Ausgabe 1, Band 1 – Februar 2005

Ernst Vollrath und Hannah Arendt (Nachruf)

Ursula Ludz

 

Ernst Vollrath war der erste deutsche Philosoph von Gewerbe, der sich intensiv mit dem Werk von Hannah Arendt beschäftigte. In der Zeitschrift für Politik veröffentlichte er 1971 den Aufsatz „Politik und Metaphysik: Zum politischen Denken von Hannah Arendt“, der heute zu Unrecht vergessen ist. Unter den inzwischen zahllosen Einführungen und Übersichten zu Hannah Arendt zeichnet er sich dadurch aus, dass er nicht über oder ge­gen, sondern mit Arendt philosophiert und so ihre Hauptwerke erschließt. Vollrath hat ihm im Laufe der Jahre eine Reihe weiterer Studien folgen lassen.1 Unermüdlich hat er das, was er Arendts „Phänomenologie des Politischen“ nennt, im deutschen Sprachraum bekannt und verständlich gemacht.2
Im Jahre 1970 hatte er Hannah Arendt persönlich kennengelernt – über einen gemein­samen Freund, den Kinderarzt Johannes Zilkens, der damals als Vertrauensdozent der Studienstiftung des Deutschen Volkes wirkte. Von der persönlichen Beziehung zeugt ein Briefwechsel, der im Februar 1970 einsetzt und bis zu Arendts Tod in ca. dreißig Briefen überliefert ist.3 Vollrath schreibt an die „sehr verehrte“, die „hochverehrte und liebe“ Frau Arendt oder auch „Gnädige Frau“, später gebraucht er immer mal wieder die einfache An­rede „Liebe Frau Arendt“, und ab 1975 dann leitet ein „Liebe Hannah“ die Briefe ein. Un­ter „Lieber Herr Vollrath“ und „Lieber Ernst“ kommen ihre meist recht kurz und knapp gehaltenen Antworten. Damit sind Zeichen gesetzt: hier der 1932 geborene, also etwa vierzigjährige deutsche Privatdozent, der am Anfang seiner Karriere steht, und dort die zu jener Zeit über sechzigjährige politische Philosophin, die zu den Berühmtheiten in der Profession und einer transatlantischen intellektuellen Öffentlichkeit gehört. Die Briefe dokumentieren einen überwiegend berufsbezogenen Austausch in verschiedenen Facet­ten: fachlich sowie universitäts- und allgemein politisch – schon unter Gleichen, aber un­gleichgewichtig.
Wie eine große Meisterin wird Hannah Arendt von dem Jüngeren verehrt und studiert: „Ich bin eben noch ein blutiger Anfänger in der ‚Politischen Theorie’ und habe noch viel zu lernen“ (12.12.1970). Sie dagegen fühlt sich mal weniger, mal mehr verstanden. „Je mehr ich ... nachdenke, umso deutlicher wird mir“, schreibt er gleich im ersten Brief (06.02.1970), „dass Ihr ganzes Bemühen darauf geht, die metaphysische Konstellation des Politischen, die zu einem Verfall des Politischen geführt hat, zu destruieren.“ Sie ant­wortet schon fast ein wenig unwillig (05.03.1970): „Sie haben ganz recht, dass mein Bemühen darauf geht, allerdings nicht so sehr ‚die metaphysische Konstellation des Poli­tischen’ zu destruieren, als auf das Denken über das Politische.“ Dass Vollrath dennoch mit seiner Einschätzung nicht ganz so falsch liegt, wissen all diejenigen, die sich an ein Zi­tat am Ende von Arendts Vorlesung Thinking erinnern. Dort bekennt sie: „Ich bin eindeu­tig denen beigetreten, die jetzt schon einige Zeit versuchen, die Metaphysik und die Philo­sophie ... zu demontieren.“4

Auf den erwähnten Aufsatz in der Zeitschrift für Politik, den Vollrath mit Brief vom 14.11.1971 übersendet, reagiert Arendt mit lobenden Worten (09.12.1971): „Ihr Geschenk zu meinem Geburtstag hat mir die allergrößte Freude gemacht – nichts Vergleichbares über mich ist je zustande gekommen. Ich wünschte, ich könnte Sie hier [in New York an der Graduate Faculty der New School for Social Research] in der Nähe haben, wenigstens für einige Zeit, und – mit der Bitte, dies unter uns zu lassen – bemühe mich augenblick­lich darum. Ob es mir gelingen wird, ist mehr als fraglich. Ich stelle mir manchmal vor, dass wir ein Seminar zusammen machen könnten und was wohl da herauskommen wür­de.“ „Für mich wäre es ganz wunderbar, mit Ihnen zusammen etwas machen zu können“, lautet die Antwort (19.12.1971): „Das wäre ganz herrlich.“

