Ausgabe 1, Band 10 – Dezember 2020

Übungen im politischen Denken

Maria Robaszkiewicz, Übungen im politischen Denken. Hannah Arendts Schriften als Einleitung der politischen Praxis, Wiesbaden: Springer VS, 2017

 

«Initium ergo ut esset creatus est homo, ante quem nullus fuit» ist ein Passus von Augustinus von Hippo (De Civ. Dei, XII 20), der die Haltung Hannah Arendts gegenüber der Menschheit deutlich erklärt. Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen, ohne den es nichts gab - beziehungsweise ist der Mensch fähig, etwas Neues zu beginnen. Ferner ist die Fähigkeit, immer erneut etwas zu tun, die ureigene Fähigkeit des politischen Handelns. Dennoch muss solch ein Vermögen geübt werden, um ein Handeln zu gewährleisten, das verantwortlich und den Veränderungen in der Welt gegenüber angemessen sein kann. In Bezug darauf gibt es eine Sammlung von Schriften Hannah Arendts in Between Past and Future. Eight Excercises in Political Thought, die sich gemeinsam dem Thema der Krise im politischen Raum widmen und gewissermaßen den Mangel an Nachdenken ansprechen und somit die Welt erschließen. Die These von Maria Robaszkiewicz in ihrer Studie Übungen im politischen Denken. Hannah Arendts Schriften als Einleitung der politischen Praxis zielt eben darauf ab, diese Exercises als Übungen zu identifizieren, die zur Einübung der Reflexion über öffentliche Belange führen. Es sollte hier auch kurz betont werden, dass dieser Text in einer Springer-Reihe erschienen ist, die Beiträge von Frauen zu Philosophie und Wissenschaft veröffentlicht.

Der Text fächert sich in drei Kapitel auf, die sich in drei Schritten mit der These beschäftigen.

Im ersten Kapitel steht die Figur Walter Benjamin im Vordergrund, dessen Kritik der Geschichte zur Entwicklung des Begriffs des Traditionsbruchs Hannah Arendts beitrug.

Ein bloßer und unreflektierter Verweis auf die Vergangenheit als Tradition führt jedoch, so Arendt, zu einer unausweichlichen Verknöcherung der politischen Strukturen im konservativen Sinne und damit zu einem unausweichlichen Bruch mit der Vergangenheit durch den Menschen als frei Handelndem. Genau in diesen Traditionsbruch fügt sich Arendt mit ihrer Reflexion ein, zwischen Vergangenheit und Zukunft, da die gemeinsame Welt als politischer Erscheinungsraum für sie geschichtlich verortet ist. Wo aber Benjamins Engel der Geschichte ausschließlich Ruinen beobachtete, findet man, so Arendt, Traditionsbrüche. Sie bieten die Chance, dass eine neue Kunst der Geschichtsschreibung entsteht, die nicht länger eine historische Dokumentation ist, sondern eine persönliche Erzählung, eine Rekonstruktion von Ereignissen, die der Vergangenheit einen Sinn geben. Dabei handelt es sich um eine Art von produktiver Tätigkeit, eine Art des Herstellens, die mit dem Handeln verschmilzt. Aus diesem Grund wird das Geschichtenerzählen zu einem wesentlichen Bestandteil der öffentlichen Sphäre. Damit richtet sich das Geschichtenerzählen nicht mehr nur an die Vergangenheit, die im öffentlichen Raum steht, sondern ist als (infolgedessen freie) Tätigkeit auch auf die Zukunft ausgerichtet.  

