Ausgabe 1, Band 4 – Mai 2008

Gut gestaltet, unterhaltsam, aber nicht zuverlässig – das kürzlich erschienene Arendt-Adressbuch

Hannah Arendt, Das private Adreßbuch 1951-1975, hrsg. und kommentiert von Christine Fischer-Defoy, Leipzig: Koehler & Amelung, 2007, 240 Seiten.

Da liegt auf dem Büchertisch ein Bändchen, das auffällt wegen seiner Form und Ausstattung. Etwa so hoch wie ein Taschenbuch, aber schmaler, und mit einem ansprechenden, in Burgunderrot bis Rostbraun gehaltenen Pappeinband, in den ein wenig bekanntes Bild von Hannah Arendt hineinmontiert wurde (ein Ausschnitt aus einem 1955 in Berlin aufgenommenen Pressefoto). Als Titel liest man: Das private Adreßbuch 1951 bis 1975, und da an der Seite, wie bei Telefon- oder Adressbüchern üblich, ein Alphabet aufgedruckt ist, greift man gleich zu, um das Buch näher kennenzulernen: Vorsatz der nördliche Teil von Manhattan, Nachsatz der südliche; dann auf Seite II ein weiteres Foto von Hannah Arendt – im Paris der 1930er Jahre. Sie sitzt im Café oder in einer Wohnung vor einer Tür, im Kostüm, auf dem Kopf ein kesses Hütchen – und sie lacht (ein privates Foto, das ebenfalls zu den eher unbekannten gehört).

Neugierig geworden, blättert man, versucht die Struktur des Buches zu erkennen und findet einen Einleitungsteil, dessen Abschluss eines der bekannteren Arendt-Porträts von 1972 bildet. Darauf folgt die vollständige mimeographierte Reproduktion eines Adressbuches im Ringbuchformat mit Eintragungen von Arendts Hand – jeweils vier Blätter auf einer Buchseite, antikisierend-sepia auf schwarzem Grund. Der Hauptteil schliesst sich an, eingeleitet von einer biographischen Notiz, danach ein sehr privates Foto, ganzseitig – ein Urlaubsschnappschuss. Er zeigt, von unten nach oben fotografiert, Hannah Arendt in voller Grösse im Badeanzug mit über die Schultern gehängtem Bademantel.

Schliesslich beginnt mit dem Namen „Chanan Ayalti“ auf Seite 57 das kommentierte Adressbuch, es endet mit „Helene Zylberberg“ auf Seite 232. Beim Durchblättern entdeckt man weitere Fotos: Blücher (stehend) zwischen Hannah Arendt und Charlotte Beradt (beide sitzend), ebenfalls ein Urlaubsfoto, Arendt mit Käte Fürst sowie Julie Braun-Vogelstein (und Begleiterin) 1955 in Griechenland, Heidegger privat in einer Mischung aus T- und Polo-Shirt (eine Aufnahme, über die mitgeteilt wird, Arendt habe sie 1970 in Freiburg gemacht – ob das wohl stimmt?), Jaspers auf dem Sofa liegend, Mary McCarthy „smiling“, das bekannte Foto vom Ehepaar Stern–Arendt (er über sie hinweg in die Ferne schauend), Anne Weil-Mendelssohn lesend in Arendts New Yorker Wohnung, als sie nach Blüchers Tod die Freundin für längere Zeit besuchte. Am Schluss dann noch eine Bildseite, diesmal zweigeteilt (Blücher in der Hängematte und das bekannte Foto der beiden Blüchers [er mit Pfeife] aus den 1950iger Jahren). Es folgt das Register, das mit der richtigen alphabetischen Reihenfolge der insgesamt wahrscheinlich mehr als 500 Namen das Adressbuch überhaupt erst systematisch erschließt; denn die Kommentare im Hauptteil übernehmen die Reihenfolge der Namen, wie sie Arendt unter den einzelnen Buchstaben eingetragen hat. Kurz: Ein mit viel Überlegung und Liebe gestaltetes Bändchen.

