Ausgabe 1/2, Band 6 – November 2011

In den Untiefen des Allzumenschlichen

Hilberg vs. Arendt

Ursula Ludz1
Was gibt es da noch groß zu sagen oder schreiben? Ein im Vergleich mit anderen mögli­cherweise zu kurz gekommener Gelehrter, einer jedenfalls, der sich und seine Arbeit nicht zureichend gewürdigt fühlt, neidet einer Collega den (durchaus zweifelhaften) Erfolg. In solchen Fällen sind in erster Linie die Psychologen gefragt, außerhalb ihres Fachbereichs interessieren eigentlich nur besondere Umstände. So auch hier. Auffällig ist, mit welcher Offenheit Raul Hilberg, der Historiker und Politikwissenschaftler, seine gegen Hannah Arendt gerichtete Animosität in die Öffentlichkeit trug. Zum Beispiel 1997 auf einer Ta­gung, als Arendt bereits mehr als zwanzig Jahre verstorben war. Gary Smith, der Ta­gungsleiter. berichtet was Hilberg im Einstein Forum vor einer verwunderten Zuhörer­schaft erklärte: »Wer erinnert sich an Ereignisse? Man erinnert sich nicht an Ereignisse, man erinnert sich an Bücher. Ich ringe seit dreiunddreissig Jahren mit Hannah Arendt, ob sie nun lebt oder tot ist. Immer wieder, wie ein Gespenst kommt sie zurück.«21964 also, wahrscheinlich schon 1963 hat Hilbergs »Ringen« mit Hannah Arendt begonnen.
Im folgenden soll der Hintergrund für diese persönliche Aussage ausgeleuchtet werden, soweit dazu überlieferte Tatsachen vorliegen. Dabei kann und wird es nicht darum gehen, Hannah Arendt zu verteidigen, weil eine Verteidigung in solch emotional aufgeladenen Zusammenhängen immer tendenziell ins Leere laufen dürfte. Vielmehr sollen aus dem Geflecht von in der Öffentlichkeit kursierenden Behauptungen, soweit es geht, nachweis­bare Tatbestände herausgelöst und überprüft werden, um zu einer Versachlichung auf diesem Nebenschauplatz der Arendt-Kontroverse beizutragen.3
Raul Hilberg, 1926 in Wien geboren, also zwanzig Jahre jünger als Hannah Arendt, wurde von den Nationalsozialisten 1938 mit seinen Eltern aus Wien vertrieben und wuchs in Brooklyn (New York) auf. Als Soldat der US Army wird er im Zweiten Weltkrieg nach Europa zurückkehren. Im Anschluss an seine Militärzeit studierte er am Brooklyn College und an der Columbia University. Sein erster Doktorvater wurde Franz Leopold Neumann, der seinen Ruf als Experte für das NS-Regime mit dem Buch Behemoth (1942, 21944), das ein Klassiker der Politikwissenschaft werden sollte, begründet hatte.4 Das Thema für die Doktorarbeit hatte sich Hilberg selbst ausgesucht, es war und blieb sein Lebensthema – »The Destruction of the European Jews«. Im Vorwort von 1984 zu dem dann dreibändi­gen Werk schrieb er: »The work [...] was begun in 1948. Thirty-six years have passed since then, but the project has remained with me, from early youth to late middle age, sometimes interrupted but never abandoned, because of a question I asked. From the start I have wanted to know how the Jews of Europe were destroyed. I wanted to explore the sheer mechanism of destruction, and as I delved into the problem, I saw that I was studying an administrative process carried out by bureaucrats in a network of offices spanning a continent. Understanding the components of this apparatus, with all the facets of its activities, became the principal task of my life.«5
Hannah Arendts Weg war ein anderer. Sie hatte als Schülerin, Studentin und junge Phi­losophin noch das Deutschland der »deutsch-jüdischen Symbiose« und den Einbruch von Faschismus und Nationalsozialismus in dieses kulturelle Milieu miterlebt. Ihr Horizont als Zeitzeugin unterschied sich schon deshalb von dem Raul Hilbergs. Doch auch sie war von dem, was seit den 1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts unter dem Begriff »Holo­caust« erforscht und diskutiert wird, zutiefst betroffen. So schrieb sie an Kurt Blumen­feld, den Lehrer in Sachen Zionismus und väterlichen Freund, mit dem sie zeitweise poli­tisch zusammenarbeitete, am 19. Juli 1947: »[...] es ist einfach so, daß ich über die Ver­nichtungsfabriken nicht wegkommen kann, und zwar in jener Region des brutal Tatsäch­lichen, in welcher diese neueste Fabrikationsart noch nicht einmal mehr etwas mit Juden zu tun hat oder mit Deutschen.