Ausgabe 1, Band 1 – Februar 2005

Ein Dokument und seine Fragen

Zum Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Salomon Adler-Rudel

Als ich vor Jahren im Rahmen meiner Recherchen für den Arendt-Band Vor Antisemi­tismus ist man nur noch auf dem Monde sicher von einer Arendt-Forscherin (Dr. Iris Pil­ling) den Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Salomon Adler-Rudel aus einem Ar­chiv in Jerusalem erhielt, war ich spontan sehr berührt: Aus dieser schrecklichen Zeit, die in meiner Vorstellung aus Flüchten, Warten, Durchwurschteln und Bangen, aus Verfol­gung, Internierung und Deportationen bestand, hielt man plötzlich einen freundschaftli­chen schreibmaschinengeschriebenen Brief aus Lissabon in Händen, der aussah wie ein ganz normaler Brief. „Lissabon, 17. Februar 1941. Lieber Rudel.“ Die privaten Mitteilun­gen allerdings nehmen nur wenig Raum ein; im Zentrum stehen vielmehr Berichte aus Internierungslagern, über antisemitische Aktionen, Überlebensnöte, Fluchtwege und Schiffspassagen, Berichte von Britischer Kriegspropaganda und Alltag im London der Kriegszeit. Hannah Arendt hatte ihren Humor nicht verloren in Lissabon, dieser Stadt des Wartens. „Diese ganze Emigration erinnert mich an das alte gute Spiel Mensch-ärgere-dich-nicht, bei dem man würfelt und je nach dem Resultat unerwartet viele Punkte vor- oder zurückrücken muss oder gar von vorne anfängt.“ Und Adler-Rudel schreibt: „Von all den schweren Erlebnissen dieser Zeit ist wohl das Schwerste, dass wir beim Empfang sol­cher Nachrichten von dem Gefühl völliger Hilflosigkeit mehr erschüttert sind, als von dem tatsächlichen Geschehen, und dieses ist ja schon schlimm genug.

Diese Briefe sind bedeutende Zeitdokumente - über die Enteignung der Juden in Frankreich, über die Toten in Gurs, und so weiter. Nüchtern und erschreckend realistisch auch sind die Einschätzungen über das zu erwartende Schicksal der Juden: „Die Weisen der Welt, die eines Tages den neuen Frieden beraten, werde damit der Notwendigkeit ent­hoben sein, besondere Maßnahmen für Juden treffen zu müssen.  ... ich komme doch im­mer wieder zu der Erkenntnis, dass nur wenige Juden in Europa den Krieg überleben werden.“ Man sieht, Hannah Arendt und Salomon Adler-Rudel kannten sich, hatten sich etwas zu berichten und sind beide völlig auf der Höhe der Ereignisse.

Diese Briefe sind eine Bereicherung, sie ergänzen das Bild des Historikers um weitere Details oder Blickwinkel. Meist bestätigen derartige Briefe bereits Gewusstes und geben wichtige Hinweise. So macht zum Beispiel dieser Briefwechsel deutlich, dass die in New York produzierte deutsch-jüdische Zeitung Aufbau tatsächlich inmitten des Krieges über den Ozean verschifft wurde und auch in London von deutschsprachigen Juden gelesen werden konnte - und gelesen wurde!

Doch es gibt immer wieder Archivfunde – und dazu gehört dieser Briefwechsel auch - die dem Wissenschaftler auch neue Fragen auftragen. Und tatsächlich ist dieser Brief­wechsel ein solcher Fund.

Die erste (eher biographische) Frage ist die, wann sich Hannah Arendt und Salomon Ad­ler-Rudel eigentlich derart angefreundet haben, dass sich abends gewohnheitsmäßig (in Montparnasse?) in einer Kneipe trafen? Haben sie sich schon in Berlin gekannt? Und was zum Beispiel hat es mit den Abenden in dieser Kneipe namens „Vicking“, die der eine mit W, die andere mit V schreibt, auf sich?

