Ausgabe 1, Band 3 – Mai 2007

Auf dem Atlantik bau ich mein Haus …“

Thomas Wilds Einführung zu Hannah Arendt

 

Ein glücklicher Einfall bescherte der neuen Suhrkamp-Reihe Basisbiographien den Namen „Reiseführer“ (Matthias Kross in seiner Rezension zu Joachim Schultes Wittgenstein-Biographie). Denn einerseits gewährleistet der konventionalisierte Aufbau in Leben, Werk, Wirkung ein rasches Orientierungswissen. Andererseits ermöglicht diese unverrückbare Ordnung eine Darstellungsfreiheit eigener Art: zu zeigen, wie man sich zwischen den Orten und innerhalb der Orte selbst bewegen kann. Auch die Zitate werden wie Bilder in die Seiten des Buches hineingehängt, so dass der Leser wie ein Betrachter innehalten und ihnen nachsinnen kann. Neben der beschreibenden und kommentierenden Darstellung kann auf diese Weise einem Wissen der Übergänge Raum gegeben werden, was bei einer Autorin wie Hannah Arendt, deren Leben durch Verfolgung, Flucht und Exil einer erheblichen Unruhe ausgesetzt war und deren Denken um Traditionsbruch und Neubeginn kreiste, eine produktive Herausforderung sein kann. Thomas Wild hat diese Möglichkeit zu einer komplexen Architektur ausgebaut, die wechselnde Perspektiven auf die Vorstellungen und Begriffe Arendts zulässt. Dies gelingt ihm dadurch, dass er einen zentralen Gedanken Arendts, den des Zwischen und Zwischenraums, gleich zu Beginn des Buches als Entréebillet in die Welt Arendts exponiert.

Weil Arendt sich nicht mehr an die akademischen Ordnungen gehalten hat, ist es ein verführerischer Gedanke, das Zwischen wie eine verselbständigte Metapher zu handhaben, die immer neue Bedeutungen generiert. Tatsächlich ist aber das Arendtsche Zwischen keine identifizierbare Größe und bedarf daher immer einer Zuordnung zu einem abgegrenzten Bereich, sonst wäre es gar nicht bestimmbar. Thomas Wild lässt ein derartig herumvagabundierendes Spekulieren nicht erst aufkommen. Ihm gelingt innerhalb des zur Verfügung stehenden Rahmens eine erstaunliche Präzision, indem er das Zwischen immer von einem Hier aus entfaltet. Um nur einige Beispiele zu nennen: die Lücke zwischen Vergangenheit und Zukunft als Ort des denkenden Ich ist etwas anderes als das Zwischen im politischen Raum, das verbindet und trennt, das Zwischen Anschauung und Begriff, Dichtung und Philosophie eröffnet einen anderen Fragehorizont als das Zwischen der deutschen und amerikanischen Sprache. Dass Arendt trotz eindeutiger Definitionen: Was ist Arbeiten, Herstellen, Handeln, was ist Denken, Wollen, Urteilen, immer an neuen Übergängen gearbeitet hat und mit weiteren Differenzierungen die Eindeutigkeiten wieder geöffnet hat, zeigt Thomas Wild an mehreren Stellen seiner Darstellung und leistet in aller Knappheit mehr, als die vielen Monographien, die über eine positivistische Klassifizierung der Begriffe Arendts nicht hinauskommen. Vor allem zeigt Wild, dass Arendts Sich-Entfernen von den Identitäten und Traditionen nicht in erste Linie der Sorge um das Ende der Metaphysik gilt, sondern der Sorge um die Politik. Das gibt ihren Fragen an die Philosophie eine ganze eigene Richtung, die sich sowohl von den Dekonstruktivisten als auch von der praktischen Philosophie unterscheidet.

Eine genauere Auseinandersetzung mit der Mainstream-Debatte, ob Arendt Heidegger oder Habermas zuzuordnen ist und welcher von beiden die produktivere Perspektive vermittelt, ist nicht Aufgabe einer Einführung. Die Arendt-Forschung tritt in dieser Hinsicht seit Jahren auf der Stelle. Deshalb ist es schade, dass Arendt auch in Wilds Darstellung unversehens in der Schublade des kommunikativen Handelns landet. Dennoch weist die Einführung nicht grundsätzlich in die Richtung von Habermas. Es gibt etliche Dimensionen im Denken Arendts, die noch zu entdecken sind: zum Beispiel in welcher Weise werden in ihren Texten Denken und Dichten miteinander verfugt und ist Arendts Vorstellung vom „dichterisch Denken“ bereits mit den Namen Heidegger und Benjamin hinreichend erklärt. Arendt liebt es, zwischen Denken und Dichten unterschwellige Beziehungen zu stiften, aber auch innerhalb der Philosophie selbst. Es wäre auch zu einfach anzunehmen, Arendts Denken des Traditionsbruchs würde bei einigen wenigen Namen stehen bleiben. Wild weist immer wieder darauf hin, wie Arendt versucht, ihrer Maxime zu entsprechen, jedes Mal, wenn die Situation es erfordert, „neu zu überlegen“. Die Schwierigkeit, diesen Anspruch einzulösen, besteht darin, dass dies nicht nur eine Frage des Denkens ist, sondern, wie Wild schreibt, „davon abhängt, wie wir uns in der Welt bewegen und in ihr in Erscheinung treten“. Das scheint mir der springende Punkt zu sein, der eine rein akademische Eingemeindung Arendts konterkariert.

 

Thomas Wild, Hannah Arendt. Leben, Werk, Wirkung. Suhrkamp BasisBiographie 17, Frankfurt am Main 2006

 

Ingeborg Nordmann

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