Das zweite Kapitel geht der Analyse des Begriffs des politischen Denkens im Kontext der Arendtschen Übungen nach. Zunächst wird hier eine wichtige Klarstellung gemacht: Hannah Arendt verstand sich nicht als Philosophin, sondern eher als politische Theoretikerin. Eine solche Idiosynkrasie ist auf den Einfluss zurückzuführen, den die Gestalt des Philosophen Martin Heidegger ausübte. Er war in der Tat die Personifikation dessen, was Arendt als die Weltlosigkeit der Philosophie definierte. Die Zustimmung Heideggers zum Nazismus, die für sein philosophisches System funktional ist, offenbart die Weigerung der Übernahme von politischer Verantwortung sowie die seinem Egoismus geschuldete Unfähigkeit, politisch zu urteilen. Weil er von der Lust ergriffen war, die Prinzipien seiner eigenen Philosophie endlich verwirklicht zu sehen, machte er sich einer politischen Naivität schuldig, die zu schrecklichen Konsequenzen führte. Er war ein Vertreter des metaphysischen Denkens, typisch für Denker, die in ihren Elfenbeintürmen eingesperrt sind und so sehr an den Bereich des reinen Denkens, die Welt der Ideen, gewöhnt sind. Demgegenüber postuliert Arendt jedoch eine andere Art des Denkens, die in den aporetischen sokratischen Dialogen wurzelt und sich ständig selbst in Frage stellt. Im Vergleich zur Position Heideggers, die ganz auf das ‚Was‘ eingestellt ist, d.h. den Wahrheitsgegenstand des Denkens, fokussiert die von Arendt gewählte dialektische Lösung auf das ‚Wie‘, die phänomenologische Beschreibung der Erfahrung des Denkens. So wie die Wahl des Geschichtenerzählens wendet sich diese Entscheidung für die Phänomenologie der lebendigen Erfahrung des denkenden Ichs zu und von Spekulationen ab, die kennzeichnend für die ‚Denker von Gewerbe‘ sind. Kennzeichen dieses dialektischen Denkens ist es, dem Anspruch Arendts zu genügen, die geistige Tätigkeit dem tätigen Leben näherzubringen. Noch einmal: Das ist ein politischer Akt, der sich in der Beziehung zu einem anderen Menschen vollzieht und in den von uns erwähnten Brüchen der Realität wiederfindet, die von Zeit zu Zeit geheilt werden müssen. Unter diesem Gesichtspunkt ist nicht nur die Spekulation mit Sokrates von Bedeutung, sondern auch die Interpretation Kants. Die spezielle Lesart der kantischen politischen Philosophie durch Hannah Arendt betrachtet die Kritik der Urteilskraft als das Werk, in dem die eigentliche, oben genannte politische Philosophie ruht. Die anderen kantischen Werke, so Arendt, schätzen den Menschen als einzelnen, als universalen, während sich die Menschheit als Pluralität darstelles, weshalb Kant vor der dritten Kritik keine politische Philosophie geschrieben habe. Das Urteil, für dessen Tätigkeit eine Vielzahl von Positionen erforderlich ist, wird daher gerade in der Pluralität gefällt, einem Raum, in dem der gesunde Menschenverstand angewandt wird und nicht das Urteil der Lust, das subjektiv bleibt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, wie es die Autorin tut, dass sich in dem Arendtschen politischen Urteil die Figur des Beobachters der Welt, der von ihr losgelöst über sie nachdenkt, und die des Handelnden, der in dieser Welt agiert, überschneiden, ohne aber dabei zu verschmelzen. Auf diese Weise verbinden sich Denken und Handeln in der Welt in einer Praxis, die, wie die Autorin zu zeigen weiß, problematisch und zugleich interessant zu rekonstruieren ist. „So ist das Urteilen als ein politischer Modus des Wissens für das verantwortliche Handeln notwendig und für das Fortdauern der gemeinsamen Welt unabdingbar. Die Frage, auf welche Weise dieses geübt und optimiert werden kann, wird somit zu der Frage von erstklassiger politischer Bedeutung“ (S. 147).  

Das dritte Kapitel zielt darauf ab, die Bedeutung und den Wert der politischen Übungen zu klären.

Die Untersuchung von Maria Robaszkiewicz befasst sich mit der Besonderheit dieser Schriften, die dem Buch ihren Namen geben, und sie stellt sie in eine eigene historisch-philosophische Tradition. Zuerst geht es hier um die terminologische Auswahl: die Schriften in Between Past und Future beziehen sich, so Arendt, auf die Tradition der Essays. Auch wenn sie nur schwer zu bestimmen ist, ist die Gattung des Essays klassisch als ein „Versuch“ zu verstehen. Ein Vorbild seien die Essais von Michel de Montaigne, wo das Subjekt Selbstbehauptungsversuche im Kontext seines Wissens unternimmt. Ein Essay ist auf jeden Fall nie unpersönlich, da es um ein denkendes Subjekt geht, das immer wieder auf der Suche nach neuen Perspektiven zu einem Problem greifen und sich nicht auf seine eigene Perspektive beschränken kann. Dieses Subjekt ist ein Geschichtenerzähler statt eines bloßen Wissenschaftlers, und in der Geschichtenerzählung sucht es das Allgemeine im ganz Besonderen.