Und warum sollte nicht Arendts Adressbuch veröffentlicht und kommentiert werden? Christine Fischer-Defoy hat schon mehrere Adressbücher – überwiegend mit dem Zusatz „privat“ versehen – herausgegeben: Paul Hindemith (1999). Marlene Dietrich (2003), Walter Benjamin (2006), Heinrich Mann (2006). Ihrem Unternehmen legt sie ein Konzept zugrunde, mit dem sie – inspiriert von Paul Auster – jeweils ein „portrait in absentia“ zeichnen will.

Das veröffentlichte Arendt-Adressbuch wird als „zweites überliefertes“, in der Library of Congress in Washington aufbewahrtes beschrieben. Fischer-Defoy meint, dass es 1950 angelegt wurde, als sein Vorläufer verloren ging, und sie schreibt, das „erste überlieferte“ enthalte „nur wenige Einträge“ und sei schon bald durch dieses „umfangreichere neue“ ersetzt worden. Von ihm nun behauptet sie (siehe den Titel), Hannah Arendt habe es von 1951 bis 1975 benutzt. Dem steht die von der Rezensentin eingeholte mündliche Auskunft der Ex-Verwalterin des Arendt-Nachlasses, Lotte Köhler, entgegen, Hannah Arendt habe in den letzten Lebensjahren ein Adressbuch gehabt, dessen Einträge nicht von ihrer eigenen Hand, sondern von der (gut leserlichen) ihrer Sekretärin Ingrid Scheidt stammen. Lotte Köhler meint, dass auch dieses Adressbuch der Library of Congress übergeben wurde, es ist aber in den „Hannah Arendt Papers“ nicht verzeichnet.

Auch wenn die Herausgeberin diesen Befund offenbar nicht kannte, Zeichen an der Wand hätte sie wahrnehmen können. Wer den Faksimile-Nachdruck des Originals genau betrachtet, registriert eine durchgehende Auffälligkeit, die der Herausgeberin keinen Kommentar wert ist: Haken, offenbar in Blei, vor oder hinter den einzelnen Namen – Haken, wie man sie üblicherweise macht, wenn man sich (oder einem anderen) anzeigt, dass ein Arbeitsgang erledigt wurde oder zu erledigen ist. Was haben diese Haken zu bedeuten? Von wessen Hand sind sie, könnten sie sein? Könnten sie anzeigen, dass die entsprechenden Einträge in ein neues Adressbuch übertragen wurden? Sie tauchen bei den offenbar von Arendt selbst durchgestrichenen Eintragungen ebenso auf wie bei anderen. „Gestrichen“ notiert die Herausgeberin jeweils, den Haken nicht. Wie kam sie zu dieser editorischen Entscheidung? Und was bedeutet es, wenn Name/Anschrift durchgestrichen sind? Nur ein Beispiel: die Jugendfreundin Anne Weil, geb. Mendelssohn. Mit ihr stand Hannah Arendt bis zum Lebensende in Verbindung, Anne besuchte die Freundin ein letztes Mal 1975 in Tegna einige Monate vor deren Tod. Das Adressbuch enthält eine gestrichene Brüsseler Anschrift (die Fischer-Defoy nicht kommentiert, wie überhaupt die mitgeteilten biographischen Details in diesem Fall unbefriedigend sind), und für Anne Weils Mann, den Philosophen Eric Weil, der seit 1968 in Nizza lehrte (wo er auch, wie angegeben, starb), ist eine gestrichene Anschrift in Lille (wo er zuvor Professor war) verzeichnet. Beide Namen sind mit Haken versehen, beide Adressen dürften schon ab Ende der 1960er Jahre nicht mehr gültig gewesen sein. Editorische Umsicht also ist nicht unbedingt die Sache der Herausgeberin, und offenbar hat sie bei ihren Recherchen weder Lotte Köhler noch Ingrid Scheidt befragt.

