Ausgabe 1, Band 7 – November 2013

 

Das Marxsche Moment

Zu Miguel Abensours Buch über die wahre Demokratie

Ursula Ludz

Miguel Abensour, Demokratie gegen den Staat. Marx und das machiavelli­sche Moment, aus dem Französischen von Andrea Hemminger [Titel der Ori­ginalausgabe: La Démocratie contre l’état. Marx et le moment machiavélien, 2004], Berlin: Suhrkamp Verlag, 2012; 268 Seiten, € 24,95.

 

 

Die Kraft seiner Argumentation zum Thema Demokratie zieht Miguel Abensour aus ei­ner Marx-Interpretation. Ein Augenblick im Schaffen von Karl Marx wird „reaktiviert“ – das Manuskript „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, das wahrscheinlich im Sommer 1843 entstanden ist und erst postum 1927 von dem MEGA-Herausgeber D. B. Rjasanow veröffentlicht wurde, zusammen mit weiteren Texten, die Marx zwischen 1842 und 1844 veröffentlichte (genaue Angaben im Buch S. 42). Abensour geht es in seiner Ab­handlung „nicht darum, Marx noch einmal im Licht einer externen Referenz zu lesen, sondern darum, eine interne Lektüre [Hervorhebg. U.L.] vorzuschlagen, eine Reaktivie­rung seiner Begriffe und Einsichten, die [...] eine nachdrückliche Frage nach dem Politi­schen und einen praktischen Willen erkennen lassen, die res publica vom Theologisch-Politischen sowie von feudalen Überresten zu befreien.“ (S. 33)

Dieser junge Marx, so schreibt Abensour, unterhält „aufgrund seiner philosophischen Frage nach dem Politischen eine wesentliche Verbindung mit Machiavelli als Begründer einer normativen politischen Philosophie [...], die sich auf andere Kriterien und Prinzipi­en der Bewertung stützt als die klassische politische Philosophie“ (S. 45). Für Abensour besteht damit ein Zusammenhang zwischen Marx und dem italienischen Bürgerhumanis­mus, wie ihn Hans Baron und, auf dessen Forschungen aufbauend, J. G. A. Pocock, der Verfasser von The Machiavellian Moment (1975), in seiner Bedeutung für die Entwick­lung des abendländischen politischen Denkens würdigen. Auf diesen kaum bekannten Zusammenhang, so Abensour, hat Ernesto Grassi erstmals hingewiesen. Es ist eine eher verborgene Traditionslinie, die Abensour im Anschluss an Pocock nun wieder verleben­digt und weiterführt.

Was sind die „anderen“ Kriterien und Prinzipien, die für Demokratie gelten, wenn man sie nicht als Herrschaftsform im Sinne der klassischen politischen Philosophie, der Staatsformenlehre, rezipiert, sondern mit den Marxschen Schriften von 1842/4 als gegen den Staat gerichtet denkt? In seinem Schlusskapitel führt Abensour die folgenden an: „dass die Teilung in Regierende und Regierte überwunden oder quasi auf ein Nichts redu­ziert werden kann, dass man einen öffentlichen Raum und einen politischen Raum erfin­den kann, der im Zeichen der Isonomie [Gleichheit vor dem Gesetz, U.L.] steht. Kurz, eine Transformation der Macht in die Kraft, im Konzert zu handeln [„to act in con­cert“, U.L.], oder, wenn man dies bevorzugt, ein Übergang der Macht über zu einer Macht mit den Menschen und zwischen den Menschen, wobei das Dazwischen-Seiende der Ort ist, der die Möglichkeit zu einer gemeinsamen Welt birgt.“ (S. 214)

Für diejenigen, die sich bei Hannah Arendt auskennen, stellt sich bei den Hinweisen auf die Isonomie, das Handeln „im Konzert“, auf einen Begriff der Macht, der nicht an Herrschaft orientiert ist, sowie die Betonung des „Dazwischen“ ein Déjà-vu-Erlebnis ein, und so gehört auch Hannah Arendt zu den Referenzautoren in diesem Buch. Auf der Ebe­ne der reinen Marx-Interpretation allerdings spielt sie keine Rolle, was sicher damit zu tun hat, dass ihre Manuskripte zur Vorlesung „Karl Marx and the Tradition of Western Political Thought“ (Princeton 1953) bisher nur unvollständig veröffentlicht wurden. Doch Arendt reicht in die Reflexionen des Autors durch verschiedene veröffentlichte Schriften hinein. Erst vor kurzem hat er sich (im Winter-Heft 2007 von Social Research) mit Arendts These von der Vorherrschaft der Philosophie über die Politik und ihrer Interpre­tation von Platos Höhlengleichnis, kurz, wie er schreibt, ihrer „contra political philoso­phy“, intensiv auseinandergesetzt. Im vorliegenden Buch ist Arendt zudem indirekt ge­genwärtig – in den Darlegungen zu Claude Leforts „wilder Demokratie“ und Reiner Schürmanns „Prinzip der Anarchie“; denn beide Autoren sind auf je eigene Weise Arendts Denken verpflichtet.