«6 Ihr Wunsch des Verstehens richtete sich nicht nur auf die Schoah und die beteiligten bürokratischen Apparate, sondern ihr ging es um mehr, nämlich darum, »die Last, die unser Jahrhundert uns auferlegt hat, [zu] untersuchen und bewußt [zu] tragen – und zwar in einer Weise, die weder deren Existenz leugnet, noch sich unter deren Gewicht duckt. [...] In diesem Sinn muß es möglich sein, die empörende Tatsache, daß ein so kleines (und in der Weltpolitik so unwichtiges) Phänomen wie die jü­dische Frage und der Antisemitismus zum Katalysator zunächst für die Nazi-Bewegung, dann für einen Weltkrieg und schließlich für die Errichtung der Todesfabriken geworden ist.« So steht es im Vorwort zur ersten Auflage (1951) ihres Werkes The Origins of Totali­tarianism.7 Damit artikuliert und verfolgt sie, wie sie später schreiben wird, die Fragen, »die meine Generation während des größeren Teils ihres Erwachsenenlebens unaus­weichlich begleitet haben: Was war geschehen? Warum war es geschehen? Wie konnte es geschehen?«8
Hilberg und Arendt haben sich persönlich nicht gekannt. Vielleicht sind sie sich aus dem Weg gegangen, jedenfalls scheint keiner von beiden das Gespräch gesucht zu haben.9 Doch es gab Gelegenheiten der Begegnung oder, wie es bei Hilberg in der autorisierten Übersetzung seines Erinnerungsbuches heißt: »Hannah Arendt und ich wurden [...] oft gepaart«10. Solche »Begegnungen« sind es, die hier interessieren. Zu einer Auseinander­setzung um Sachthemen, also zu einer »Kontroverse« im eigentlichen Sinne, ist es zwi­schen ihnen nicht gekommen. Hilbergs Angriffe, die sich im Vorwurf des Plagiats zuspit­zen, gelangten erst nach Arendts Tod (1975) in die Öffentlichkeit.
Die erste »Begegnung« dieser Art datiert bereits auf Ende der 1950er Jahre. Allerdings hat Hilberg davon erst sehr viel später erfahren, als er den Arendt-Nachlass in der Library of Congress studierte.11 Im Jahr 1959 hatte Hilberg das Manuskript seiner inzwischen er­weiterten Dissertation der Princeton University Press zur Veröffentlichung angeboten. Hannah Arendt wurde, wie aus einem Schreiben des Verlages an sie vom 8. April 1959 hervorgeht,12 vom Gutachter Bob Palmer (vermutlich der bekannte Historiker Robert R. Palmer) als Beraterin hinzugezogen und hatte offenbar die Veröffentlichung nicht befür­wortet. Ungeklärt ist, ob ihre Äußerungen, die nicht bekannt und wahrscheinlich nicht er­halten sind, ursächlich für die Absage des Verlages waren, wie Hilberg später behaupten wird13. Auch Hilberg hat sich, soweit ersichtlich, nicht um eine entsprechende Klärung be­müht.
Eine weitere »Begegnung« lässt sich an dem Datum 22. März 1963 festmachen. An die­sem Tag veröffentlichte der Council of Jews from Germany seine Erklärung »Die Reakti­on der Juden auf die Verfolgungen der Nazizeit«, in der es zu Beginn heißt: »Die grosse Mehrzahl der in den letzten Jahren erschienenen Publikationen, die der Periode des Nazi­regimes gewidmet sind, dient der geschichtlichen Wahrheit und verhilft ihr zu ihrem Recht. Der Council of Jews from Germany [...] muss jedoch feststellen, dass in der letzten Zeit in bezug auf die Erforschung und Beurteilung der genannten Periode Stimmen laut geworden sind, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen, weil ein durch sie beeinflusstes Geschichtsbild ein verfälschtes Geschichtsbild sein würde. Dies gilt im besonderen von dem 1961 erschienenen Buch von Raul Hilberg >The Destruction of the European Jews< und von den Aufsätzen, die Hannah Arendt im >New Yorker< und als Buch unter dem Ti­tel >Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil< 1963 veröffentlicht hat.«14 Der öffentlichen Erklärung vorausgegangen war ein privater Briefaustausch zwischen Siegfried Moses, dem damaligen Präsidenten des Council, und Hannah Arendt, in dem Moses die Absicht des Council ankündigt.15 Hannah Arendt antwortete Moses, sie sollten sich bei ihren Angriffen ausschließlich auf ihr Buch konzentrieren, um sich nicht zu ver­zetteln.16 Diesem Rat ist der Council aber nicht gefolgt. Fortan wurden Arendt und Hil­berg im international ausgetragenen Kampf gegen »ein verfälschtes Geschichtsbild« von Wortführern der jüdischen und jüdisch-amerikanischen Öffentlichkeit wie Feinde behan­delt. Überwiegend unabhängig voneinander, doch bei einer öffentlichen Veranstaltung gerieten beide unter Feuer, Arendt in absentia.