Tatsächlich gelang es Hannah Arendt, zunächst Freund Hans Jonas, dann die Graduate Faculty zu überzeugen und den deutschen Nachwuchswissenschaftler an die New School zu holen, wo er ab 1973 unterrichtete. Im Kreis der Arendt-Freunde und –Kollegen hatte er sich bereits im November 1972 eingeführt. Auf der in Toronto abgehaltenen Tagung „The Work of Hannah Arendt“ präsentierte er sich mit einem Vortrag „Judgment and Opinion“.5 An der New School gab Vollrath seine Kurse in politischer Theorie / Philoso­phie und nahm immer wieder auch an Arendts Veranstaltungen teil, zu dem angedachten gemeinsamen Seminar jedoch ist es nicht gekommen. Nach Arendts Tod im Dezember 1975 blieb Vollrath noch für kurze Zeit an der New School und kehrte 1976 nach Deutsch­land zurück, um bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1999 als Professor für Philosophie an der Universität Köln zu lehren.

Hannah Arendts Denken habe, so schreibt Vollrath in einem seiner Briefe (14.11.1971), „ganz außerordentlich dazu beigetragen, dass ich mich über mich selbst verständigt habe“. Einige Monate später (16.05.1972) zeigt er sich „begeistert und hingerissen“ von ihrem neuesten Buch Crises of the Republic und schließt die rhetorische Frage an: „Ist es vermessen, wenn ich sage, dass mir beim Lesen es so vorkommt, als wären diese Gedan­ken in mir selbst erzeugt?“ Diese geistige Nähe, ja fast schon Symbiose vermittelt sich im wesentlichen über Kant und die Auslegung seiner Schrift Kritik der Urteilskraft. In den Briefen kündigt Vollrath ein Projekt „Die Rekonstruktion der politischen Urteilskraft“ an – das Buch, das 1977 erscheinen wird.

Die Verehrung und Bewunderung des jüngeren Kollegen wird Hannah Arendt ge­schmeichelt haben. Er war ihr als Gesprächspartner ebenso wertvoll wie als „escort“ im als nicht mehr so sicher erlebten New York (Vollraths Selbstwahrnehmung). In ihrem Spätwerk Vom Leben des Geistes, an dem sie in den letzten Jahren ihres Lebens vor allem arbeitete, oder in Briefen an Dritte findet sich allerdings kein Hinweis auf ihn. Nur ein Gespräch hielt sie in Stichwörtern in ihrem Denktagebuch (dort Heft XXVIII, 8) fest.

Im Jahr 2001 erhielt Ernst Vollrath, der „Theoretiker“ – zusammen mit Daniel Cohn-Bendit, dem „Praktiker“ – den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.6 Beide ha­ben, so die Laudatorin Brigitte Sauzay, „mit ihren Werken und ihrer Arbeit unsere politi­sche Kultur geprägt und gepflegt“ – eine Kultur, deren antitotalitäre Ausrichtung u.a. auch Hannah Arendt geschuldet ist. Vollrath, der zur Preisverleihung nicht persönlich er­scheinen konnte, bedankte sich für die Ehrung mit dem von seinem Sohn Christian verle­senen Essay „Vom ‚radikal Bösen’ zur ‚Banalität des Bösen’: Überlegungen zu einem Ge­dankengang von Hannah Arendt“.7 Doch es ist nicht dieser Essay, der seine letzten öffent­lichen Worte über Hannah Arendt enthält, sondern die 2003 erschienene Studie Was ist das Politische? Hier fasst er noch einmal zusammen, warum Hannah Arendt als politische Theoretikerin in seinen Augen so bedeutsam ist:
„Es ist Hannah Arendt gelungen, den Typ des Wissens und der vernunfthaften weltlichen Rationalität wenigstens im Ansatz zu bestimmen, der dem kontingenten, optionalen, weltlichen, gegenhandelnden, alles zu­sammengehörige Charaktere, Phänomen des Politischen angemessen ist. ... In der reflek­tierenden Urteilskraft ... ist ein Vermögen entdeckt, welches nicht nach vorgegebenen Be­griffen verfährt, sondern den begrifflichen Horizont für sein Urteilen von ihm selbst her, von seiner reflektierenden Tätigkeit her, entwirft und so den begrifflichen Horizont selbst schafft. ... Die reflektierende Urteilskraft ist der Typus der neuen Wahrnehmung des Poli­tischen.“8

In diesem Sinne scheint Hannah Arendt für ihn den Boden bereitet zu haben; denn es geht ihm um eine Theorie des Politischen und seiner neuen Wahrnehmung.

