Johano Strasser

Kopf oder Zahl. Die deutschen Intellektuellen vor der Entscheidung

(Wir veröffentlichen das Vorwort des in diesem Jahr in der Edition Büchergilde, Frankfurt/M. erschienenen Buches mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Die Redaktion)

In diesem Buch geht es um die Intellektuellen, ihre klassische Rolle als Sprecher der Sprachlosen und Wahrer universeller Werte, ihre frivolen Machtspiele und Maskeraden, ihr Engagement und ihren gesellschaftsverachtenden Snobismus, die Neigung der Intellektuellen, die eigene Intellektualität zu verraten und sich auf die Seite von Irrationalismus, Rausch und Gewalt zu schlagen, aber auch ihre nach wie vor unersetzliche Öffentliche Rolle in den Prozessen demokratischer Selbstverständigung in unserer Gesellschaft. In einer Zeit, da von einer Intellektuellendämmerung die Rede ist und davon, dass der Intellektuelle in einer Luhmannschen Welt selbstreferentieller Teilsysteme vom Experten abgelöst werde, versuche ich herauszuarbeiten, worin heute eine für die Demokratie nach wie vor wichtige gesellschaftliche Rolle der Intellektuellen bestehen könnte. Die einzelnen Kapitel des Buches schlagen Schneisen in ein facettenreiches und historisch vielfach belastetes Thema. Dabei beziehe ich mich vor allem auf die Debatten, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland geführt wurden, wo die Gegenbewegung gegen die von der 68er-Generation ausgelöste
Politisierung sowie der Zusammenbruch der DDR und die Erlangung der deutschen Einheit zu einer im Ganzen dramatischen Abwertung der Intellektuellenrolle in der Öffentlichkeit geführt haben.

Dass die Intellektuellen selbst diesen Verlust an Öffentlicher Anerkennung und Wirksamkeit durch ihre Verantwortungslosigkeit, ihre elitäre Verstiegenheit, ihre kleinkarierte Konkurrenz um Öffentliche Aufmerksamkeit in der Mediengesellschaft mit befördert haben, ist nicht zu leugnen. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass eine funktionierende Demokratie in komplexen Gesellschaften, erst recht die sich in widersprüchlichen Entwicklungsprozessen herausbildende europäische Mehrebenendemokratie, ohne Intellektuelle, die ihre klassische Funktion als paradigmatische Citoyens wahrnehmen, nicht auskommen kann.
Freilich werden die Intellektuellen, wenn sie ihrer demokratischen Verantwortung in Zukunft gerecht werden wollen, nicht nur ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Kritik, nachgehen dürfen. Der universalhistorische Optimismus, nach dem humaner Fortschritt vor allem von der kritischen Verflüssigung etablierter Denk- und Ordnungssysteme zu erwarten sei, ist heute nicht mehr haltbar. In diesem Sinne münden die Überlegungen dieses Buches in die Forderung nach einer neuen konstruktiven Interpretation der Intellektuellenrolle, die die Anmaßungen der Priesterfunktion vermeidet, aber sich auch nicht auf einen allzu engen Pragmatismus innerhalb vorgegebener Strukturen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung festlegen läßt.


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Johano Strasser
Ich denke, also bin ich

(Erschienen in SZ Magazin, Nr. 10, 11. März 2005, S. 7-10, Veröffentlichung
mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Intellektuelle sind Leute, die sich in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. Der Satz stammt von Jean-Paul Sartre, und bei ihm, der zeitlebens den Anspruch erhob, bei allen Öffentlichen Angelegenheiten ein gewichtiges Wort mitzureden, war er natürlich ironisch gemeint. Ganz anders bei den Verwaltern der Macht, den Machern in Politik, Wirtschaft und Entertainment; für sie waren die Intellektuellen seit eh und je vor allem Wichtigtuer, die sich anmaßen über Dinge mitzureden, von denen sie keine Ahnung haben. Schon Napoleon sprach in diesem verächtlichen Sinn von idéologues, wenn er die aufklärerischen Schriftsteller und Philosophen seiner Zeit treffen wollte.

Heute ist die Verachtung der Intellektuellen fast allgemein - selbst unter Intellektuellen. Im technokratischen Zeitgeist glauben die meisten, dass wir gut daran täten, die Gestaltung der Welt allein den Experten anzuvertrauen. Wer als Intellektueller auf sich hält, begibt sich nicht in die Niederungen der Politik, kümmert sich nicht um das Los der Ausgegrenzten, erhitzt sich nicht über eine Ökonomie, die sich anmaßt, sich alle Lebensbereiche zu unterwerfen. Die Intellektuellen haben es sich heute in ihrer Nische bequem gemacht, als Spezialisten für Erbauung und geistreiche Unterhaltung, geduldet, belächelt, aber ohne ernst zu nehmende demokratische Funktion.

