Ausgabe 1, Band 2 – September 2006

Zehn Jahre Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken

(Auszug aus der Rede anlässlich der Preisverleihung an Varia Vike-Freiberga, Präsidentin der Republik Lettland, 2005)

Zoltan Szankay

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Vertreter des Bremer Senats und der Böll-Stiftung, liebe Gäste und Kollegen,

Preisverleihungen, mögen sie noch so gut und erhebend verlaufen, sind doch für die meisten von uns einzelne und schnell vorbeihuschende Momente. Es fällt uns schwer, uns anschließend zu erinnern, was an ihnen – über die Ehrungen hinaus - irgendwie bedeutsam und denkwürdig war.  Der zehnte Jahrestag der erstmaligen Verleihung des Hannah Arendt Preises für politisches Denken ist deshalb vielleicht eine gute Gelegenheit, diese Preisverleihung in einen weiteren politischen  Horizont einzufügen – in einen Horizont, der über das einmalige jeder einzelnen Preisverleihung hinausgeht.

Das was unsere Preisträgerinnen und Preisträger der vergangenen Jahre –deren Namen Sie, meine Damen und Herren hier vorne lesen können- untereinander und mit dem Namen unsere Preises verbindet, ist nicht etwas bloß Ideengeschichtliches. ( Siehe die Namen im Anhang) Sie sind auch, in verschiedenen Weisen, durch ihr Leben, ihrem Denken, ihrem Handeln durch entscheidenden Erfahrungen innerhalb der dramatischen Geschichte unserer Zeit geprägt. Vielleicht haben sie diese dann unerschrockener, und radikaler als andere aufarbeiten und weitergeben können.

Wie Sie wissen,  wird der Name Hannah Arendts, die als deutsch-jüdische Emigrantin nach Amerika kam, meistens mit ihren entscheidenden Einsichten in das Wesen der totalitärer Herrschaft,, in ihre prägenden Elemente, verbunden. Manchmal wird es auch wahrgenommen, dass sie diese Einsicht, diesen Zugang dadurch errungen hat, dass sie dem Einbruch des Totalitären in unsere Geschichte gleichsam ungeschützt, ohne dem Rückhalt der schon vorhandenen politischen Kategorien - wie etwa Diktatur oder Autoritarismus - begegnet ist. Dadurch tritt bei ihr, viel deutlicher als anderswo, das Totalitäre, als etwas innerhalb der Geschichte der Moderne und als etwas grundlegend Neues zu Tage.

Was fast durchgängig –aber gewiss nicht zufällig- ignoriert wird, ist dass Arendt, in diesem begriffsoffenen Umgang mit dem Totalitären, zugleich einen epochalen Neuzugang zu der politischen Wirklichkeit unserer Zeit hervorgebracht hat. Einen Neuzugang den sie –neben einem einmaligen gedanklichen Erbe aus dem vortotalitären Deutschland- vor allem der Tatsache verdankt hat, dass sie sich – anders als die meisten europäischen Emigranten - sich intensiv auf das Besondere der amerikanischen revolutionären Erfahrung einließ, auf das was in ihr einen verschütteten Raum des Politischen aufgemacht hat. Damit konnte sie auch – wie fast keiner außer ihr - ein neues Licht darauf werfen, was die „Amerikanische Neugründung der Freiheit“ für die bedrohte politische Dimension der Moderne bedeutet hat.

Was in dieser Beleuchtung lebendig wird, ist nicht eine von uns ferne – auch geschichtlich und kulturell ferne - Erfahrung des Politischen. Vielmehr jene Erfahrung die wir, Erben nicht nur eines individuell-liberalen Rechtsschatzes sondern auch eines – nicht selbstbezüglichen - republikanisch-christlichen Bindungsschatzes , ein jedes Mal selber machen, wenn wir die Gelegenheit haben nicht bloß als durch Gruppeninteressen zusammengebrachte Staatsuntertanen, sondern als ‚citizens’ einer geschichtskonfrontierten politischen Nation zusammen handeln und sprechen können. Die Differenz dieser Politik- und Machterfahrung zu einem Politik- und Machtverständnis, das an eigenmächtige Souveränität und am Staatshandeln anknüpft (auch dort wo ein eindeutiger ‚Volkswille’ den Platz des Souveräns einnehmen soll), ist dann auch in der ganzen Hintergründigkeit des Arendtschen Verweises auf unser „ERBE OHNE TESTAMENT“.

Lassen Sie mich von hier aus einen Bogen zu unserer ersten Preisträgerin schlagen. Sie, Agnes Heller, war, lange Zeit, auch eine in die Emigration gezwungene Frau, noch in der Zeit des Kadar-Regimes in Ungarn. Unsere ungarisch-jüdische Denkerin hat, nach den Schrecken der faschistischen Todeskommandos am Budapester Donauufer am Kriegsende, ihren letztlich entscheidenden politischen Anstoß in den Tagen des ungarischen Volksaufstandes und Revolution des Jahres 1956 bekommen. Dieser hat sie dann mit zu ihrem heutigen Hannah-Arendt-Lehrstuhl an der „New School“ in New York geführt. Hannah Arendt hat übrigens diese Revolution – mit guten Gründen - als die erste wirklich politische Freiheitsrevolution nach der Amerikanischen betrachtet.

