dem Ende der totalen Herrschaft wirkte bei der europäischen, nicht nur bei der deutschen Linken die Illusion, dass der sowjetische Kommunismus weniger totalitär sei, weil er den Nationalsozialismus besiegt habe. Erst die Zäsur von 1989, der Zusammenbruch des Kommunismus und die Wiederöffnung Europas, ermöglichten eine erneute Wahrnehmung dieses Buches. Jetzt traten Fragestellungen in den Vordergrund, die lange unbeachtet geblieben waren

-  die Kritik an der Anfälligkeit der Moderne fiir totalitäre Versuchungen (beispielhaft dargestellt in Arendts Kritik der europäischen Intelligenz);
-  die Schwächen der europäischen Konzeption des Nationalstaats, die die ethnische Homogenität oder die Nation selbst anstelle der politischen Integration in den Vordergrund stellt;
-  der kritische Blick auf die Selbstentmächtigung der europäischen Demokratien;
-  der Gedanke des Neuanfangs, der insbesondere in den posttotalitären Staaten auf ihrem Wege zur Demokratie eine große Rolle spielt;
-  die Kraft eines Denkens, das über die systematische Analyse hinaus in die Hermeneutik vordringt.

Eine kritische öffentliche Debatte über das Arendtsche Buch scheint erst heute möglich, wo das Buch in seinen vielen Facetten wahrgenommen wird.

"Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie", der Titel der beiden Konfeenzen in Oldenburg und Berlin, der diesem Band den Namen verliehen hat, spricht einen besonderen Aspekt aus Hannah Arendts Reflexionen zu den Voraussetzungen und Konsequenzen totalitärer Herrschaft an: die Zerstörung bzw .den Wiederautbau des politischen Gemeinwesens nach dem Ende der totalen Herrschaft. Arendts berühmtes Buch, zumal seine erste Fassung, endet nun keineswegs mit einer Erörterung der "republikanischen Frage". Vielmehr lässt sie die Frage, ob und wie eine Art politischer Regeneration zustande kommen könnte, offen. Dennoch begleitet alle drei Teile des Buches unterströmig die Frage nach der Sinnhaftigkeit und den Be.; dingungen politischen Handeins in Freiheit. Die in diesem Buch versammelten Beiträge erörtern diese Frage in unterschiedlichen Kontexten: mal auf Arendts Erörterung der Spezifik der totalen Herrschaft bezogen, mal als demokratietheoretisches Problem und schließlich übertragen auf die politische Transformation in Mittel- und Osteuropa nach 1989.

Das Werk wird im vorliegenden Band aus drei Winkeln in den Blick genommen. Zum einen stellen die Beiträge die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Werkes ins Zentrum; zum zweiten debattieren Autorinnen und Autoren die Aktualität beziehungsweise Historizität der Arendtschen These von der der Moderne inhärenten totalitären Gefahr und zum dritten werfen sie die Frage nach dem Erbe des Arendtschen Denkens bzw .seiner Übertragbarkeit in den heutigen politischen Raum auf.

Die Ereignisse des 11. September 2001 haben dem Buch retrospektiveine überraschende Aktualität verliehen. Die Erfahrung des Terrors und das Nachdenken über seine politischen Folgen hat freilich unterschiedlich auf die Debatten der beiden Konferenzen in Berlin und in Oldenburg, deren Beiträge hier hauptsächlich vorgestellt werden, beziehungsweise in New York eingewirkt. Während die Beiträge der amerikanischen Kollegen und der Kollegin diese Erfahrung zum Teil unmittelbar ansprechen, ist sie in den deutschen Beiträgen eher mittelbar präsent.

Die Beiträge gewichten das Werk zum Teil sehr unterschiedlich. Während die einen seine Hauptthesen historisieren, betonen andere seine Ergiebigkeit für das politische Denken heute. Wiederum andere greifen einzelne Zugänge heraus (zum Beispiel das Motiv des Neuanfangs, der politischen Freiheit, der Lüge, der Verantwortung) und transferieren sie in den politischen Raum. In ihren unterschiedlichen Herangehensweisen aber folgen alle Beiträge jener Arendtschen Maxime, die Jerome Kohn in seiner Einleitung zu der Sondernummer von "Social Research" (Summer 2002): "that the sense of the reality of an object (and ultimately of the world as the assemblage of whatever appears in it) depends on a diversity ofpoints of view and is consummated in agreeing that it is one and the same object following the communication of those distinct viewpoints (S. VIII f.)."

