Hannah Arendts Charakterisierung des Verstehens in „Understanding and Politics“ im Vergleich mit dem Manuskript „On the Nature of Totalitarianism: An Essay in Understanding

Hendrike Hellmann

Abstract


Der Essay „Understanding and Politics“ verdeutlicht in verdichteter Form das Verstehensproblem, von dem aus Hannah Arendts Denken und Schreiben seinen Ausgang nahm: dem Verstehen der historischen Wirklichkeit des Totalitarismus. In seiner Ausgestaltung zeugt der Text von den Schwierigkeiten, die sich der Autorin in ihrem Anliegen stellten: Er wirkt mitunter unzusammenhängend und vage, seine Thesen werden weder begründet noch problematisiert, sodass es schwer fällt, dem im Essay entwickelten Gedankengang zu folgen. Gleichzeitig sticht die komplexe Komposition und poetische Sprache des Essays hervor.

Um dem inneren Zusammenhang des „seltsam diffusen Produkts“ (Ursula Ludz) näher auf die Spur zu kommen, wird „Understanding and Politics“ (UP) in dieser Arbeit mit dem vorher entstandenen Manuskript „On the Nature of Totalitarianism: An Essay in Understanding“ (ONT) verglichen. Beide Texte entstanden in der Zeit unmittelbar nach der Veröffentlichung von The Origins of Totalitarianism und zeigen an, dass Arendt sich weiterhin intensiv mit dem Thema des Buches beschäftigte. Auch in den Vorbemerkungen des Manuskripts, in denen bereits etliche Textpassagen des Essays in veränderter Abfolge enthalten sind, geht es Arendt im Wesentlichen um das Verstehensproblem hinsichtlich des Phänomens des Totalitarismus. Allerdings unterscheidet sich ihre Darstellung des Verstehens im Manuskript sowohl inhaltlich als auch formal von der im später entstandenen Essay. Das Ziel der Arbeit besteht darin, Gründe dafür aufzuzeigen, warum Arendt ihre Darstellung des Verstehens in UP der in ONT letztlich vorzog. Auf diesem Weg soll eine kohärente Interpretation der Komposition des Essays „Understanding and Politics“ erarbeitet werden.

Zugrunde gelegt wird hierbei die Annahme, dass Arendt in beiden Texten unterschiedliche Absichten verfolgt: Während sie in ONT auf ein politiktheoretisches Verständnis des Wesens des Totalitarismus hinarbeitet, wofür ihre Ausführungen zum Verstehen nur Vorbemerkungen darstellen, werden diese in UP zum zentralen Thema erhoben. In der Veröffentlichung geht es Arendt im Wesentlichen darum, die grundlegende Bedeutung des Verstehens für das menschliche Leben herauszustellen. Durch die wohldurchdachte Neuanordnung der Textteile wird darüberhinaus eine eindrucksvolle Wirkung des Textes erreicht.


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