Ausgabe 1, Band 4 – Mai 2008

Auch der Philosoph ist ein Liebhaber Gottes

 

„Warum war Augustinus Hannah Arendts Lieblingsphilosoph?“, war das Thema eines Gesprächs, zu dem das Haus am Dom in Frankfurt am Main Otto Kallscheuer und Ingeborg Nordmann eingeladen hatte. Es ist ja kein Geheimnis, dass Arendt, nachdem sie sich in ihrer Dissertation von 1928 intensiv mit dem Liebesbegriff Augustins auseinandergesetzt hatte, immer wieder auf Augustin zurückgekommen ist. So in den „Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft“, in der „Vita activa“, in ihrer Schrift über die Revolution und schließlich in ihrem letzten Werk „Vom Leben des Geistes. Das Wollen“, in dem sie Augustinus gegenüber Heidegger ins positive Licht rückt. Nicht zu vergessen auch, dass sie Augustinus’ „Initium ut esset, creatus est homo“ (De civitate, XII.20) und Kants Vermögen, „eine Reihe von vorn anzufangen“ immer im Zusammenhang zitiert. Ohne Zweifel hat Arendt Augustinus zu ihrem Zeitgenossen gemacht. Und nicht nur sie allein – Augustinus war in den 20er Jahren ein Geheimtipp bei Philosophen und dialektischen Theologen, und das hatte seinen Grund darin, dass er als ein Philosoph der Krise wahrgenommen wurde. Doch worin liegen die Entsprechungen zwischen Augustinus und Arendt? Was macht sie zu Dialogpartnern? An drei Fragestellungen wurde versucht, das komplexe und komplizierte Ineinander von Entsprechung und Distanz zu thematisieren: am Beispiel des Liebesbegriffs, der Willensfreiheit und der Natalität.

Arendt interessiert sich vor allem für den Philosophen. Das heißt aber nicht, dass sie die Auswirkungen des Glaubens auf das philosophische Fragen und vice versa ausklammert. Im Gegenteil: ihre Aufmerksamkeit wird nicht nur gefesselt durch die Art und Weise, wie Augustinus philosophische Konsequenzen aus seinem christlichen Glauben zieht. Sondern der Glaube vermittelt den Fragen eine ganz spezifische Intensität. Das „quaestio mihi factus sum“ (Confessiones IV, 4.9), ich bin mir zur Frage geworden, kann eigentlich nie stillgestellt werden, weder durch ein philosophisches System noch durch ein kirchliches Dogma, wie wir es in den späten Schriften Augustins finden, zum Beispiel in den „Retractiones“ oder in den Kampfschriften gegen andere christliche Strömungen, die Donatisten und Pelegeaner. Der Glaube ist für Arendt folglich nicht ein auszusortierendes Element, um den reinen Philosophen sichtbar werden zu lassen. Interessant ist vielmehr das Aufeinandertreffen von Glauben und Philosophie, erst diese Konstellation bewirkt, dass Augustinus von Erfahrungen ausgeht und sie phänomenologisch beschreibt, dass er kein systematischer Denker wird, aber auch kein religiöser Dogmatiker sans phrase, dass er die Widersprüche nicht in eine Lösung hineinzwingt, sondern sie stehen lässt, so dass sie zu Wegweisern zu den Realitäten werden können, die hinter ihnen stehen.

Als durchgängige kritische Haltung Arendts gegenüber Augustinus wurde herausgestellt, dass er die konkrete und vielfältige Welthaftigkeit der Menschen außer acht lässt zugunsten einer abstrakten Gleichheit, die jeder Mensch als Geschöpf Gottes verkörpert, insbesondere am Begriff der Nächstenliebe: „Im appetitus liebt der Mensch nur sich selbst, im Urspungsbezug liebt er nur die Liebe. Liebt er je seinen Nächsten?“ (Denktagebuch, 649) Doch dabei bleibt Arendt nicht stehen. Gegen einen sich nur an der Intentionalität orientierenden, durch Vernunft und Aufklärung pädagogisierten Begriff von Liebe betont sie die Unverfügbarkeit von Liebe. Und an diesem Punkt kommt die Gottesliebe Augustins ins Spiel, die ein Geschenk der Gnade ist und kein Preis für tugendhaftes Verhalten. Augustin ist als Grenzgänger zwischen Philosophie und Glauben viel mehr an Erfahrungen interessiert als der Philosoph von Profession, für den Erfahrungen immer auch eine Bedrohung darstellen, gerade weil es für ihn nur eine säkulare Lösung der Widersprüche geben kann und das trostlose Ungefähr der Geschichte ihn ständig eines Besseren belehrt. Die Gewissheit des Glaubens andererseits, nach der allein die Gnade Gottes wirklich ist, führt bei Augustinus dazu, den Eigenwert konkreter Individualität und der Pluralität des Zwischenmenschlichen zu vernachlässigen.