Im ersten Teil steht "The Origins of Totalitarianism" in seiner Entstehung, seinem intellektuell-historischen Umfeld und in seiner Kohärenz bzw. Inkohärenz im Mittelpunkt. Otto Kallscheuer sieht in dem Buch mehr eine Erzählung als eine Analyse des Totalitarismus; die Unverwechselbarkeit seiner Autorin bestünde vor allem in ihrem politischen Existentialismus. Alfons Söllner erweitert die Perspektive mit einem Überblick über die Totalitarismus-Debatte im deutschen Exil in den USA, an der Arendt ja lebhaft teilgenommen hat. Auch er sieht die Besonderheit des Buches in seiner existenzphilosophischen Begründung.
Roy Tsao stellt Arendts Konzeption totaler Herrschaft in ihren Entwicklungsstadien dar und legt frei, wie sich aus dem Nachdenken über die politischen Folgerungen aus den ersten beiden Teilen des Buches (Antisemitismus und Imperialismus) der Beg- riff der totalen Herrschaft allmählich herausschält.

Ursula Ludz beschreibt ergänzend die verwickelte Entstehungsgeschichte des Buches, seiner verschiedenen Ausgaben und seiner Vor- und Begleitstudien.
Im zweiten Teil werden die demokratietheoretischen Erträge des Arendtschen Buches ins Zentrum gestellt. Jerome Kohn geht auf die besondere Arendtsche Hermeneutik ein, die in "The Origins of Totalitarianism" zum ersten Mal geschlossen erscheint. Er rekonstruiert die Gründe für ihren Methodenwechsel zum historischen Erzählen. Insbesondere widmet er sich der Frage, wie für Arendt, die jede Entwicklungsgeschichtlichkeit ablehnt, in der Metapher des "Kristallisierens" Rassismus und Antisemitismus zu verursachenden Elementen der totalen Herrschaft werden.

Claude Lefort weist einerseits darauf hin, dass Arendt als eine der ersten auf das Phänomen der totalen Herrschaft nach innen hin (das heißt im doppelten Sinne ins Innere der Gesellschaft und ins Innere des Menschen) aufmerksam gemacht hat - so zum Beispiel in den Passagen über die systematische Zerstörung der bürgerlichen Persönlichkeit. Doch kritisiert er Arendts perspektivischen Blick auf die Veränderung der Sphäre der Gesetzlichkeit unter der totalen Herrschaft als zu verkürzt. Nicht die Dominanz der "Bewegung" über die Rechtssphäre zum Beispiel ist nach Leforts Ansicht kennzeichnend für totale Herrschaft, sondern deren manipulatorische Funktionalisierung.

Peter Wagner hinterfragt die Gültigkeit der Arendtschen These von der Immanenz totalitärer Momente in der Moderne. Arendts Schlussfolgerung, dass Demokratie und Totalitarismus gerade nicht durch einen Abgrund getrennt seien, erläutert Wagner an ihrer Kritik der liberalen Konzeption des Gemeinwohls. Seiner Auffassung nach gibt es in der geschichtlichen Erfahrung zwei Möglichkeiten, die Widersprüche zwischen Einzelinteressen und Gemeininteresse auf totalitärem Weg zum Verschwinden zu bringen: "zum einen durch die Überstülpung eines angenommenen Kollektivinteresses über die Freiheit des Einzelnen, zum anderen aber auch auf dem umgekehrten Wege, dem der Herausleitung des öffentlichen Wohls aus privaten Interessen. Politische Freiheit verschwindet auf beiden Wegen."

Antonia Grunenberg geht einem Grenzbegriff der Totalitarismus-Diskussion nach: dem Begriff der organisierten Lüge. Hannah Arendt hatte diesen Begriff zweimaI aufgebracht, einmal in der Diskussion über ihr Buch zum Eichmann-Prozess und zum zweiten anlässlich der systematischen Irreführung der amerikanischen Öffentlichkeit durch die amerikanische Regierung im Vietnam-Krieg. Ausgehend von Arendts Unterscheidung zwischen dem Lügen als konstitutivem Bestandteil des freien Handelns und der "organisierten Lüge" als Grundlage der Konstruktion einer fiktiven Welt, thematisiert Grunenberg eine der totalitären Bruchstellen innerhalb von Demokratien.

Katrin Tenenbaum macht darauf aufmerksam, dass Arendt im ersten Teil ihres Totalitarismus-Buches, in dem sie die historischen Hintergründe für das Heraufkommen eines spezifisch modernen Antisemitismus beschreibt, Elemente einer ,jüdischen Typologie" des politischen Denkens freilegt. Diese hatte sie schon in Rahel Vamhagen mit der Idee einer intersubjektiven Universalität angesprochen, die von der Figur des Pariah ausging. Tenenbaum argumentiert, dass hier die Konturen einer Alternative zum europäischen Identitätsdenken zu entdecken seien.