Die Zeitschrift Dissent veranstaltete am 18. Oktober 1963 in New York ein öffentliches Forum unter dem Thema »Eichmann and the Jewish Crisis«, das offenbar als Arendt-Fo­rum geplant war und zu dem Irving Howe die Arendt-Kritiker Marie Syrkin und Lionel Abel eingeladen hatte. Arendt beantwortete die Einladung erst gar nicht, auch Bruno Bet­telheim17 verweigerte sich. Schließlich stellte sich allein Hilberg den Kritikern auf dieser Veranstaltung im »seedy Hotel Diplomat« (Howe), die eher den Charakter eines Tribu­nals trug. Er wurde, so Elisabeth Young-Bruehl, »für seine Rede vom Publikum laut aus­gebuht« und Alfred Kazin, der einen Versuch machte, Arendt zu verteidigen, von Abel »niedergeschrien«.18 Hilberg berichtet über diese Veranstaltung in seinem Erinnerungs­buch als von einem »Spektakel«: »Irving Howe bat das Publikum, Fragen zu stellen und Meinungen zu äußern, worauf sich ein Zuhörer nach dem anderen erhob. Man warf mir Sadismus vor, verlas ein vorbereitetes Schriftstück, in dem meine Zahlenangaben zu den in der Schlacht ums Warschauer Ghetto gefallenen Deutschen angezweifelt wurden und so weiter und so fort.«19
Diese New Yorker Veranstaltung könnte im Briefwechsel zwischen Karl Jaspers und Hannah Arendt einen Nachhall gefunden haben. Am 24. März 1964 schreibt Karl Jaspers, er habe gelesen, »daß Hilberg öffentlich für Dich Stellung genommen« habe. Arendt ant­wortet: »Ich weiß nichts davon, daß Hilberg für mich Stellung genommen hat«, was den Tatsachen entspricht, weil er sich auf der Veranstaltung offensichtlich nicht zu Arendt ge­äußert hatte. Arendt ihrerseits jedoch verzichtet darauf, Jaspers von dem zu berichten, was auf dem Forum geschehen war (ziemlich unvorstellbar ist, dass sie davon keine Kenntnis hatte). Sie fügt stattdessen einige Sätze zur Person Hilberg und seinem Werk hinzu: »Er ist ziemlich dumm und verrückt. Er faselt jetzt vom >Todeswunsch< der Ju­den. Sein Buch ist wirklich ausgezeichnet, aber nur weil er eben einfach berichtet. Ein all­gemeineres, einführendes geschichtliches Kapitel ist unter der gesengten Sau. (Pardon – ich habe einen Moment vergessen, wem ich schreibe. Und nun laß ich es doch stehen.)«20 Diese Sätze, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, zeigen eine Gespalten­heit in Arendts Bewertung des Kollegen und seiner Leistung. Für Hilbergs Arendt-Animo­sität sind sie zu einer Art Schlüsselzitat geworden: »Sie war die Denkerin, ich hatte als Ar­beiter nur einen schlichten Bericht gefertigt, der dann allerdings unverzichtbar wurde, so­bald sie ihn geadelt [im Englischen »exploited«, also ausgebeutet] hatte. Das erschien ihr als die natürliche Weltordnung.«21
Die »Adelung« per »Ausbeutung« geschah im Jahr 1964 in der deutschen Ausgabe von Eichmann in Jerusalem und ein Jahr später in der zweiten, verbesserten und erweiterten englischen Ausgabe. Auf diese beiden Veröffentlichungen vor allem bezieht sich Hilberg.22 Hier würdigt Hannah Arendt The Destruction of the European Jews an drei Stellen. In der Einleitung weist sie darauf hin, sie habe für ihren Bericht »durchgängig >Die Endlö­sung< von Reitlinger herangezogen«, sich aber vor allem »auf das Werk von Raul Hil­berg, >The Destruction of the European Jews<, die ausführlichste und auch fundierteste quellenmäßige Darstellung der Judenpolitik des Dritten Reiches«, verlassen. Ferner: »Hätte der Prozeß ein Jahr später stattgefunden, so wäre diese Aufgabe [der Anklage, sich in dem Labyrinth von NS-Parallelorganisationen zurechtzufinden] wesentlich erleichtert gewesen, denn Raul Hilberg ist es in seinem Buch >The Destruction of the European Jews< gelungen, die erste klare Beschreibung dieser unglaublich komplizierten Zerstö­rungsmaschine vorzulegen.« Schließlich im Kapitel über die Wannsee-Konferenz, als sie auf die Rolle der Judenräte zu sprechen kommt: »Diese Rolle der jüdischen Führer bei der Zerstörung ihres eigenen Volkes ist für Juden zweifellos das dunkelste Kapitel in der ganzen dunklen Geschichte. Wohl sind diese Dinge nicht unbekannt gewesen, aber die furchtbaren und erniedrigenden Einzelheiten dieser Arbeit sind erst jetzt in Raul Hilbergs grundlegendem Buch >The Destruction of the European Jews< so zusammenge­stellt worden, daß sie ein einheitliches Bild ergeben.« An weiteren fünf Stellen, folgt man dem Namen- und Sachregister, hat Arendt auf Hilberg verwiesen.
Hilberg hat all dies zur Kenntnis genommen, doch fand er sehr viel mehr Stellen in dem Buch, an denen er eigene Formulierungen und von ihm erforschte Tatbestände wiederer­kannte.23 Nathaniel Popper teilt mit, dass sich in Hilbergs Nachlass eine lange Liste mit »items she had lifted«24 befindet. Wegen geistigen Diebstahls wollte Hilberg einen Pro­zess gegen Arendt anstrengen, hat dies aber unterlassen, nachdem er einen Anwalt hinzu­gezogen hatte.25