Dennoch ist es dieses Grenzgängertum, das Augustinus befähigt, in seinen Reflexionen über den Willen der Kontingenz, die diesem Vermögen unabtrennbar inhärent ist, nicht auszuweichen und über Paulus’ Römerbrief hinaus, dem er die entscheidende Anregung verdankt, den Willen in die Freiheit zu entlassen. Nicht mehr der Zwiespalt zwischen Körper und Geist, der den Willen an die Kette der menschlichen Natur legt, führt zum unlösbaren Hin- und Hergerissensein des Willens, sondern der innere Zwiespalt des Willens selbst. Die sich hieraus ergebenden Gedankenexperimente Augustins bieten Arendt ein Spektrum an Denkmöglichkeiten, um nun ihrerseits die spezifischen Fähigkeiten und wechselseitigen Beziehungen des Denkens, Wollens und Urteilens zu differenzieren. Augustinus’ „De trinitate“ und Arendts „Leben des Geistes“ stehen in dieser vielschichtigen Beziehung von Entsprechung und Differenz, die es noch zu entdecken gilt. Und das trifft auch auf Augustins “Gottesstaat“ zu, der der menschlichen Welt nicht einfach nur gegenüber gestellt wird, sondern beide sind „verworren und wechselseitig miteinander vermischt“ (De Civitate, 10.32). Dadurch wird der geschichtlichen Existenz des Menschen mehr Bedeutung zuerkannt, als es das Schema der Gegenüberstellung eigentlich zulässt, so dass es zu dem für Arendt entscheidenden Gedanken kommt: „Initium ut esset, creatus est homo“ – damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen. Was diesem Gedanken Sprengkraft verleiht, ist weniger, das Augustin gegen die zyklische Zeitvorstellung der Antike die lineare Zeit menschlichen Daseins hervorhebt. Worauf Augustin hier zielt, ist die Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit individueller Existenz, jeder Mensch ist ein Anfang, vor dem es niemand gab. Es scheint so, als wäre für Arendt die Natalität die Matrix, der die Begegnung zwischen Göttlichem und Menschlichem eingeschrieben ist, so wenigstens interpretiert sie Augustin, wenn sie hervorhebt, dass mit der Geburt nicht nur die schuldhafte Verstrickung von Generation zu Generation weiter gegeben wird, sondern auch etwas Neues  beginnt, das unvorhersehbar ist. Während für Augustinus die Einzigartigkeit dieses Anfangs nur der Anlass ist, um auf das wahre Leben in der Zusammengehörigkeit mit Gott hinzuführen, das über das innerweltliche hinaus weist, versucht Arendt die mit der Natalität sich ankündigende Möglichkeit, den Sinn des Lebens hier und jetzt offen zu halten und zu erneuern, politisch zu wenden. Ihr Gedankenexperiment besteht darin, die Geburt, deren Sinn der Anfang ist, und das Politische, dessen Sinn die Freiheit ist, zusammen zu denken. Für dieses Vorhaben interessiert Arendt der paradoxe Grenzgänger Augustinus, der die Leidenschaft des Denkens und die Leidenschaft des Glaubens erfahren hat. Weil er an beidem festgehalten hat, wird er für Arendt zu einer nicht versiegenden Inspirationsquelle für ihr Denken der Unterscheidungen, das nicht darauf aus ist, das eine durch das andere zu ersetzen, sondern ihre jeweilige Eigenart zu verstehen, und die Orte zu benennen, an denen sie sich begegnen können.

Die Gespräche über Augustinus gehen weiter.

Unter dem Titel "Warum Augustinus lesen?" finden im Haus am Dom, Frankfurt am Main, Domplatz 3, am Mittwoch, 1. Oktober, 19.30 Uhr und am Mittwoch, 19. November, 19.30 zwei weitere Veranstaltungen statt mit Prof. Dr. Johannes Brachtendorf, Tübingen, Dr. Dr. habil Christof Müller, Würzburg und Dr. Otto Kallscheuer, Haus am Dom. Info: tel. 069-800 8718-400 oder www.hausamdom-frankfurt.de

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