1.3.
Dresden, December 7, 2001

1.3.1.
Klaus-Dietmar Henke
Der Totalitarismus-Begriff zwischen politischem Verwertungsinteresse und wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse: Einleitende Bemerkungen zum Dresdner Hannah-Arendt-Forum


Noch immer stösst man auf die verbreitete Auffassung, der so überaus populäre politische und politikwissenschaftliche Begriff des "Totalitarismus" sei eine Prägung des Kalten Krieges -- oder gar die Erfindung einiger besonders einfach gestrickter Anti-Kommunisten, die den Staatssozialismus und den  Nationalsozialismus in derselben historischen Schublade verschwinden lassen wollten. Tatsächlich stammt dieser Begriff aber aus der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Zweitens waren es nicht Anti-Kommunisten, sondern Anti-Faschisten, die ihn geprägt haben -- freilich nicht Anti-Faschisten im Sinne des sowjet-kommunistischen Jargons, sondern liberale Gegner Mussolinis, die sofort das Präzedenzlose dieses ebenso regellosen wie suggestiven Weltanschauungsregimes erfassten.

     Totalitarismus als Gattungsbegriff für eine erstmals im 20. Jahrhundert auftretende Herrschaftsform ist also etwa 30 Jahre älter als das vor genau 50 Jahren erschienene Werk Hannah Arendts, um das es geht. Trotzdem hat dieses Buch stärker als alle anderen die Vorstellung von totalitärer Herrschaft geprägt und popularisiert.

     Genauso wenig freilich wie für die Begriffsbildung kann der berühmten Autorin das Patentrecht für die vergleichende Analyse von Faschismus, Nationalismus und Staatssozialismus sowjetischen Typs zuerkannt werden, die ja den Clou der idealtypischen Konstruktion "Totalitarismus" ausmacht. Denn bereits seit den dreißiger Jahren markieren verschiedene Bücher katholisch, liberal oder sozialdemokratisch geprägter Autoren den Übergang von einem politischen Kampfbegriff auch zu einem theoretischen Konzept der Politikwissenschaft.

     Dennoch hat niemand das Panorama des Totalitarismus mit einer solchen suggestiven Kraft vor Augen geführt wie Hannah Arendt. Wesentliches Merkmal totalitärer Herrschaft ist in ihrer Sicht deren Fundierung durch eine Weltanschauung, die von unumstößlichen biologischen oder historischen Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung ausgeht. Sowohl im universalistisch-hyperrationalen Marxismus-Leninismus wie im gesellschaftsbiologisch-irrationalen Nationalsozialismus leitet eine sog. "Avantgarde" aus ihrer behaupteten Einsicht in das Entwicklungsgesetz vergangener, gegenwärtiger und künftiger Politik ein Wissensmonopol ab. Mit diesem Wissensmonopol rechtfertigen die Spitzenkader dann ihr politisches Herrschaftsmonopol. Logischerweise kann ein derartiger Verfügungsanspruch, der letztlich auf eine Veränderung der Natur des Menschen zielt, keinerlei  moralische oder tatsächliche Grenzen für sich anerkennen.

     Die Konsequenzen dieses totalitären Politikansatzes sind  dementsprechend drastisch: Eroberung des Staatsapparates durch eine Weltanschauungspartei; Gleichschaltung und Umbau der Gesellschaft; Indoktrination und Umerziehung; prinzipielle Intoleranz; Umprägung von Worten und Werten; "universale Verdächtigkeit", wie Hannah Arendt sagt. In ihrer  zuspitzenden Diktion nennt sie den Totalitarismus eine Revolte gegen die Tatsächlichkeit und gegen den gesunden Menschenverstand -- einen Versuch, "eine rein fiktive Welt" herzustellen; fünf Minuten Lektüre im alten Neuen Deutschland genügen, um zu verstehen, was Hannah Arendt damit meint.

     Nachdrücklich betont sie, dass dem Totalitarismus eine  Einstellung zum Politischen überhaupt zugrunde liegt, die dem liberalen Politikverständnis -- und dagegen richten sich ja die Totalitären jeglicher Couleur -- diametral entgegensteht: Hier Politik als fortgesetztes zwangfreies Experimentieren; dort Politik als messianisches Projekt, eine vorbestimmte Ordnung durchzusetzen und das Leben schon jetzt danach zu gestalten. Hier eine "absolutistische", dort eine "empiristische" Einstellung zur Politik (Jacob L. Talmon).

     Totalitarismus zerstört also das Wesen des Politischen selbst -- die vermeintliche Überpolitisierung in den Weltanschauungsdiktaturen ist in Wirklichkeit eine Entpolisierung. Der Totalitarismus zerstört das Wesen des Politischen, weil er die grundsätzliche Offenheit jedes politischen Prozesses, der diesen Namen verdient, zerstört. Das Politische wurzelt bei Hannah Arendt ja im Personalen, nämlich in der unverwechselbaren Individualität des Einzelnen und in der Fähigkeit der Menschen, miteinander in Beziehung zu treten, von sich aus ständig "etwas Neues zu beginnen", wie es ihre berühmte Wendung sagt. Diese menschliche Fähigkeit und die prinzipielle Unberechenbarkeit des Menschen ist nach Arendt der größte Störfaktor für die totalitäre Herrschaft. Und genau deswegen unternähmen totalitäre Regime nichts weniger als den Versuch, die universale Idee der menschlichen Würde und die unveräußerlichen Menschenrechte selbst zu beseitigen.