Hilbergs Vorwürfen ist bisher kein Arendt- oder Hilberg-Forscher im einzelnen nachge­gangen, obwohl die Manuskripte zu Arendts Bericht in ihrem Nachlass erhalten und zu­gänglich sind. Bei einer entsprechenden Prüfung wäre auch zu diskutieren, auf was sich Arendt eingelassen hat, als sie Eichmann in Jerusalem nicht als wissenschaftliches Werk verfasste, sondern sich dem journalistischen Format des New Yorker anpasste. Auf Fuß- oder Endnoten, wie sie Hilberg einfordert, und einen entsprechenden Apparat hat sie da­mit bewußt verzichtet. Gleichermaßen ist ihr bekannt gewesen, dass die Redaktion des Magazins üblicherweise Texte gründlich lektoriert und viel Wert auf die Vermittlung von Wissen im Sinne von Tatsachen legt, die sie mit ihrem »Checking Department« (Mary McCarthy im Brief an Arendt, 17. 8. 1959) überprüft. Arendt hatte ihr Manuskript im Sommer 1962 fertiggestellt, im Oktober wurde es, wie aus einem Brief an McCarthy her­vorgeht (30. Oktober 1962), vom New Yorker angenommen. Welche Veränderungen (von wem) in der dreimonatigen Herstellungszeit vorgenommen wurden und an welchen Punkten sich die Artikel in The New Yorker von der am 15. März veröffentlichten Buchausga­be unterscheiden, ist bisher nicht systematisch erforscht worden. So fehlen wichtige Grundlagen, um über Hilbergs »items« zu urteilen.