Doch im Vordergrund der neuen Fragen, die dieser Briefwechsel den Historikern auf­gibt, stehen die beiden Briefe von 1942/ 43. Hannah Arendt hatte bis Ende November 1942 im Aufbau eine zweiwöchentliche Kolumne, in der sie sich mit den Positionen der führenden Zionisten anlegte: Im Zentrum ihrer Kritik stand der Palästina-Zentrismus der jüdischen Vertretungsorgane und deren Desinteresse daran, die Interessen der gesamten Judenheit (auch der Juden in der Diaspora) zu vertreten. Im Rahmen ihrer Idee, das jüdi­sche Volk müsse sich als Volk organisieren, trat sie ein für eine jüdische Armee im Kampf gegen Hitler („Nur wer gekämpft hat, kann hinterher am Verhandlungstisch sitzen“), für verstärkte Bemühungen zur Rettung der Juden in Europa und für die freie Organisation und Repräsentation des gesamten jüdischen Volkes. Im Interesse einer solchen Neufun­dierung der jüdischen Politik schrieb sie eine Kolumne im Aufbau und initiierte zusam­men mit einem befreundeten Journalisten des Aufbau (Josef Maier) ein Forum: Die Jungjüdische Gruppe. Gemäß der Maxime: „Die Kritik des jüdischen Patrioten am eige­nen Volk hat den Zweck, das Volk auf den Kampf besser vorzubereiten“ („Cui Bono“, sie­he Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher, München 2000, S. 47 ), trafen sich Interessierte mehrere Monate lang im Frühjahr und Sommer 1942 im New World Club, um, wie es hieß „überzeugt vom Bankrott gängiger Ideologien ... sich den Kopf zu zerbrechen um eine theoretische Neufundierung jüdischer Politik.“

Salomon Adler-Rudel hatte Hannah Arendts Aktivitäten von London aus offensichtlich mit Interesse verfolgt und schrieb im November 1942: „Ihr Versuch mit der jungjüd. Gruppe amüsierte mich einigermaßen, da ich ungefähr zur selben Zeit in unserem inter­nen Zirkel hier etwas Staub aufwirbelte mit ketzerischen Vorschlägen über Reorientie­rung ‚of our policy’.Wie üblich hat man mich durch hunderttausend Argumente, die sogar richtig sein mögen, kleingekriegt und ich habe es sehr bald wieder aufgegeben, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.“

Adler-Rudel betont zwar, dass seine kritische Auseinandersetzung mit den jüdischen Vertretungsorganen mit Arendts Kritik nicht deckungsgleich ist, doch ist es interessant, dass zur selben Zeit an verschiedenen Orten die Politik der jüdischen Organe von Leuten, die sich aktiv engagierten, kritisiert wurde. Und dass diese Auseinandersetzungen als „mit dem Kopf gegen die Wand“ empfunden wurden, also offensichtlich mit viel Verve geführt wurde und als äußerst schmerzlich empfunden worden sein muss.

Gab es, so die Frage, in mehreren der Länder, in denen Juden sich noch frei bewegen konnten, ähnliche innerzionistische Debatten? Es wäre eine Aufgabe für Historiker, aus­gehend von diesem Briefwechsel genaueres über Parallelen und Differenzen der Arendt­schen und Adler-Rudelschen Auseinandersetzungen zu erforschen, an deren Ende Adler-Rudel offensichtlich „klein“ beigibt, ohne die zionistische Bewegung zu verlassen, wäh­rend Arendt den unmittelbaren politischen Kampf aufgibt. „Die Wand, hat sich herausge­stellt, ist aus Gummi, und ich habe es auch wieder aufgegeben.“

So ist der Briefwechsel letztlich eine  Herausforderung für all jene, die die Geschichte des Zionismus erforschen: In welchen Ländern gab es 1942 eine nennenswerte Opposition ge­gen die Politik der jüdischen Vertretungsorgane? Wer vertrat sie in welchen Ländern, wogegen richtete sie sich im Detail und worin unterschied sie sich?

Die Frage gehen weiter – so herausfordernd sind Archivfunde, wenn man Glück hat.

 

Marie Luise Knott

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