Das eigene Projekt ebenso unbedacht wie pathetisch überschätzend, erklärt Fischer-Defoy denn auch in ihrem Vorwort: „Das Adreßbuch ist ein Who is who der amerikanischen (einschließlich der aus Europa emigrierten) und der europäischen Intelligenz der 1950er bis 1970er Jahre. Aus der Fülle dieser persönlichen, beruflichen und politischen Kontakte, die oft in lebhaften Briefwechseln oder ungeschminkten Kommentaren überliefert sind, entsteht das Porträt in absentia einer Frau, die nicht nur ‚ohne Geländer denken’ wollte, sondern ebenso kompromisslos leben, streiten und lieben.“ Im weiteren Verlauf des Vorworts erfährt der Leser. charmant erzählt, einiges Zutreffendes, viel Halbrichtiges und dann auch Falsches über Hannah Arendts Leben und die Freunde/Bekannten, die es begleitet haben. Weitgehend ausgeblendet bleibt Arendts Werk. In der an das Vorwort sich anschliessenden „biographischen Notiz“ (S. 54-55) werden nur die Dissertation und das Eichmannbuch erwähnt. (NB: Nicht einmal im Kommentar zum Eintrag „Harcourt Brace“, S. 122, wird The Origins of Totalitarianism genannt, dafür mit falscher Jahresangabe bei „Meridian Books“.) Stattdessen sind Reisedaten umfänglich aufgeführt. Man fragt sich: Was hat Hannah Arendt wohl getan, wenn sie nicht auf Reisen gewesen ist? Aus welchen Gründen hat sie die vielen (Europa-)Reisen unternommen? Wie, womit hat sie sich das Etikett „große Denkerin des 20. Jahrhunderts“ (S. 2) erworben?

Unter den im Adressbuch berücksichtigten Personen wird eine Gruppe besonders hervorgehoben: „110 nachweislich aus Deutschland oder Österreich emigriert“. Hier spricht die Exilforscherin Fischer-Defoy, die ihren biographischen Kommentaren die jeweiligen Ausbürgerungsdaten als festen Bestandteil eingefügt hat. Ferner notiert Fischer-Defoy fehlende Namen, u.a. die von Jerome Kohn und Elisabeth Young-Bruehl (wobei ihr nicht der Gedanke kommt, das könnte darauf zurückzuführen sein, dass dieses Adressbuch eben nicht bis 1975 benutzt wurde). Dann wird eine Kategorie von Adressaten beschrieben, die eher dem „business“ zuzuordnen sind: „20 eingetragene Universitäten“ und Institutionen wie der Congress for Cultural Freedom, das Leo Baeck Institute etc., womit die These vom „privaten“ Adressbuch eigentlich erklärungsbedürftig wird. Doch eine Erläuterung sucht man vergebens.

Erkennbar dagegen wird, schon im Vorwort, dass sich Fischer-Defoy im Zuge ihrer Recherchen viel Kenntnisse über Arendt angeeignet hat. Ihre Hauptquellen sind, wie sie angibt (S. 240), die veröffentlichten Briefwechsel mit Jaspers, McCarthy, Blumenfeld, Blücher, Broch, Johnson (es fehlt Heidegger), aber sie stützt sich auch auf unveröffentlichte Korrespondenzen, die im Nachlass in der Library of Congress, teilweise auch im Internet, zugänglich sind (als Kopien im Hannah Arendt-Zentrum an der Universität Oldenburg). Aus diesem „Schatz“ bedient sie sich in ihren Erläuterungen zu den einzelnen Namenseinträgen. Dabei gelingt ihr immer wieder auch eine gute, treffende und nicht nur Nebensächliches, allzu Privates ausbreitende Zitatauswahl (weniger erfreulich ihre eigenen Übersetzungen der englischen Zitate). Und der „lebhaften“ Briefschreiberin Hannah Arendt, die die jeweilige Partnerin, den Partner mit der ihr eigenen Gegenwärtigkeit anspricht – ihrer wunderbaren Art, schreibend „in praesentia“ sein zu können, ist es zu danken, dass ein farbenfrohes und für diejenigen, die Lust auf „finger food“ haben, passagenweise mit Genuss zu lesendes Buch entstanden ist.