Dabei hatten sie es einst, besonders in Frankreich, zu hohem Öffentlichen Ansehen gebracht. Vielen galten sie und gelten sie dort immer noch als unersetzliche Wächter der Demokratie. Intellektuelle - so der kürzlich verstorbene französische Soziologe Pierre Bourdieu - sind Menschen, die ihre Kompetenz im autonomen Feld der Kultur dazu nutzen, um kritisch zugunsten universeller Werte zu intervenieren. Das ist das klassische Verständnis der Intellektuellenrolle, wie es sich im nachrevolutionären Frankreich herausbildet: Intellektuelle als das Gewissen der Gesellschaft, als unbestechliche Anwälte der Freiheit und der Gerechtigkeit.
 
Die eigentliche Heldenzeit des klassischen Intellektuellen ist das 19. Jahr-hundert, genauer die Jahre der Dreyfus-Affäre, als der Dichter Emile Zola mit seinem "J'Accuse" die korrupte französische Staatsmacht in die Schranken wies und allein mit dem Mittel des Öffentlichen Wortes einem unschuldig Verfolgten, dem jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, am Ende doch noch Gerechtigkeit verschaffte. Hier bildet sich ein Modell heraus, das über lange Zeit prägend blieb: der Intellektuelle, der privilegierten Zugang zur Öffentlichkeit hat, macht sich zum Sprecher der Sprachlosen und zum Verteidiger der Verfolgten und Gedemütigten.

Natürlich entsprach, wie in anderen Fällen auch, die Wirklichkeit nie ganz dem Modell. Immer wieder haben sich Intellektuelle durch die Macht faszinieren und sich von ihr einspannen lassen, nicht selten haben sie sich in einem geistigen salto mortale, ihre eigene Intellektualität verratend, dogmatischen und irrationalen Zeitströmungen unterworfen. Zuweilen haben sie sich snobistisch von der Gesellschaft und ihren Problemen abgewandt, sich so sehr in ihre eigenen kleinen Machtkämpfe und Intrigen verstrickt, dass sie darüber ihre demokratische Funktion völlig aus den Augen verloren. Skepsis gegenüber einer allzu undifferenzierten Huldigung der Intellektuellen ist also angebracht.

Aber ist es richtig, was man heute von vielen Seiten hört, dass der Intellektuelle in unserer modernen Gesellschaft keine Funktion mehr hat, dass seine Position, wie Norbert Bolz behauptet, unhaltbar geworden ist? Die These, dass wir es heute mit einer allgemeinen Intellektuellendämmerung zu tun hätten, wird zumeist damit begründet, dass die moderne Gesellschaft viel zu kompliziert die Soziologen sagen: komplex - geworden sei, als dass die Intellektuellen als die Kulturgeneralisten, die sie sind, bei Öffentlichen Angelegenheiten kompetent mitreden könnten. Der Intellektuelle, so der Soziologe Dirk Baecker, werde in seiner gesellschaftlichen Rolle heute vom Experten abgelöst. Er habe weiterhin seine Nische in den Massenmedien, als Stichwortgeber, Moderator, Provozierer und Clown vom Dienst. Wenn es aber um die Zukunft der Gesellschaft, um grundsätzliche Weichenstellungen in der Politik, in Wissenschaft und Technik gehe, seien die Einreden der Intellektuellen heute bedeutungs- und daher zurecht folgenlos.