Urteilen aber lässt sich hinsichtlich eines Vorwurfs, der unter Hinweis auf Hilberg ge­gen Arendt immer wieder erhoben wird: Sie habe die Formulierung »the Jewish Führer« für Leo Baeck von Hilberg übernommen.26 In dem Exemplar von Hilbergs Buch, der ers­ten einbändigen Auflage von 1961, das Arendt seinerzeit benutzte und das in der Arendt Collection der Bard Library aufbewahrt wird, findet sich in der Tat eine handschriftliche Notiz »Baeck Jewish Führer« mit Verweis auf die entsprechende Seite, und auf der Seite selbst ist die Stelle angestrichen. Doch auch wenn Arendt selbst sich in einer Antwort auf eine Anfrage auf diese Stelle beruft,27 darf bezweifelt werden, dass dies ihre einzige »Quel­le« war. Wer die Bände der New Yorker deutsch-jüdischen Zeitung Aufbau, an der Arendt von 1941 bis 1945 mitgearbeitet hat (und die sie seinerzeit vermutlich regelmäßig las), aus der ersten Hälfte der 1940er Jahre durchblättert, braucht nicht lange, um auf die sprach­liche Wendung »Führer« für diejenigen, die tonangebende Positionen in jüdischen religi­ösen Einrichtungen innehatten, zu stoßen. Damals, so scheint es, war dies auch innerjü­disch eine umgangssprachliche Formulierung. Es stimmt einfach nicht, dass sie nur von Nazis gebraucht wurde. Hannah Arendt aber mit ihrem wachen Blick für sprachliche Be­sonderheiten dürfte schon früh über solche »Gedankenlosigkeit« gestolpert sein. Das be­legt etwa das folgende Zitat aus dem Jahr 1942: »Wer heute noch meint, dass er auf den Knien leben kann, wird erfahren, dass es sich besser stehend lebt und stirbt. Wir brau­chen keine opportunistischen Realpolitiker, aber wir können sicher auch keine >Führer< gebrauchen.«28
Das Vorangegangene sollte genügen, um die eingangs zitierte Aussage von Raul Hilberg im beschriebenen Sinne »auszuleuchten«. Das »Gespenst« allerdings ist damit nicht ge­bannt. Denn es ist von anderer Natur als jene »tapferen Gesellen und Gespenster, mit de­nen man schwätzt und lacht, wenn man Lust hat zu schwätzen und zu lachen, und die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig werden, – als ein Schadenersatz für man­gelnde Freunde«, wie es bei Nietzsche in der Vorrede von 1886 zu Menschliches, Allzu­menschliches steht. Hilberg vielmehr hat sich vollkommen dem Gespräch mit Arendt ver­weigert. In einem Interview mit Alfons Söllner29 antwortet er 1988 auf die Frage, was er von Arendts Totalitarismusbuch »gelernt« habe mit bestürzender Offenheit. Kurz und bündig erklärt er: »Nichts« – und dann: »Ich habe dieses Buch weggeworfen. Es stand natürlich auf der Leseliste der Columbia University, also hatte ich es anzusehen. So heftig es auch diskutiert wurde – von Politologen wurde es nicht ernst genommen, und für mich war es nutzlos.«
Raul Hilberg überlebte Hannah Arendt mehr als dreißig Jahre, in denen er, der »princi­pal task“ seines Lebens treu bleibend, an seinem Werk weitergearbeitet und gefeilt hat. Er konnte erleben, wie sich zunehmend ein Interesse an den Berichten und Forschungen zum Holocaust entwickelte und in der Öffentlichkeit einen Raum schuf, in dem The De­struction of the European Jews auf einen prominenten Platz rückte. Mehr noch: In sei­nen späten Lebensjahren hat er viel Anerkennung unter den Fachkollegen und in der Öf­fentlichkeit erhalten, darüber hinaus eine Reihe von Ehrungen entgegennehmen können. So 2002 in München den Geschwister-Scholl-Preis, bei dem Hans Mommsen die Lauda­tio hielt. Mommsen »paart« Hilberg zwar noch mit Hannah Arendt, aber hebt deutlich auf die Eigenständigkeit seiner Forschungen und deren »bis heute währende Gültigkeit« ab.30 Post mortem dann würdigt Christopher Browning ihn als »one of the >founding fathers< in the field of Holocaust studies and the author of its single most important and formative book«31. Kein Zweifel, »der absolute Pionier der Holocaust-Forschung« (Wolf­gang Benz32) wird nun ebenso erinnert und diskutiert wie sein Buch – unbeschattet von Arendt und ihrem Buch. Der Streitfall Hilberg vs. Arendt könnte ein Ende gefunden ha­ben.