Nach langer, mit bewundernswertem Mut bekämpfter Krankheit starb Ernst Vollrath am 30. Januar 2004 in Bochum. Ungeachtet seiner Verdienste um die deutsche Arendt-Rezeption sowie seines Beitrages zur politischen Philosophie und Kultur der Bundesrepu­blik wird er vielen, die ihn persönlich kannten, als ein Philosoph in Erinnerung bleiben, dem in besonderem Mass eine Kraft zum Positiven gegeben war. Dies ist auch in seinen Briefen an Hannah Arendt dokumentiert. Philosophieren macht Spaß, so hätte er, ein Arendt-Wort abwandelnd, sagen können. Und in der Tat gibt es eine nicht ganz unähnli­che Aussage von ihm, zu der er sich in einer öffentlichen Diskussion hat hinreißen lassen: Kants An-der-Stelle-jedes-anderen-Denken sei „das Schönste von der Welt“.9

 

Die wichtigsten Werke von Ernst Vollrath

(nach einer Vorlage, die Hanna Vollrath freundlicherweise zur

Buchveröffentlichungen

- Studien zur Kategorienlehre des Aristoteles (1969)

- Die These der Metaphysik: Zur Gestalt der Metaphysik bei Aristoteles, Kant und He­gel (1970)

- Lenin und der Staat: Zum Begriff des Politischen bei Lenin (1970)

- Die Rekonstruktion der politischen Urteilskraft (1977)

- Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen (1987)

- Was ist das Politische?: Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung (2003)

Aufsätze über Hannah Arendt

- 1971 – „Politik und Metaphysik: Zum politischen Denken von Hannah Arendt“, in: Zeit­schrift für Politik 18 (1971), S. 205-232; Wiederabdruck in Adelbert Reif (Hrsg.), Hannah Arendt: Materialien zu ihrem Werk, Wien etc.: Europaverlag, 1979, S. 19-58.

- 1977 – „Hannah Arendt and the Method of Political Thinking”, in: Social Research 44/1 (1977), S. 170-182; dt. (erweiterte Fassung): „Hannah Arendt und die Methode des politischen Denkens”, in: Reif (Hrsg.), a.a.O., S. 59-84.

- 1979 – „Hannah Arendt über Meinung und Urteilskraft“, in: Reif (Hrsg.), a.a.O., S. 85-108.

- 1988 – „Hannah Arendt und Martin Heidegger“, in: A. Gethmann-Siefert und O. Pög­geler (Hrsg.), Heidegger und die praktische Philosophie, Frankfurt am Main: Suhrkamp (taschenbuch wissenschaft, 694), 1988, S. 357-372.

- 1989 – „Die Originalität des Beitrages von Hannah Arendt zur Theorie des Politi­schen“, in: Eveline Valtink (Hrsg.), Macht und Gewalt: Einführung in die Philosophie Hannah Arendts, Hofgeismar: Evangelische Akademie (Hofgeismarer Protokolle, 258), 1989, S. 7-23.

- 1990 – „Hannah Arendt“, in: Karl Graf Ballestrem und Henning Ottmann (Hrsg.), Po­litische Philosophie des 20. Jahrhunderts, München: Oldenbourg, 1990, S. 13-32.

- 1992 – „Handeln und Urteilen: Zur Problematik von Hannah Arendts Lektüre von Kants ‚Kritik der Urteilskraft’ unter einer politischen Perspektive“, in: Filosofski Vestnik (Slowenische Akademie der Wissenschaften) 2/1992: Zur Aktualität Kants / L’Atualité de Kant / The Actuality of Kant, S. 183-203.

- 1993 – „Hannah Arendts ‚Kritik der politischen Urteilskraft’, in: Peter Kemper (Hrsg.), Die Zukunft des Politischen: Ausblicke auf Hannah Arendt, Frankfurt am Main: Fischer (Fischer Taschenbuch, 11706), 1993, S. 34-54.