Es hat sich nun so gefügt, dass das Leben der Frau, die wir heute ehren wollen, auch von einem – viel zu langem - Exil geprägt ist. Frau Vaira Vike-Freiberga stünde aber nicht vor uns, wäre ihr Denken und Handeln nicht auch noch von einem anderen Ereignis geprägt und getragen. Antonia Grunenberg hat in ihrer Laudatio dieses Ereignis und sein Fortwirken im Denken und Handeln von Frau Vike-Freiberga schon bestens beleuchtet. Hier davon nur soviel: Man spricht oft vom Jahre 1989 als vom „Jahr des Wunders“, in dem scheinbar Unmögliches plötzlich möglich, ja wahr wurde. Wir sollten aber vielleicht von einem doppelten „Jahr des Wunders“ sprechen, will sagen auch vom „Jahr des Wunders“ der baltischen Nationen im Jahre 1991. Von dort kam das entscheidende Signal, nicht nur für das Ende des Ausgreifens des sowjetischen Imperiums und der totalitären Momente die in ihm überlebt haben, sondern auch für seinen entscheidenden Zusammenbruch. Unsere erste und unsere zehnte Preisträgerinnen symbolisieren so gewissermaßen auch die zwei Freiheitsereignisse, die den ersten großen Riss in der unheimlichen, freiheitsabweisenden imperialen Mauer, und die endgültige Besiegelung ihrer Unhaltbarkeit bedeutet haben. Sie weisen zugleich nicht bloß auf etwas Vergangenes hin. Sondern: auch auf eine eigentümliche Macht, die in unseren politischen Nationen – und in dem was durch sie übertragen wird - schlummert.

Sie ist nicht jene Kommando- und Herrschaftsmacht die man üblicherweise und fälschlich mit ‚politischer Macht’ gleichsetzt, und die man dann ‚legitimieren’ muss um sie demokratiekonform und konsensfähig zu machen. (Zentrale Momente des Arendtschen Denkens machen es uns möglich, diese uns angewöhnte Gleichsetzung aufzubrechen.) Sie ist eher eine belebende Macht, die einen Raum öffnet in dem und durch den so etwas wie eine politisch-geschichtliche Entscheidung (die diesen Namen verdient) überhaupt möglich macht. Auf die Widerständigkeiten dieses strittigen Raumes, ihn zu einem rein selbstbezüglichen oder voll säkularisierten Raum zu machen, hat unser Preisträger des vorigen Jahre (2004) ,Ernst-Wolfgang Böckenförde, hingewiesen. (Im Sinne seines ‚Dictums’, dass die demokratische Verfassungsordnung auf Grundlagen beruht, die sie selber nicht hervorbringen kann.)

Es ist kein Zufall, dass der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken hier in Bremen in jenem Moment unserer jüngeren Geschichte ins Leben gerufen wurde, als es deutlich wurde, dass man dabei war die Revolutionen in Ostmitteleuropa sozusagen zu den Akten zu legen. Ihre bezeugende und freiheitsversprechende Dimension sollte so zum Verschwinden gebracht werden. Sowohl in den weithin bestimmenden politischen, wie auch akademischen Diskursen wurden sie als ‚nachholende Revolutionen’ charakterisiert, die lediglich das nachgeholt hätten, was für den Westen bereits selbstverständlich war: liberale Marktwirtschaft und parlamentarische Demokratie. Diese Abwertung der geschichtlichen und politischen Erfahrung jener Nationen, die damals mit einem revolutio­nären Paukenschlag erneut in den Raum der demokratischen  und republikanischen Auseinandersetzung getreten waren, trug maßgeblich dazu bei, die Potentialitäten und Neuverortungen dieser Ereignisse zu verspielen. Damit ist nicht selten die Einstellung verbunden, die gewaltbesetzte „Vorgeschichte“ des heutigen friedlichen europäischen Westens als etwas Abgeschlossenes zu betrachten, welches auf ein unbeschwertes „nach vorne schauen“ einlädt – als ob sich mit der heutigen pragmatisch-professionellen Problembearbeitung und instrumentellen Problemlösung die Gefährdungen der Freiheit ein für alle Mal erledigt hätten. Übersehen wird dabei, dass in der Arendtschen Beleuchtung des Totalitären eine ihrer ermöglichenden Dimensionen besonders klar zu Tage tritt. Diese Dimension ist keine andere als jene der Entpolitisierung, als jene des Bedeutungsverlustes der politischen  Auseinandersetzung, als jene der Ohnmachtserfahrung der Bürger einer Nation. Das heisst: genau jene Unterhöhlung der Bedeutsamkeit des Politischen, die wir Tag für Tag erleben.

Der Name Hannah Arendts steht für etwas Anderes - nämlich für ein politisches Denken, welches zum einen der Neuheit und Eigenheit der totalitären Versuchung der Moderne Rechnung trägt, welches zum anderen das Wort „Wunder der Freiheit“ ohne ängstliche Verlegenheit oder idealistischen Überschwang ausspricht. Darum stehen hier die Namen unserer 10 Preisträgerinnen und Preisträger mit dem Namen unserer Preisgeberin zusammen – nicht für Bezeugungen vergangener Geschichte, sondern für Bezeugungen jener Konfrontation mit der Geschichte, die uns auch heute noch Not tut.

 

Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger: Agnes HELLER, Budapest/New York, 1995; Francois FURET 1996; Freimut DUVE, Hamburg, und Joachim GAUCK, Berlin, 1997; Claude LEFORT,Paris und Antje VOLLMER, Berlin, 1998; Massimo CACCIARI, Venedig, 1999; Jelena BONNER/ ZACHAROV, Moskau, 2000; Gianni VATTIMO, Turin, 2001; Ernst VOLLRATH und Daniel COHN-BENDIT, Frankfurt, 2002; Michael IGNATIEFF, Boston/ Montreal, 2003; Ernst-Wolfgang BÖCKENFÖRDE, Freiburg, 2004.

Quelle: Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur, 2/2006, S. XVIIIf.

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