Ausgabe 1, Band 4 – Mai 2008

Eine erste umfassende Studie über den Nationalsozialisten Richard Harder

 

In Hannah Arendts Nachlass in der Library of Congress befinden sich die seinerzeit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienene Todesanzeige von Richard Harder (Klassischer Philologe, Professor an der Universität Münster; * Tetenbüll 19.1.1896 † Zürich 4.9.1957) sowie ein Handschreiben von Harder an Arendt, datiert Possenhofen Obb. 23.12.56: „Liebe Frau Blücher [...] Es war eine grosse Freude für mich, ich möchte sagen eine Lebensfreude, dass und wie Sie mir wieder begegneten.“ Über diese Wiederbegegnung in Münster hatte Hannah Arendt ihrem Mann im Brief vom 5. November 1956 mitgeteilt: „Vorgestern und auch gestern Harder – der mein Buch [Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft] genauer kennt als ich selbst, ganz verschlossen ist und sich offenbar seit vielen Jahren damit beschäftigt, sich ganz systematisch zu bestrafen.“

Die Hintergründe der für Harder wie Arendt denkwürdigen Wiederbegegnung werden deutlich, wenn man die kürzlich erschienene Studie von Gerhard Schott zur Kenntnis nimmt. Auf der Grundlage umfangreicher Archivarbeit (u.a. auch der Auswertung der Personalakte Richard Harder im Universitätsarchiv München) zeichnet der Verfasser Harders NS-Karriere nach – seineTätigkeiten als Herausgeber der Zeitschrift Gnomon, als Hochschullehrer und Direktor des (vom Amt Rosenberg errichteten) Instituts für Indogermanische Geistesgeschichte. Er untersucht ferner dessen Veröffentlichungen nach 1933 auf ihren nationalsozialistischen Gehalt hin und schildert Harders Schicksal nach 1945. Der genaue Titel der reichhaltig dokumentierten Abhandlung lautet: „Richard Harder, Klassischer Philologe, erster Interpret der Flugblätter der ‚Weißen Rose’ und das ‚Institut für Indogermanische Geistesgeschichte’“, sie ist veröffentlicht in dem von Elisabeth Kraus herausgegebenen Band Die Universität München im Dritten Reich. Aufsätze, Teil II (München: Herbert Utz Verlag, 2008, dort S. 413-500).

Bei Harder hatte Hannah Arendt Griechisch gelernt, doch wahrscheinlich nicht, wie in Benno von Wieses Erinnerungen zu lesen ist, in Königsberg, sondern, wie Schott aufgrund von Harders Biographie rekonstruiert, in Berlin, als die vom Königsberger Gymnasium Relegierte dort an der Universität Vorlesungen und Übungen besuchte. Später in Heidelberg ist sie vermutlich als Doktorandin erneut mit ihm zusammengetroffen (Harder gehörte zum Freundeskreis Benno von Wieses), und auch in Königsberg, wo Harder 1929/1930 an der Universität lehrte, könnte sie ihn wiedergesehen haben.

Schott gelingt eine ausgewogene Würdigung des Gelehrten Harder und seiner Tätigkeit insbesondere in den Jahren 1940 (Berufung nach München) bis 1945. Dabei kann er auch die eine oder andere Einzelheit in der Biographie Harders (Mitglied der NSDAP seit 1937, vorher u.a. Mitglied der SA) richtigstellen, z.B. die, dass Harder der SS angehört habe. Laut einer mündlichen Mitteilung von Harders Tochter Taalke (die ihrerseits von Wiese befragt hatte), habe Benno von Wiese diese falsche Behauptung von Hannah Arendt übernommen und weiter verbreitet (S. 478, Anm. 261).

Im Anhang der Studie werden einige einschlägige Dokumente abgedruckt, u.a. auch Harders im Nachlass in der Bayerischen Staatsbibliothek erhaltene „Selbsterklärung“ vom November 1949 (S. 495-497): „Was fehlgetan ist, will ich nicht nachträglich beschönigen. Mein Paktieren mit dem Nationalsozialismus war sachlich falsch.“ Auch wenn nicht anzunehmen ist, dass Hannah Arendt dieses Dokument kannte, so wissen wir doch, dass sie von Harders Umgang mit seiner NS-Vergangenheit nachhaltig beeindruckt war. Fast zwanzig Jahre nach dessen Tod wird sie, allerdings ohne Namensnennung, an Uwe Johnson (Brief vom 17. September 1974) schreiben: „Was nun Ihren Freund, den Halbjuden, betrifft, so hat mich das wieder an diese ganze vertrackte Geschichte erinnert. Dass einen das immer noch plagt! Ich hatte einen Freund, klassischer Philologe, der in der SS [sic] war und daneben, ich glaube, ein Dutzend jüdische Familien versteckt hielt. Er war dann, als die ganze Geschichte zusammengebrochen war, der einzige von allen, die ich kenne, der [...] sich selber die ganze Sache nie hat verzeihen können. Er ist tot, hat auf eine ziemlich vertrackte Weise eigentlich Selbstmord begangen.“ – ulu

 

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