Aber, aber, aber! Es gibt ein vertracktes Zuverlässigkeitsproblem. Dies sei hier an den zufällig ausgewählten Einträgen zu „Jaensch, Hella“ und „Jaensch, Fritz“ (S. 139 und 141) etwas genauer beschrieben – an zwei Fällen, an denen Fehler nachgewiesen werden können, nur indem man die von Fischer-Defoy benutzten Quellen genau liest. (NB: Grosse „Hämmer“ an Fehlern gibt es auch, etwa bei Richard Löwenthal, der mit Leo L., „Horkheimer-Clique“, verwechselt und Arendts „Ex-Kommunisten“ zugeschlagen wird; aber sie sind hier weniger relevant, weil sie meist schnell ins Auge fallen.)

Von Hella Jaensch (Geburts-/Todesdaten fehlen) wird behauptet, dass Arendt sie in den 1930er Jahren über ihre Arbeit in der Jugend-Alijah in Paris kennen lernte. Dem steht entgegen, dass Arendt im Brief vom 12. Juni 1965 schreibt: „Hellaschen, es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als man uns in Königsberg beigebracht hat.“ War Hella Jaensch, wie Elisabeth Young-Bruehl schreibt, eine Klassenkameradin? Weiterhin: In dem Schreiben an die Ludwig-Vogelstein-Stiftung, das Arendt am 28. September 1967 formuliert und in dem sie, von der Herausgeberin korrekt zitiert, das Kriegs- und  Nachkriegsschicksal von Hella Jaensch schildert, hat sie nicht um ein Stipendium für die Freundin, sondern für deren Sohn Fritz nachgesucht. Fritz Jaensch nun hatte Arendt nicht 1950 kennengelernt, sondern erst 1952 – siehe Brief an Blücher vom 6.6.52, aus dem die Herausgeberin wörtlich zitiert. Hella Jaensch dagegen traf sie im März 1950 in Wiesbaden wieder, von wo aus sie sie „auf ein paar Stunden Eisenbahnfahrt“ mitnehmen wollte (Brief an Blücher, 9.3.50). Von Fritz Jaensch heisst es, dass er 1955 „zu Hannah Arendt nach New York [kam] und [...] von dort aus als Landwirt auf eine Farm [ging]“. Hier nun steht die zutreffende Information über die Einschaltung der Vogelstein Foundation im Jahre 1967, die ihm ein Lehrerstudium ermöglichte. Aber der Leser fragt sich natürlich, was aus ihm oder auch aus Hella Jaensch (von der Young-Bruehl in ihrer Arendt-Biographie berichtet, sie habe Arendt noch 1974 in Tegna besucht) geworden ist. Ausserdem hält es die Herausgeberin nicht für nötig, darauf hinzuweisen, dass Arendt dem von ihr so sehr geschätzten Fritz erst einmal gehörig die Leviten liest, bevor sie das Gutachten schreibt: „Und mach Dir klar: Es geht diesmal wirklich um die Wurst – um Dein und Deiner Familie ganzes weiteres Leben!“

Mängel an lexikalischer Zuverlässigkeit und Vollständigkeit lassen sich durch noch soviel offensichtlichen Fleiss, noch so schöne, vielfach mit gutem Gespür ausgewählte Zitate, eine ansprechende Gestaltung und „Verpackung“ nicht ausgleichen. Als Nachschlagewerk ist diese Veröffentlichung nur für diejenigen brauchbar, die aus der Erfahrung Wikipedia gelernt haben – die also wissen, dass sie sich auf das als Faktum Mitgeteilte nicht verlassen können, dass sie nachprüfen, die zitierten Quellen genau lesen sowie weitere Materialien hinzuziehen müssen, wenn sie sicher gehen wollen, dass die Daten, die ihnen mitgeteilt werden, auch wirklich stimmen. Mit anderen Worten: Das Büchlein liegt voll im Trend unserer globalisiert-verwilderten Wissenskultur.

Andererseits besteht kein Zweifel, dass die Idee der Herausgeberin originell, ihre Verwirklichung sinnvoll ist. Doch angesichts der zum Projekt gehörenden Datenmengen ist das, was Christine Fischer-Defoy sich vorgenommen hat, kaum von einer Einzelkämpferin zu bewältigen, sondern nur mit vielen Kräften. Eine Stelle der Arendt-Forschung und –Pflege wäre dazu geeignet gewesen. Wenn, ja wenn es denn nur eine solche Einrichtung mit der erforderlichen Ausstattung gäbe!

 

Ursula Ludz

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