Ausgabe 1, Band 4 – Mai 2008

Benno v. Wiese: Briefwechsel Hannah Arendt - Benno von Wiese in Auszügen erschienen

Marie Luise Knott

 

Klaus Dieter Rossade, „Dem Zeitgeist erlegen. Benno von Wiese und der Nationalsozialismus“, Heidelberg 2007.

Am 17. 10. 1953 schreibt Benno von Wiese an Hannah Arendt: „Ich weiß zwar durch Hugo Friedrich, dass Du von mir nicht mehr viel wissen willst, aber ich schreibe Dir trotzdem, da ich finde, Du solltest Dich mit mir wieder aussöhnen, wie es auch Richard Alewyn inzwischen vollkommen getan hat. [...] willst Du wirklich jede mögliche ‚Kommunikation’ zwischen uns für immer unterbinden?“ Als P.S. fügt er hinzu: „Findest Du, dass es Heidegger mehr verdient hat, mit Dir wieder zusammenzutreffen als ich?“ Hannah Arendt antwortet, die ehemaligen Freunde und Studienkollegen  treffen sich, als von Wiese Mitte der 1950er Jahre in Amerika unterrichtet, Briefe wechseln hin und her.

Dann, 1964, im Rahmen der ersten größeren bundesdeutschen Kontroverse um die Rolle der Wissenschaft im Nationalsozialismus, gerät auch die NS-Vergangenheit der Germanistik ins Gespräch – nicht zuletzt durch zahlreiche Veröffentlichungen in der „Zeit“, wie Rossade ausführlich berichtet und dokumentiert. In diesem Zusammenhang steht auch die  (von Rossade minutiös recherchierte) NS-Vergangenheit Benno von Wieses zur Debatte, der seit Anfang der 1960er Jahre im Germanistenverband aktiv tätig ist und 1965 dessen Vorsitzender wird. Von Wiese war seit 1933 Parteimitglied der NSDAP, ab 1936 Extraordinarius, während des Krieges lange Zeit uk (unabkömmlich) gestellt. Nach seiner „Entnazifizierung“ hatte er seine Laufbahn als Germanist fortsetzen können. In seinem Artikel „Bemerkungen zur ‚unbewältigten Vergangenheit’“, der am 25. Dezember 1964 in „Die Zeit“ erschien, übergeht er seine eigene konkrete Geschichte und äußert allgemeine Schuld und Verteidigungssätze („Niemand gibt gern zu, dass er einmal falsch gedacht oder sogar falsch gehandelt hat. [...] Die Vergangenheit erinnern [...] kann doch wohl  nicht heißen, dass eine ganze Generation, die inzwischen seit Jahrzehnten öffentlich tätig ist, nunmehr an den Pranger gestellt werden soll.“)

Aufgrund dieses Textes, auf den von Wiese Hannah Arendt hatte hinweisen lassen, entspinnt sich eine kurze heftige Kontroverse (drei Briefe), die mitsamt des Zeit-Essays in obigem Band abgedruckt ist. Am 3. Februar 1965 wendet sich Arendt an von Wiese. Dabei reagiert sie vor allem auf seine Bemerkung, er sei  1933 „dem Einfluss eines verhängnisvollen Zeitgeistes [...] erlegen“.  Ihre Antwort konzentriert sich auf eine ganz konkrete Tat (oder besser Untat) - nicht auf seinen Parteieintritt im April 1933, sondern auf seine öffentliche Forderung nach der „Entfernung des fremden Blutes“ von den Universitäten (gleichfalls 1933). Dies zu fordern - ein ganz konkreter antisemitischer Angriff! – hatte 1933 nichts damit zu tun, wie sie argumentiert, dass er „dem Zeitgeist“ erlegen war, sondern, wie sie unumwunden mutmaßt, der Angst um seine Karriere. Sie fordert ihn deshalb nachdrücklich auf, er solle sich schon um der nachfolgenden Generationen Willen wahrhaftiger mit der eigenen Geschichte beschäftigen, statt in pauschale Sätze auszuweichen. Von Wiese interpretiert Arendts Kritik in seiner brieflichen Antwort als „Missdeutungen“.

Im zweiten Brief, geschrieben am 19. Februar 1965, lacht Arendt darüber, dass sich Benno von Wiese über ihre Reaktion entsetzt: „Wenn Du schreibst, Wir sind dem Zeitgeist erlegen, so klingt das sehr schön, wenn man vergisst, dass Hitler, der wie ein Heiratsschwindler aussah und nicht wie Napoleon, den Zeitgeist verkörperte.“

Der Briefwechsel dokumentiert auf seine Weise sowohl die damals verbreitete Unfähigkeit zu reden, als auch die Möglichkeit eines unabhängigen Urteilens. Am Titel erkennt man, dass Klaus Dieter Rossade dieser Auseinandersetzung zwischen Hannah Arendt und Benno von Wiese eine Schlüsselrolle zuweist. Sie ist es, die in seinem Buch die Aspekte der ganzen Geschichte zu bündeln vermag.

 

Die Briefe von Hannah Arendt und Benno von Wiese befinden sich im Hannah Arendt Nachlass in der  Library of Congress in Washington( Container 15). Die in dem genannten Band abgedruckten Briefe sind auch online verfügbar: http://memory.loc.gov/cgi-bin/query/P?mharendt:1:./temp/~ammem_nECe::

 

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