Anmerkungen

1Ich danke Ingeborg Nordmann und Thomas Wild, die eine erste Fassung des Manuskriptes lasen, für ihre wertvollen Kommentare und Anregungen.

2Gary Smith, »Einsicht aus falscher Distanz«, in: Ders., Hrsg., Hannah Arendt Revisited: »Eichmann in Je­rusalem« und die Folgen, Frankfurt am Main (edition suhrkamp 2135), 2000, S. 7-13, S. 7.

3Anlass hierzu sind auch neuerliche Veröffentlichungen nach Hilbergs Tod (2007): Nathaniel Popper, »A Conscious Pariah: On Raul Hilberg«, in: The Nation, April 19, 2010 (Internet-Version, 31-03-2010, pages 1-11), und Jonathan A. Bush, »Raul Hilberg (1926-2007) in Memoriam«, in: Jewish Quarterly Review 10, Heft 4, Fall 2010, S. 661-688 (auch im Internet einsehbar). Während Poppers Artikel sich voll auf das Thema Hil­berg-Arendt konzentriert und eine ausgleichende Darstellung versucht, nimmt Bush eine umfassende (apolo­getische) Würdigung Hilbergs vor, in der er sich, was Arendt betrifft, auf Popper bezieht und teilweise kri­tisch mit dessen Auffassungen auseinandersetzt.

4Neumann starb 1954, bevor Hilberg seine Dissertation beendet hatte. – Über Raul Hilbergs akademische Lehrer und seine Karriere informiert Christopher R. Browning ausführlich in seinem Nachruf »Raul Hilberg«, in: Yad Vashem Studies 35 (2), 2007, S. 7-20, S. 7f.

5Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, revised and definitive edition, 3 Bde., New York-London: Homes & Meier, 1985, Bd. I, S. IX. Die erste amerikanische Ausgabe des Werkes erschien 1961, die erste deutsche Übersetzung unter dem Titel Die Vernichtung der europäischen Juden 1982. Hier schreibt Hilberg im Vorwort (datiert 15. Mai 1982): »Die deutsche Übersetzung stellt [...] eine erweiterte Ausgabe der ursprünglichen amerikanischen Fassung dar [...].« Das Vorwort zur deutschen Ausgabe entspricht nicht dem hier zitierten der englischen »definitive edition«.

6Hannah Arendt und Kurt Blumenfeld, »… in keinem Besitz verwurzelt«: Die Korrespondenz, hrsg. von Inge­borg Nordmann und Iris Pilling, Hamburg: Rotbuch, 1995, S. 43.

7Dt. in: Über den Totalitarismus: Texte Hannah Arendts aus den Jahren 1951 und 1953, aus dem Englischen übertragen von Ursula Ludz, Kommentar von Ingeborg Nordmann, Berichte und Studien Nr. 17 des Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden 1998, S. 12f.

8Vorwort von 1966, übersetzt von Michael Schröter, zu Teil III (Totale Herrschaft) von Hannah Arendt, Ele­mente und Ursprünge totaler Herrschaft, ungekürzte Ausgabe, München: Zürich (Serie Piper 645), 1986, S. 473-494, S. 474.

9Von Hilberg wissen wir es genauer, er schreibt in seinen Erinnerungen: »Weder lernte ich sie kennen, noch schrieben wir einander, und ich hörte sie bloß zweimal in öffentlichen Vorträgen – wovon mir nur ihre ent­schiedene und eindringliche Art zu sprechen in Erinnerung blieb.« Raul Hilberg, Unerbetene Erinnerung: Der Weg eines Holocaust-Forschers, aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1994, S. 128. Die amerikanische Ausgabe des Buches unter dem Titel The Politics of Memory: The Journey of a Holocaust Historian, erschien erst zwei Jahre nach der autorisierten deutschen Übersetzung.

10Hilberg, Unerbetene Erinnerung, S. 132.

11Hilberg, Unerbetene Erinnerung, S. 135.

12Gordon Hubel an Hannah Arendt, 8. April 1959, siehe Hannah Arendt Papers, Library of Congress, Folder »Princeton University Press«.