Im dritten Teil steht die Frage nach dem Wirken des Arendtschen Denkens im öffentlichen politischen Raum im Vordergrund. Ingeborg Nordmann erläutert am Beispiel des Briefwechsels zwischen Hannah Arendt und der ehemaligen BDM-Funktionärin Melita Maschmann die Schwierigkeit, nach dem Ende des Nationalsozialismus die Frage der politischen Verantwortung ins Bewusstsein der einzelnen zu bringen.

Auch Freimut Duve geht auf die Probleme der Transformation von post-totalitären Staaten in demokratische Republiken ein. Sein Beitrag, der in einer der Panel-Diskussionen gehalten wurde und daher mündlichen Stil trägt, widmet sich der Spannung zwischen den Erwartungen des Westens an die demokratische Transformation der ehemals kommunistischen Staaten und der Realität des politischen Lebens in diesen Ländern heute. Zwei Faktoren stehen seiner Meinung nach einer schnellen Transformation entgegen: einmal die Langsamkeit des Wandels und zum zweiten das Fehlen einer einheimischen Elite, die die Demokratie rasch aufbauen könnte.

Vlasta Jalusic denkt in ihrem Beitrag über die Ereignisse von 1989 im Kontext des Arendtschen Begriffs des Politischen nach. Sie beschreibt die zivilgesellschaftlichen Bewegungen in Mittel- und Osteuropa, die entscheidend zum Zusammenbruch der kommunistischen Systeme beitrugen, als eine im Arendtschen Sinne neue Erscheinung im politischen Raum. Die Akteure hätten eine neue Dimension des Politischen geöffnet. Dieses schöpferische Potential sei im Zuge des sogenannten "Transformationsprozesses" zerstört worden. Unter dem starken Druck der westlichen Eliten seien die neuen demokratischen Gesellschaften gezwungen worden, dem westlichen Modell zu folgen. Daher hätten sie die Institutionalisierung der Demokratie nach westlichem Modell über die Neugründung der politischen Freiheit gesetzt -und damit totalitären Tendenzen den Weg geebnet.

Dagmar Barnouw stellt in ihrem Beitrag den direktesten Bezug zu den Ereignissen seit dem 11. September her. Sie vertritt die These, dass die gegenwärtige Politik in Israel und der Hass islamischer Fundamentalisten auf den Westen spiegelbildliche Unfähigkeiten darstellen, die Moderne als politische Herausforderung anzunehmen.

Den Band beschließt Daniel Cohn-Bendit mit einer Warnung vor der Gefahr der Selbstentmächtigung demokratischer Gesellschaften. Dieser Beitrag ist - wie der von Freimut Duve - mündlich konzipiert und gehalten worden. Cohn-Bendit erzählt über das Missverstehen der Freiheit bei den politischen Protagonisten seiner Generation. "Wie die Freiheit auf den Hund kommt" übertitelt er jene Ereignisse und Bewegungen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, in denen damals das Verlangen nach politischer Freiheit in eine totalitäre Freiheitsmanipulation umschlug. Auch er fordert retrospektiv die Übernahme politischer Verantwortung.

Konferenzen - und somit auch die Bücher, die aus ihnen entstehen - verdanken sich immer auch dem Zusammenwirken verschiedener Persönlichkeiten und Institutionen. Es sind dies: das Institut für Politikwissenschaft II und der Fachbereich 3 an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg, der Piper Verlag München mit seinem Leiter Viktor Niemann, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit ihrem Präsidenten Dieter Simon, das Einstein Forum Potsdarn mit seiner Direktorin Susan Neirnan, die Stiftung Niedersachsen mit ihrem Generalsekretär Dominik Frhr. von König, Rüdiger Thomas für die Bundeszentrale für Politische Bildung, Bernd Faulenbach für die Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und, last, but not least, das Centre Marc Bloch (Berlin) mit seiner Direktorin Cathérine Coliot-Thélène.
Besonderer Dank gilt Bettina Koch und Stefan Ahrens, die die endgültige Fassung des Buches mit betreut haben. Isolde Heyen hat freundlicherweise die Vorbereitung zum Druck übernommen.

Die Ideen zu den Konferenzen und ihren Beiträgen sind in intensiven Gesprächen mit meinem Freund und Kollegen Jerome Kohn gewachsen. In ihnen ging es darum, wie man den Ariadnefaden eines politischen Denkens, das Hannah Arendt und andere begonnen haben, freilegen, aufnehmen und weiterführen kann. ,,'Notre heritage n'est précédé d'aucun testament - unserer Erbschaft ist keinerlei Testament vorausgegangen.'" Dieses Wort des französischen Dichters und Schriftstellers René Char, das er für den französischen Widerstand geprägt hatte und auf das sich Hannah Arendt in ihrem Vorwort zu "Zwischen Vergangenheit und Zukunft" beruft, gilt in übertragenem Sinne auch fiir die Gegenwart.


Oldenburg  im November 2002