Nun wird niemand bestreiten, dass in einer hochkomplexen Gesellschaft bei allen Fragen der politischen Gestaltung Experten zurate gezogen werden müssen. Wer freilich die Krise des Expertentums in den 70er und 80er Jahren miterlebt und nicht verdrängt hat, als der Streit über die Atomenergie und über Umweltfragen eskalierte und eine Handvoll Autodidakten aus den Bürgerinitiativen den von Regierung und Industrie aufgebotenen geballten Expertensachverstand blamierte, wer die Rolle der Wirtschaftsweisen und die Dignität ihrer Analysen und Ratschläge einigermaßen vorurteilslos prüft, wer weiß, daß auf dem heutigen Wissenschaftsmarkt gegen Geld für jede noch so absurde Position ein Expertengutachten zu haben ist, der wird in das Loblied auf die Experten nicht vorbehaltlos einstimmen können. Entscheidend ist aber etwas anderes. Bei den in der Demokratie Öffentlich zu verhandelnden Fragen geht es keineswegs nur um Sach- und Fachfragen. Politische Entscheidungen sind immer auch Wertentscheidungen. Ob eine Autobahn durch ein Naturschutzgebiet gebaut werden soll oder nicht, ist eine Frage, die letztlich nicht von Experten beantwortet werden kann, sondern allein von den Bürgern, die sagen müssen, was ihnen in diesem Fall wichtiger ist: der freie Fluß des Verkehrs oder eine halbwegs intakte Natur. Erst recht gilt dies, wenn es um Fragen von Krieg und Frieden, um die Verwendung Öffentlicher Gelder oder um die innere Sicherheit geht. Immer kommt es darauf an, wie die Prioritäten gesetzt werden, welche Interessen sich gegen welche anderen behaupten. Das eigentlich Politische bei solchen Entscheidungen, ist nicht Sache der Experten, sondern allein des Bürgers, des Citoyen. Wer Politik auf Verwaltung und Expertise reduziert, hat die Demokratie schon aufgegeben.

Wenn Intellektuelle im klassischen Verständnis sich Öffentlich zu politischen Themen äußern, so tun sie dies als paradigmatische Citoyens. In einer Demokratie haben ihre Argumente im Prinzip nicht mehr Gewicht als die jedes anderen Bürgers, wie sie bei der Wahl wie alle anderen Bürger auch nur eine Stimme haben. Aber weil sie in der Regel einen privilegierten Zugang zu den Medien und damit zur Öffentlichkeit haben, geraten sie nicht selten in die Lage, stellvertretend für die vielen Bürger, denen diese Möglichkeiten nicht offenstehen, den für die Demokratie konstitutiven argumentativen Streit über das Gemeinwohl auszutragen. So wurden und werden sie zu Initiatoren oder Katalysatoren einer gesellschaftlichen Selbstverständigung, deren antikes Urbild die Versammlung der Freien auf der Ager in Athen darstellt. Den Technokraten war die Intervention der Intellektuellen schon immer suspekt. Auf ihre Fachkompetenz pochend, so Jean Améry, verwiesen sie den klassischen Intellektuellen in den Strafwinkel des Dilettantismus. Aber ihr Argument, dass bei allen Öffentlich relevanten Fragen allein die Experten zuständig seien, richtet sich, genau besehen, nicht nur gegen die Intellektuellen, sondern gegen die Demokratie überhaupt. Denn wenn nur noch Experten sinnvoll über politische Fragen mitreden können, wenn es so etwas wie Laienkompetenz in politischen Angelegenheiten nicht mehr gibt, dann machen letztlich auch Wahlen und demokratische Mitspracherechte keinen Sinn mehr. Aus der Sicht der Technokraten sind nicht nur die Intellektuellen, sondern ebenso die auf demokratischer Teilhabe beharrenden Normalbürger Leute, die sich in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. Grund genug, sollte man meinen, für die Intellektuellen, ihre Öffentliche Rolle als Wächter der Demokratie offensiv zu vertreten. Aber, zumindest in Deutschland, ist davon zur Zeit wenig zu sparen. Die ehemals so selbstgewissen linken Intellektuellen treten heute eher kleinlaut auf. Nicht wenige von ihnen sind nach 1989 von Marx direkt zu Luhmann übergelaufen, plädieren nun für eine systemtheoretisch begründete - Autonomie gesellschaftlicher Teilbereiche und sprechen so sich selbst und ihren Kollegen jede Urteilsfähigkeit über ökonomische, technische oder politische Fragen ab. Manche von ihnen reden gar der Ökonomisierung und Kommerzialisierung aller Lebensbereiche das Wort. Dabei braucht man durchaus kein schwarzseherischer Apokalyptiker zu sein, um zu erkennen, was auf dem Spiel steht. So richtig es ist, daß der traditionelle Sozialstaat angesichts der dramatischen Veränderungen im Innern unserer Gesellschaft und um uns herum nicht einfach fortgeschrieben werden kann, so unbezweifelbar ist aber auch, daß ein hohes Maß an sozialer Sicherheit und plausibler Gerechtigkeit so etwas wie die geheime Geschäftsgrundlage der Demokratie darstellt. Die skandalöse Umverteilung von unten nach oben, die in den letzten zwanzig Jahren stattgefunden hat, die hohe Arbeitslosigkeit, die Tatsache, daß große Teile der jüngeren Generation um die faire Chance betrogen werden, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten - dies sind Entwicklungen, die gerade bei denen Beunruhigung hervorrufen sollten, für die Toleranz, Liberalität und demokratische Freiheiten zu den unentbehrlichen Arbeits- und Existenzvoraussetzungen gehören. Wäre es nicht die ureigene Aufgabe der Intellektuellen, dafür einzutreten, daß der Ökonomischen Logik Grenzen gesetzt werden, damit Raum bleibt für autonome kulturelle Äußerungsformen? Kann man von ihnen nicht erwarten, daß sie Vorstellungen entwickeln und diskutieren, wie ein humanes Zusammenleben jenseits unserer für die Gesellschaft und die natürliche Lebensbasis gleichermaßen zerstörerischen Wachstumsordnung aussehen kann? Müssen sie nicht gerade jetzt die Priorität jener Werte einklagen, die nicht an der Börse gehandelt werden, von deren Geltung aber Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Ziviliät abhängen?