13Hilberg, Unerbetene Erinnerung, S. 135. Hilberg hat offenbar übersehen, dass Arendt, auch wenn sie einen Scheck des Verlages erhielt, nur beratend vom eigentlichen Gutachter hinzugezogen worden war. Er irrt auch insofern, als er von einem Brief Arendts an den Verlag schreibt. – Den langen »Weg der Publikation« seines Werkes bis zur Erstveröffentlichung im Jahr 1961 durch den Verlag Quadrangle Books schildert Hilberg aus­führlich a.a.O., S. 92-103. In der Rückschau beschreibt Christopher R. Browning («Raul Hilberg«, S. 18) das Schicksal des Buches wie folgt: »At first ignored and then attacked, Hilberg’s work only gradually attained the recognition that it deserved, and it did so solely by ist own merits, without any publicity hype.«

14Die Erklärung ist wiederabgedruckt in Hannah Arendt und Joachim Fest, Eichmann war von empörender Dummheit: Gespräche und Briefe, hrsg. von Ursula Ludz und Thomas Wild, München-Zürich: Piper, 2011, S. 109-112, Zitat dort auf S. 109.

15Siegfried Moses (aus New York) an Hannah Arendt, 7. März 1963, als Faksimile aus dem Bestand der Han­nah Arendt Papers in der Library of Congress abgedruckt von Klaus Naumann in seinem Artikel, »Sympathy for the Devil? Die Kontroverse um Hannah Arendts Prozeßbericht >Eichmann in Jerusalem<«, in: Mittelweg 36, Februar/März 1994, S. 72. Vgl. auch Hannah Arendt, »>The Formidable Dr. Robinson<: A Reply [to Wal­ter Laqueur]«, siehe Anm. 25, wieder abgedruckt in Hannah Arendt, The Jewish Writings, hrsg. von Jerome Kohn und Ron H. Feldman, New York: Schocken, 2007, S. 496-511, S. 507 (der Brief ist hier offenbar fälschli­cherweise auf den 3. März datiert).

16Hannah Arendt an Siegfried Moses, 12. März 1963, hier zitiert nach Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendt: Leben, Werk und Zeit, aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl, Frankfurt am Main: S. Fi­scher, 1986, S. 477 und 695 (Anm. 62).

17Der Psychoanalytiker und Psychologe Bruno Bettelheim (1903-1990) war mit seinem Buch The Informed Heart: Autonomy in a Mass Age, das 1960 erschien, aus ähnlichen Gründen wie Arendt und Hilberg massi­ven öffentlichen Angriffen ausgesetzt. Er gehörte zu den wenigen, die Arendts Eichmann in Jerusalem gleich nach Erscheinen positiv würdigten, in The New Republic, 20. Juli 1963.

18Young-Bruehl, Hannah Arendt, S. 494f. Young-Bruehl stützt sich hier auf einen nicht veröffentlichten Be­richt über die Versammlung, den »ein junger Jude«, Harris Dienstfrey, Arendt übersandt hatte, siehe auch S. 697, Anm. 102. Zur Veranstaltung vgl. ferner Irving Howe, A Margin of Hope: An Intellectual Autobiography, San Diego etc.: Harcourt Brace Jovanovich, 1982, S. 274.

19Hilberg, Unerbetene Erinnerung, S. 133.

20Hannah Arendt und Karl Jaspers, Briefwechsel 1926-1969, hrsg. von Lotte Köhler und Hans Saner, Mün­chen-Zürich, Neuausgabe 1993 (Serie Piper, 1757), S. 585f.; wörtlich zitiert bei Hilberg, Unerbetene Erinne­rung, S. 134, dort (S. 135) auch ein Zitat aus einem Brief Arendts an Klaus Piper (22. Januar 1963), in dem sie sich ähnlich äußert. – Arendts Einschätzung der Einleitung, die Hilberg seinem Buch voranstellt, erhält eine zusätzliche Bestätigung in dem Artikel »German Motivations for the Destruction of the Jews« (Midstream 9, June 1965, 23-40), den Hilberg im Zusammenhang mit Eichmannprozess und Eichmannkontroverse veröf­fentlichte, übrigens ohne einen Hinweis auf Arendt. Der letzte Absatz (S. 37-38) lautet: »The destruction of the Jews was a tour de force. An alignment of all the motivation theories against the available facts yields that conclusion as a residue. We are thus left with a crude contour of the hypothetical German mind. It is the image of a German who walked with fleeting fantasms. Frustrations nurtured and reinforced them. In a technological bureaucracy he found an impersonal medium for their realization. Obscure memories of a medieval heritage shrouded him with protective symbols. Propaganda supplied him with rationalizations. Ambitions spurred him on. And below, a helpless victim, twitching in pain, was ready for the fatal blow.«