- 1993 – „Fragmente der Erfahrung des Politischen“ (Rezension über Hannah Arendt, Was ist Politik?), in: Politisches Denken: Jahrbuch 1993, S. 185-188.

- 1993 – „Hannah Arendt bei den Linken“, in: Neue Politische Literatur 38, 1993, S. 361-372; im Internet abrufbar unter: Homepage „Hannah Arendt in Hannover“, Link „Zu Hannah Arendts Wirkung“.

- 1996 – „Revolution und Konstitution als republikanische Grundmotive bei Hannah Arendt“, in: Bernward Baule (Hrsg.), Hannah Arendt und die Berliner Republik: Fragen an das vereinigte Deutschland, Berlin: Aufbau, S. 130-150.

- 1996 – „Handeln und Urteilen: Zur Problematik von Hannah Arendts Lektüre von Kants ‚Kritik der Urteilskraft’ unter einer politischen Perspektive“, in: Herfried Münkler (Hrsg.), Bürgerreligion und Bürgertugend: Debatten über die vorpolitischen Grundlagen politischer Ordnung, Baden-Baden: Nomos, 1996, S. 228-249.

- 1997 – „Hannah Arendt: A German-American Jewess Views the United States and Looks back to Germany“, in: Peter Graf Kielmansegg et al. (eds.), Hannah Arendt and Leo Strauss: German Emigrés and American Political Thought after World War II, Cam­bridge: Cambridge University Press, 1997, S. 45-60.

- 2000 – „Hannah Arendt und Martin Heidegger – erneut betrachtet”, in: Andreas Großmann (Hrsg.), Metaphysik der praktischen Welt: Perspektiven im Anschluß an Hegel und Heidegger; Festgabe für Otto Pöggeler, Amsterdam etc.: Rodopi (Philosophie und Repräsentation, 7), 2000, S. 192-210.

- 2002 [2001] – „Vom ‚radikal Bösen’ zur ‚Banalität des Bösen’: Überlegungen zu einem Gedankengang von Hannah Arendt“, in: Festschrift zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken 2001 an Ernst Vollrath / Daniel Cohn-Bendit, veröffent­licht als Beilage zu Kommune 6/2002, S. III-IX.

 

1 Siehe das Literaturverzeichnis am Ende.

2 Seinen Plan, alle eigenen Arbeiten über Arendt in einem Sammelband zusammenzufassen, hat er dann aber nicht mehr verwirklichen können.

3 Im Bestand der „Hannah Arendt Papers“ der Library of Congress, Washington D.C., und, als Kopie, im Hannah Arendt-Zentrum (HAZ) der Universität Oldenburg. Die Sammlungen weichen nur in einem Fall voneinander ab, den Brief Arendts an Vollrath vom 14.09.1970 besitzt nur das HAZ.

4 Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, aus dem Amerikanischen von Hermann Vetter, 2 Bde., München: Piper, 1979, Band I: Das Denken, S. 207. -- Vgl. auch einen der folgenden Briefe an Vollrath (20.12.1970), in dem Arendt anlässlich der Rezensionen ihres Essaybandes Macht und Gewalt (1970) durch zwei namhafte Kritiker (Bondy und Kaiser), auf das Besondere ihres Ansatzes zu sprechen kommt. „Eigentlich nicht unfreundlich“ seien die Kritiken gewesen, „nur so hilflos gegenüber dieser Art zu denken.“

5 Siehe das Programm der Tagung, Hannah Arendt Papers, Library of Congress und HAZ, Container 75, Folder „Notes on Hannah Arendt Conference, Toronto, 1972“; überarbeitete deutsche Fassung: „Hannah Arendt über Meinung und Urteilskraft“, siehe im Literaturverzeichnis.

6 Siehe die Festschrift zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken 2001, veröffentlicht als Beilage zur Zeitschrift Kommune, hrsg. von der Heinrich Böll Stiftung Berlin / Bremen; zur Begründung der Preisverleihung: Antonia Grunenberg (S. XXI-XXIV); Laudatio: Brigitte Sauzay (S. XXV-XXVIII).

7 Abgedruckt in  der Festschrift, S. III-IX.

8 Ernst Vollrath, Was ist das Politische? Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S. 216 f.

9 Mitgeteilt von Patrick Krause, „Das Schönste von der Welt: Zum Tod des Philosophen Ernst Vollrath“, in: Süddeutsche Zeitung, vom 11. Februar 2003, S. 13.

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