Widerstand mit Hannah Arendt
Die Frage der Schauspielerin Julia Jentsch in einem Interview mit der ‚Frankfurter Rundschau’, gegen wen man denn heute sein solle, nimmt Christian Geyer zum Anlass, sich in der ‚Frankfurter Allgemeinen’ (01. 03. 2005, S. 39) mit einem verbreiteten Generationsgefühl auseinanderzusetzen.
Unter dem Titel „Fluchtwege. Die andere Sophie: Julia Jentsch ist protestlos glücklich“ weist er auf den Widerspruch hin, der zwischen den Rollen von Julia Jentsch und ihrem eigenen Leben besteht. Einerseits die Antigone im Theater, die Jule in dem Anti-Globalisierungs-Film „Die fetten Jahre sind vorbei”, die mit zwei Freunden einen Industriellen entführt, und die Sophie Scholl in dem gleichnamigen Film: moralisch-politisch Handelnde, die bereit sind, ihr Leben für ihre Überzeugungen einzusetzen. Andererseits die Zeitgenossin Jentsch, die sich „eigentlich nur eines“ wünscht: „Ich möchte immer in der Situation sein, mein Leben ändern zu können. Dieses Fest-eingerichtet-Sein, dieses Sichzubetonieren, das ist ein Grauen. So ein Stillstand, das finde ich schlimm. Es muß immer eine Fluchtmöglichkeit geben.”
Für Christian Geyer gewinnt diese Aussage die Funktion eines Leitbildes der gegenwärtigen Bastelbiographien. Damit scheint es nur eine mögliche Alternative zu geben: diese Art flexibler Lebenskunst oder eine „ Heile-Welt-Ideologie“. Damit aber will sich Geyer nicht abfinden und empfiehlt:
„Wogegen also soll man heute sein? Um Julia Jentschs Frage Resonanz zu geben, bedürfte es einer anderen Individualisierungsidee als der von Ulrich Beck in die Welt gesetzten. Man müßte wieder anknüpfen an unerschrockene Individualistinnen wie Hannah Arendt, die dem chaotischen Prozeßcharakter der Biographie mit dem „Heilmittel des Versprechens” beizukommen suchte. Sie weigerte sich zu denken, daß man die Freiheit verliert, sobald man sie einsetzt. Mit so einer Frau läßt sich Widerstand denken.“