Ausgabe 1, Band 4– Mai 2008

„Mir ist der Ausdruck ‚europäisches Denken’ verdächtig.“

Hannah Arendt auf dem Internationalen Kulturkritikerkongress 1958 in München

 

In Ergänzung zu dem Artikel „L’Invention d’une politique non souveraine: Arendt et l’espoir européen“ von Jean-Claude Poizat (siehe unter „Articles” in dieser Nummer) dokumentieren wir hiermit einen wenig bekannten Diskussionsbeitrag von Hannah Arendt zum Thema „Europa“. Auf dem Ersten Internationalen Kulturkritikerkongreß, der aus Anlaß der 800-Jahrfeier der Stadt München dort 1958 stattfand und auf dem Hannah Arendt ihren Vortrag „Kultur und Politik“ hielt, hat sie sich u.a. auch in der Diskussion zum Referat von Walter Muschg „Dichtung und Kultur“ geäussert. Ihre Bemerkungen sind abgedruckt in: Untergang oder Übergang: 1. Internationaler Kulturkritikerkongreß in München – 1958 [hrsg. von Alfred Marchionini], o.O. [München]: Werk-Verlag Dr. Edmund Banaschewski, o.J. [1959], S. 183-186. Sie werden hiermit erstmals ins Netz gestellt, die Überschrift stammt von der Redaktion.

Ich bin Ihren Ausführungen mit großem Interesse gefolgt und habe Ihnen im wesentlichen zugestimmt; aber mit den Dingen, die Sie am Schluß über Europa sagten, kann ich nicht gut einverstanden sein. Bevor ich dazu komme, möchte ich noch betonen, wie dankbar wir Ihnen für Ihre Schilderung der eigentümlichen Vergreisung und Provinzialisierung der deutschen Literatur sein müssen.

Ich komme von der politischen Wissenschaft her, und sobald die Diskussion hier politische Dinge berührt, rührt sie gewissermaßen an meinen Beruf. So ist es mit dem Begriff Europa. Sie definierten Europa als einen geistigen Begriff, den Sie dann gegen die beiden großen Mächte, Amerika und Sowjetrußland, abgrenzten, wobei es so aussah, als sollten die beiden Großmächte sich gleichsam in der Luft über Europa bekämpfen. Europa erschien bei Ihnen wie ein Bereich des Geistes, der den politischen Mächten entgegensteht, und Sie sprachen in diesem Zusammenhang von einem „europäischen Denken“, das Sie dann wiederum mit allen möglichen Arten zu denken identifizierten.

Mir ist der Ausdruck „europäisches Denken“ verdächtig. Ich habe seit Jahren einen Verdacht gegen das Europa-Ideal, nämlich daß es uns in einen europäischen Nationalismus hineinführen kann, und zwar gerade dann, wenn man Europa als einen geistigen, so oder anders fest definierten Begriff gegen Amerika einerseits und Rußland andererseits abgrenzt. Wenn das Wort ‚europäisches Denken’ fällt, fällt mir das sogenannte ‚deutsche Denken’ ein, das wir ja alle nur zu gut kennen oder gekannt haben. Aus diesem Grunde möchte ich gerade gegen einen geistigen Begriff Europas protestieren. Hingegen scheint mir das, was Sie für ausgeschlossen hielten, nämlich daß Europa noch einmal ein politischer Faktor ersten Ranges werden könnte, keineswegs unmöglich. Auf keinen Fall aber, scheint mir, kann Europa aus dem ‚Geistigen‘ eine Art europäischer Spezialität machen, dann würde dieser Geist in der Tat sofort alle Substanz verlieren. Unsere Angst heute ist doch, daß Europa den Weg der untergehenden griechischen Welt gehen könnte, daß es aus seiner nationalstaatlichen Organisation so wenig einen Ausweg findet wie die Spätantike aus der Organisation der Stadtstaaten. Aber diese Furcht braucht sich nicht zu realisieren. Europa könnte zu einem politischen Begriff werden und würde dann eine politische Macht ersten Ranges darstellen. Dies ist eine konkrete Möglichkeit, und wenn Sie meinen, ich träume, so würde ich sagen, ich träume zumindest im Rahmen echter Möglichkeiten.

Mein zweiter Einwand betrifft das uns ja allen seit langem bekannte Schema, demzufolge Europa von Amerika und Rußland gleichsam eingekreist ist und daher nur „amerikanisch“ oder „kosakisch“ werden könne. Dies Schema entspricht keineswegs den Tatsachen. Amerika ist ja vor allem eine europäische Siedlung, und als solche die modernste; so wie der ungeheure Auswandererstrom aus Europa durch Jahrhunderte hindurch sich über den Atlantik auf den nordamerikanischen Kontinent ergossen hat, so ist der Atlantik heute die Brücke, über die Amerika auf Europa zurückwirkt und über die Europa fortfährt, auf Amerika zu wirken.

Aber nehmen wir einmal an, daß die Abgrenzung Europas gegen sein eigenes Kolonialland zutrifft oder daß der Atlantik aus einer Brücke zu einem Abgrund wird, daß also entweder Europa sich von Amerika oder Amerika sich von Europa lossagt. Hierin sehen die meisten die größte politische Gefahr für Europa; sie glauben Europa werde dann verloren sein. Ich bin davon nicht so überzeugt. Ganz abgesehen davon, daß die neuesten Erfindungen auf dem Gebiet der Kriegstechnik die ganze Menschheit ausrotten können, werden sie vermutlich in den nächsten zwanzig Jahren alle unsere Vorstellungen von Macht über den Haufen werfen. Wenn erst der Prinz von Monaco seine 12 Atombomben besitzt, wird ihn nichts daran hindern, Weltpolitik zu treiben, als Vernunft, mit der wir bekanntlich in der Politik nicht allzu reichlich gesegnet sind. Aber damit hat es noch eine gute Weile, und was mich hier interessiert, ist die Frage: Was würde denn aus Amerika werden, wenn der Atlantik sich je in den Abgrund verwandeln sollte, den uns Professor Muschg im Grunde vorschlägt? (Ich spreche hier nicht als Amerikanerin. Politisch gehöre ich natürlich zu Amerika, obwohl ich meiner Nationalität nach Jüdin bin und meiner geistigen Herkunft nach, da deutsch meine Muttersprache ist, aus Deutschland stamme.) Die Antwort scheint mir klar: Gerade für Amerika wäre es das Verderben, sicher geistig, wahrscheinlich auch politisch.

Was Rußland auf der anderen Seite anlangt, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß das Land nicht identisch ist mit der totalitären Diktatur, die es beherrscht. Eine totalitäre Herrschaft haben wir im Herzen Europas gehabt, und der Gegensatz zwischen Freiheit und totalitärer Herrschaft kann doch um Gottes willen nicht in einen Gegensatz zwischen West und Ost verwandelt werden. Die Versklavung des russischen Volkes ist nicht asiatisch, sondern ausgesprochen europäisch, und gerade die furchtbarsten Phänomene dort sind europäischer Herkunft. Ob Sie sich nach links drehen oder nach rechts, ob nach Westen oder Osten, Sie treffen im Grunde immer nur auf Europa, auf europäische Möglichkeiten. Ich kann mir gut vorstellen, daß Europa in seiner territorialen Gegebenheit noch einmal eine Macht ersten Ranges wird, und ich hoffe es. Aber gerade zu einem geistigen Begriff, wie Sie meinen, wird es, hoffe ich, nie werden; es wäre ein Unglück für Europa und sicher auch für Amerika, das ohne Europa gerade geistig nicht existieren kann.

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