21Hilberg, Unerbetene Erinnerung, S. 135; Ders., The Politics of Memory (siehe Anm. 8), S. 157: »She, the thinker, and I, the laborer who wrote only a simple report, albeit one which was indispensable once she had exploited it: that was the natural order of her universe.«

22Im folgenden beziehe ich mich nur auf die deutsche Ausgabe, die im Text unverändert 2011 in einer Neuauf­lage erschien: Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen, mit einem einleitenden Essay und einem Nachwort zur aktuellen Ausgabe von Hans Mommsen, München-Zürich: Piper (Erweiterte Taschenbuchausgabe 6478), 2011. Die folgenden wörtlichen Zitate dort auf den Seiten 51, 153, 209.

23Hilberg, Unerbetene Erinnerung, S. 129. In dieser Auffassung bestätigt ihn Hugh Trevor-Roper in seiner Be­sprechung von Eichmann in Jerusalem (The Sunday Times, 13. Oktober 1963), siehe die bei N. Popper (»A Conscious Pariah«, Internet-Version S. 6) mitgeteilten Zitate.

24Popper, »A Conscious Pariah«, Internet-Version S. 2.

25Ibid..

26Wörtlich bei Hilberg: »The Jewish >Führer< in Berlin, as one of Eichmann’s people called Rabbi Leo Baeck, was picked up in his home …«, The Destruction of the European Jews, Bd. 1, S. 448. Bei Arendt heißt es in der Ausgabe des New Yorker und der ersten englischen Auflage in einem Nebensatz über Leo Baeck: »who in the eyes of both Jews and Gentiles was the >Jewish Fuehrer<«. Diesen Nebensatz hat Arendt aufgrund der vielen privaten und öffentlichen Proteste in späteren Fassungen von Eichmann in Jerusalem gestrichen. – Die Behauptung, dass Arendt die Formulierung »the Jewish Führer« von Hilberg übernommen hat, ist wahr­scheinlich durch Jacob Robinson in die Öffentlichkeit gelangt. Sie ist oft wiederholt worden, siehe Popper, »A Conscious Pariah«, Internet-Version S. 7; vgl. auch Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendt, S. 498f. – Ro­binson zeichnet verantwortlich für ein Buch, in dem Arendts Eichmann in Jerusalem aus offizieller israeli­scher Perspektive minutiös kritisiert und kommentiert wird: And the Crooked Shall Be Made Straight: The Eichmann Trial, the Jewish Catastrophe, and Hannah Arendt's Narrative (New York: Macmillan, 1965), der Hinweis auf die Hilberganleihe bezüglich »Jewish Führer« dort auf S. 173. Auf eine freundlich gesinnte Be­sprechung des Robinson-Buches durch Walter Laqueur antwortete Arendt unter der Überschrift »The Formi­dable Dr. Robinson«, siehe The New York Review of Books, 11. November 1965 (Laqueur), 20. Januar 1966 (Arendt), 3. Februar 1966 (Laqueur). In diesen und weiteren Nummern der NYRB auch zahlreiche Leserbrie­fe zum Thema.

27Hannah Arendt an Rabbi Herman E. Schaalman, 27. März 1963 (aus Basel), The Hannah Arendt Papers at the Library of Congress; Correspondence – Organizations – Jewish – B-F – 1963-1965 (Series Adolf Eichmann File, 1938-1968, n.d.), Image 22, die Anfrage Schaalmans dort als »image 21«.

28Hannah Arendt, »Jüdische Politik«, deutschsprachiges Manuskript im Arendt-Nachlass in der Library of Congress (online nicht einsehbar), wahrscheinlich geschrieben 1942 für die Zeitschrift Idea Sionista, aber nicht veröffentlicht; bisher nur in englischer Sprache, übersetzt von John E. Woods, in Arendt, The Jewish Writings, S. 241-243, das Zitat dort auf S. 243.

29Raul Hilberg und Alfons Söllner, »Das Schweigen zum Sprechen bringen: Über Kontinuität und Diskontinui­tät in der Holocaustforschung«, in: Merkur 42, Juli 1988, S. 535-551, S. 548. Vgl. auch Hilberg später (1994), Unerbetene Erinnerung, S. 128.

30Eine gekürzte Version seiner Laudatio erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Dezember 2002.

31Browning, »Raul Hilberg«, S. 7.

32In einer Sendung des Deutschlandfunks, siehe SPIEGEL-Online, 6. August 2007.

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