Abensour hat sein Buch La Démocratie contre l’état erstmals 1997 veröffentlicht und dann in zweiter Auflage im Jahr 2004. Der zweiten Auflage, die, von Andrea Hemminger ins Deutsche übersetzt, hier zugrundegelegt wird, ist ein Vorwort unter dem Titel „Die re­bellierende Demokratie“ vorangestellt und ein Nachtrag angefügt, in dem sich der Verfas­ser mit den Thesen Leforts und Schürmanns beschäftigt. Den Korpus des Buches bilden die Marx-Reflexionen (das Inhaltsverzeichnis kann im Internet eingesehen werden). Das Vorwort über die „rebellierende Demokratie“ (als Leseprobe des Suhrkamp Verlages onli­ne) und der Nachtrag machen deutlich, dass dieses Meisterwerk der politischen Ideenge­schichte ein „work in progress“, dass es unabgeschlossen, ohne Ergebnis ist. So weist Abensour ausdrücklich darauf hin, dass seine Marx-Lektüre „sich von den marxschen Fragen leiten lässt, ohne sie durch eine Antwort zu besiegeln“ (S. 57).

Der Marx der frühen 1840er Jahre, so Abensour, zeichne sich aus durch eine „leiden­schaftliche und schwierige Suche nach einer antihegelianischen Philosophie, die sich auf die politische Erfahrung der Freiheit stützt“ (S. 106). Mit diesem Marx und vergleichba­rem Engagement sucht der französische Philosoph eineinhalb Jahrhunderte später die „wahre Demokratie“ und trifft dabei auf die Konstellation „Demokratie gegen den Staat“. Seine weitverzweigten Wege der Interpretation und des Nachdenkens führen nicht an ein Ziel, sondern zu der grundsätzlichen Frage (S. 265/6): „Ist die Demokratie nicht eine ei­gentümliche Form der politischen Erfahrung“, der es darum geht, „auf eine höchst frucht­bare und höchst paradoxale Weise eine ‚neue Unordnung’ zu schaffen und so eine Politik zu erfinden, die sich stets erneuert, eine Politik jenseits des Staats, ja gegen ihn? [...] Ist die Demokratie, so paradox das erscheinen mag, nicht die Form von Gesellschaft, die über den Konflikt, über den Kampf der Menschen eine menschliche Bindung herstellt und dabei wieder an den Ursprung der immer wieder neu zu entdeckenden Freiheit anknüpft?“ Ist Demokratie nicht „antistaatlich“ als „rebellierende Demokratie“ zu begreifen?

Dabei geht es Abensour nicht um Definitionen, sondern in der Tätigkeit des Definie­rens, des Unterscheidens um die Annäherung an die Wirklichkeit. So fördert er die kriti­sche Überprüfung der Vorstellungen vom demokratischen Staat und der Zivilgesellschaft, wie sie seit vielen Jahrzehnten in Europa und Amerika vorherrschend sind. So öffnet er das Denken für die Erfahrungen der in den letzten Jahren weltweit zu beobachtenden Be­wegungen des Protests und des Widerstands gegen etablierte staatliche Verhältnisse – in repräsentativen Demokratien ebenso wie den autokratisch regierten staatlichen Gebilden. Seine in dem Buch Demokratie gegen den Staat versammelten Überlegungen lassen radi­kaldemokratische, revolutionäre Projekte des 19./20. Jahrhunderts hinter sich, mit ihnen befindet sich der Leser im 21. Jahrhundert. Miguel Abensours eigenwillige, originelle Marx-Auslegung schärft den Blick für jene neuen politischen Erfahrungen, welche, etwa als „wilde Demokratie“ exponiert, den gegenwärtigen Demokratie-Diskursen besondere Prägung und Dringlichkeit verleihen.

 

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