     Brennpunkt dieses Versuches, die Autonomie des Einzelnen zu zerstören, ja den Störfaktor Mensch "überflüssig zu machen", ist für Arendt das System der Lager. Der Terror dort diene dem Regime weniger zu praktischen Zwecken, als vielmehr der Demonstration, dass es keine Begrenzung mehr dafür anerkennt, was Menschen einander antun dürfen. Die Lager sind für sie letztlich nichts anderes als Laboratorien zur Beseitigung einer kommunikativen Welt, ohne die kein Mensch existieren und ohne die es Politik als den Verkehr der Menschen als Gleiche mit Gleichen in Freiheit nicht geben  kann.

     Dies alles ist natürlich idealtypische Konstruktion, keineswegs realgeschichtliche Analyse; die Nazis unterhielten ihre Vernichtungslager nicht, um die kommunikative Welt zu beseitigen und dies ad oculos zu demonstrieren, sondern dazu, die Menschen selbst zu beseitigen -- und zwar möglichst heimlich. Hannah Arendt spricht auch selbst nicht von einer Theorie, sondern allenfalls von einer Phänomenologie totalitärer Herrschaft. Ihr Buch "wolle keine Antworten geben", schreibt sie 1946, "sondern eher das Terrain sondieren".

     Bis heute existiert keine unangefochtene Totalitarismus-Theorie. Die Zeithistoriker sind sogar ausgesprochen skeptisch, ob das Konzept des Totalitarismus für ihre Zwecke überhaupt erkenntnisaufschließend sein kann. "Terror", wie Hannah Arendt ihn beschrieb, wird jedenfalls nicht mehr als die zentrale Konstante eines entfalteten Weltanschauungsstaates angesehen. Heute würden wir wohl eher sagen: Totalitär verfasste Gesellschaften sind vor allem durch die andauernde Auseinandersetzung zwischen Aufhebung und Behauptung von Autonomie charakterisiert. Totalitäre Herrschaft würde sich dann nicht so sehr nach ihrer Verbrechensfrequenz bestimmen, sondern nach der staatlichen und parteilichen Kontrolldichte sowie nach dem gesellschaftlichen und individuellen Autonomieverlust. In diesem Sinne müsste man dem einstigen PDS-Manager André Brie zustimmen, der unter dem Wutgeheul seiner Genossen vor einigen Jahren einmal feststellte, das SED-Regime sei viel totalitärer gewesen als das NS-Regime.

     Man sieht: Der Vergleich der beiden Großtotalitarismen Nationalsozialismus und Kommunismus ist ein glattes Parkett; es ist auch für den Historiker nicht ohne Tücken und Enttäuschungen. Zur Verdeutlichung der normativen Kluft zwischen rechtsstaatlicher Demokratie und Weltanschauungsdiktatur ist der Totalitarismus-Begriff sehr leistungsfähig, als Kategorie der Herrschaftsformenlehre ist das Totalitarismus-Konzept unentbehrlich. Doch selbst Karl Dietrich Bracher, der Doyen der Zeitgeschichtsforschung, der auch bei starkem Gegenwind immer an einem normativen Totalitarismus-Begriff festhielt, hat dem empirischen  zeitgeschichtlichen Vergleich von Nationalsozialismus und Staatssozialismus keine forschungspraktische Bedeutung beigemessen. Er hat die relative Unfruchtbarkeit dieser Art von Vergleich für seine zeitgeschichtlichen Forschungen lange vor der nach 1989 ausbrechenden Euphorie gespürt und ihn deswegen in seinen bahnbrechenden Arbeiten zum  Nationalsozialismus auch nirgendwo zum Tragen gebracht. Dasselbe gilt für die maßgebenden Werke zur Geschichte der DDR und der Sowjetunion. Es wäre interessant, wenn jemand ein überzeugendes Beispiel dafür beibringen könnte, über welche Einsichten zum Nationalsozialismus oder zum Kommunismus wir ohne deren direkten Vergleich miteinander heute denn nicht verfügen würden.

     Kurz: Wir tun gut daran, politisches Verwertungsinteresse und wissenschaftliches Erkenntnisinteresse säuberlich auseinander zu halten. Auch die Fallgruben einer übertriebenen Ikonisierung von Hannah Arendt sind tief -- zeitweilig schien  kaum ein Festredner ohne Hannah-Arendt-Zitat auszukommen.

     Manchen hat diese Art der Vereinnahmung z.B. übersehen lassen, dass Hannah Arendt sich dem Paria näher fühlte als dem beamteten Ordinarius, dass sie sich nie als Deutsche im Sinne einer Volkszugehörigkeit gefühlt hat, dass sie gerührt und geschmeichelt war, als ein Student sich durch sie an Rosa Luxemburg erinnert fühlte. Andere werden vielleicht übersehen haben, dass Hannah Arendt von den Aktionen und der Argumentation Daniel Cohn-Bendits während der französischen Studentenrevolte 1968 überaus enthusiasmiert war. Und es ist immerhin denkbar, dass manch einer nachdenklicher würde, wenn er erführe, dass Hannah Arendt die entstalinisierte Sowjetunion -- und erst recht die Honecker/Mielke-DDR --nicht als totalitäre Regime betrachtete.

     Genaueres Zusehen ergibt, dass weder mit Hannah Arendt noch mit dem Totalitarismus alles so eingängig und praktisch verwendbar ist, wie sich die Politik -- auch in unseren neuen Ländern -- das manchmal gerne wünschte.