In unserer Gesellschaft gehört dazu nicht einmal besonders viel Mut. Man müsste es nur ertragen können, von der Mehrheit der Politiker, der Verbands- und Medienvertreter, vielleicht sogar von der Mehrheit der Bevölkerung als weltfremd belächelt zu werden. Damit befände man sich in bester Gesellschaft, denn auch den Pionieren unserer Freiheit erging es oft nicht anders. Heute, in unserer umfragegläubigen Demokratie, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass nicht jede Mehrheitsmeinung unabhängig von der Art ihres Zustandekommens - schon demokratisch legitimiert ist Legitimität und damit bindende Kraft wächst Mehrheitsentscheidungen erst dann zu, wenn sie aus einem freien und ungehinderten Wettstreit der Argumente hervorgehen. Auch wenn es ihnen Spott und Anfeindung einträgt, müssen Intellektuelle heute wieder die Courage aufbringen, sich gegen bloße Stimmungsmehrheiten zu stellen, bei denen genau diese Voraussetzung nicht erfüllt ist. Und sie müssen sich entschlossen an die Seite jener stellen, die darauf bestehen, daß Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Politik, überhaupt alle gesellschaftlichen Teilsysteme sich in einer Demokratie Öffentlich und nach Wertgesichtspunkten zu rechtfertigen haben.

Es war Helmut Schelsky, der in seinem Buch Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen Mitte der 70er Jahre den Intellektuellen die Priesterrolle zuschrieb. Das war auch damals schon ein Missverständnis. Denn damals wie heute können Intellektuelle ihre Auffassungen nicht als Vertreter einer institutionalisierten Macht beglaubigen. Sie gewinnen ihre Autorität, wenn sie denn noch eine haben, allein aus der Übereinstimmung ihrer Botschaften mit ihrem persönlichen Sein und Handeln. Allenfalls könnte man im Sinne Georg Jägers hier von einer institutionellen Individualität sprechen, also einer exemplarischen Rolle als Subjekt der Demokratie. Wenn man schon so hoch greifen möchte, dann gleichen die Intellektuellen eher den Propheten als den Priestern. Und wie die meisten Propheten in der langen Geschichte ungebetener und der Mehrheit oft eher lästigen Wahrheitsbezeugung werden sie es sich wohl gefallen lassen müssen, dass sie von denen, die heute so versiert auf dem Klavier der Stimmungsdemokratie spielen, dem Spott der Mehrheit preisgegeben werden.

Projekte haben es an sich, dass sie fehlschlagen und in einem Fiasko enden können. Das gilt auch für das von Habermas so genanntem Projekt der Moderne. Es gibt keine Garantie dafür, dass die heikle Balance zwischen Individualegoismus und Gemeinwohl, zwischen Können und Sollen, zwischen instrumenteller Rationalität und integraler Humanität, die die klassische Moderne anstrebt, auch in Zukunft gehalten werden kann. Aber es gibt auch keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass die Fehlentwicklungen in der Moderne prinzipiell nicht aus den geistigen Beständen der Moderne heraus korrigiert werden könnten. Allerdings kann diese Möglichkeit zur Selbstkorrektur der Moderne nur offen gehalten werden, wenn es in unserer Gesellschaft Instanzen gibt, die eben diese geistigen Bestände gegen alle Tendenzen zur Verengung und Vereinseitigung der Moderne immer wieder ins Feld fahren. Vor allem hier sind die Intellektuellen gefordert. Sie können dieses Offenhalten der Moderne nur leisten, wenn sie sich nicht, wie es heute von vielen Seiten gefordert wird, auf die Rolle des Experten verhaften lassen.