Bezüglich des Wertes der Essays als Übungen schreibt sich Arendt in eine Tradition ein, die ihren Ursprung in der sokratischen Tätigkeit hatte und immer wieder in verschiedenen Formen bei Denkern wie Montaigne, Descartes, Nietzsche, Wittgenstein oder Foucault auftrat. Die Arendtschen Essays gleichen weder den hellenistischen Übungen der Sittlichkeit, deren Kennzeichen die fast mechanische Wiederholung war, noch die religiösen Exerzitien von Ignatius von Loyola; noch weniger gleicht ihre Denkweise der des rationalen cogito von Descartes. Arendt stellt der Singularität des cogito die Dualität des sokratischen inneren Gesprächs gegenüber. Es ist in diesem Dialog, den die Seele mit sich selbst führt, wo sich das wahre Philosophieren zeigt, wenn man sich auf die reinste philosophische Praxis konzentriert, d. h. auf eine Frage, die die Seele stellt, statt einer Antwort nachzugehen. Für Arendt scheint die Haltung des Essays die bestmögliche Form zu sein, um diese Art des politischen Urteilens zu ermöglichen. „It seems to me [...] that the essay as the literary form has a natural affinity to the exercises I have in mind“, so Arendt in “The Gap between Past and Future”.

Auch wenn es nun bei Arendt keinen Katalog der Übungen im politischen Denken gibt, macht doch Robaszkiewicz drei Arendtsche Modi der Übungen aus. Der erste ist der Entwurf eines neuen Vokabulars der politischen Sprache. Das ist eine Aufgabe, die sich Arendt unter den Bedingungen des Traditionsbruchs stellt. Es geht um eine genealogische Rekonstruktion der Begriffe der politischen Sprache, die dem Übenden hilft, sich im politischen Raum zu positionieren. Der zweite Modus ist die Darstellung von Menschen, deren Auftreten in der Welt exemplarisch für die politische Praxis sein könnte. Solche exemplarische Funktion kann sowohl realen als auch fiktiven Personen zukommen, die einen Versuch Arendts darstellen, an der Stelle eines anderen zu denken. Der dritte Modus schließlich ist der politische Raum wie z. B. die griechische Polis, die amerikanische Revolution, die römische Republik oder Räume wie der griechische Nomos und die Räte der Ungarischen Revolution.

Der Text von Maria Robaszkiewicz verfolgt erfolgreich zwei Hauptziele. Erstens soll das Konzept der Übungen im politischen Denken in den breiteren Rahmen von Arendts politischer Philosophie eingeschrieben werden. Zweitens entspricht die Form ihrer Untersuchung der Form der Übungen, die den Charakter mancher Schriften Arendts kennzeichnen. Wahrhaftig, wie die Autorin selbst anmerkt, „das politische Denken wird durch Arendts Texte exemplifiziert, und zwar nicht nur durch die Essays der Sammlung Between Past and Future, sonder auch durch andere ihrer Werke, inklusive längere Abhandlungen, wie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Vita activa oder Vom Leben des Geistes. In allen diesen Schriften kommt ihre essayistische Haltung zum Ausdruck, die auf dem Prinzip der Pluralität aufbaut“ (S. 229). Zu allerletzt wird die Frage der praktischen Anwendbarkeit von der Autorin selbst aufgeworfen. Abgesehen von der Möglichkeit, die die Autorin selbst vorgeschlägt, die Arendtschen Kategorien auf den Fall der politischen Inklusion anzuwenden, stellt der Text eine Quelle interessanter Reflexionen über die Möglichkeit einer politischen Bildung auf der Grundlage des Arendtschen Konzepts der politischen Übung dar.

 

Raffaele Molisse

(Abschluss in Philosophie an der Universität Salerno)