Ausgabe 1, Band 3 – Mai 2007

Elisabeth Young-Bruehl, Why Arendt Matters, New Haven-London: Yale University Press, 2006, 232 S, US $ 22.00.

 

Im Jahre 1985 veröffentlichte Elisabeth Young-Bruehl ihre Biographie Hannah Arendt – For Love of the World, die nach wie vor den Platz eines Standardwerkes der Arendt- Sekundärliteratur hält. Seit damals hat Young-Bruehl, wie sie in ihrer neuesten zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt erschienenen Veröffentlichung schreibt, ein Gespräch mit ihrer ehemaligen Lehrerin und Doktormutter geführt. Einige Früchte des Gesprächs teilt sie ihren Lesern nun mit, wobei sie an erster Stelle die jüngeren im Auge hat. Dabei ist sie sich der Gefahr, die ein solches Unterfangen in sich birgt, durchaus bewusst, nämlich die Pose anzunehmen, sie, die mit Arendt Vertraute, wisse ex cathedra, was ihre Lehrmeisterin gedacht hat beziehungsweise heute dächte, wäre sie nicht so früh (1975 im Alter von 69 Jahren) gestorben. Wenn der Dialog dennoch immer wieder darauf hinführt, Arendts Argumente zu Fragen unserer Zeit aus der Kenntnis der zu Lebzeiten geäußerten Auffassungen zu extrapolieren, so ist nichts weiter als eine natürliche Folge des gewählten Ansatzes. Um ihre Gesprächspartnerin lebendig werden zu lassen und glaubhaft zu machen, muss Young-Bruehl sich ja vorstellen, was sie gesagt beziehungsweise geschrieben hätte, wenn sie noch lebte. Aber an keiner Stelle, so wenigstens der Eindruck der Rezensentin, kommt der Verdacht auf, dass Gedanken, die aus Arendts Zeit oder von damals ins Heute fortschreibend mitgeteilt werden, sakrosankt wären beziehungsweise das Selbstdenken und repräsentative Denken ersetzen könnten.

Es ist die grundsätzliche Ausrichtung von Arendts Denken, so könnte man behaupten, die Young-Bruehl hilft, nicht in die Falle des Rechthabens und Doktrinierens zu gehen; denn sie kann an Arendts auf Aristoteles zurückgehende philosophische Haltung des Staunens (thaumazein) anknüpfen. Sie erklärt, dass sie eine Reise des Staunens und Sich-Wunderns („journey of wonder“, S. 16) vorhat, während derer sie die Erfahrungen, die sie selbst staunend und sich wundernd mit Arendt machte, vermitteln will, damit die Leser an ihr teilhaben können. Souverän schöpft sie dabei aus ihrer umfassenden Kenntnis des Werkes und des Lebens von Hannah Arendt – wie sie schon in der Biographie zum Ausdruck kam, nun aber angereichert worden ist durch Re-Lektüren und die Berücksichtigung von seit 1985 veröffentlichten Dokumenten, insbesondere des Briefwechsels Arendt-Heidegger (1998) und des Denktagebuchs (2002).

Das Buch ist nicht ohne Zorn geschrieben. Young-Bruehl will einer bestimmten Art der Vermarktung und Verballhornung Arendtscher Wortprägungen und Gedanken gegensteuern. Auch in dieser Hinsicht kann sie sich auf Arendt stützen, die klischeehaftes und/oder zu Propagandazwecken verfälschtes Denken in ihren Essays und Büchern immer wieder aufs schärfste kritisiert hatte. Zwar moderat, aber entschieden formuliert Young-Bruehl ihr entsprechendes Anliegen: „Ich will aufzeigen, wie Arendt gedacht hat, und wie sie zu den Urteilen gekommen ist, die sie sich über ihre Zeit bildete.“ (S. 14) Und das bedeutet, dass der Leser durchgängig viel über Arendts Denken und ihren Denkstil erfährt. Wesentliche im Buch immer wieder hervorgehobene Eigenheiten seien im Telegrammstil mitgeteilt. Arendts Denken, so Young-Bruehl, beginnt mit der besonderen, konkreten Erfahrung, und es ist speziell darauf gerichtet, Menschen in dem ihnen eigenen Kontext zu untersuchen. Ins Blickfeld gerät das, was neu, im Falle des Totalitarismus noch nie dagewesen („unprecedented“) ist. Es gilt, Gewohnheiten des Denkens zu erkennen, sich bewusst zu machen und zu ändern, wobei immer wieder infrage gestellt wird, ob wir wirklich Lehren aus der Vergangenheit ziehen oder durch analogisches Schlussfolgern gegenwärtige Phänomene begreifen können. Die Methode, die Arendt vor allem verwendet, besteht darin, einen bestimmten relevanten Begriff auszuwählen, ihn mit der Was-Frage genau zu untersuchen: Was ist Autorität?, Was ist Freiheit?, Was ist Politik? etc., und gegebenenfalls Idealtypen zu bilden. Eines ihrer wesentlichen Instrumente bei diesem Verfahren ist das Unterscheiden. Die „kreative Antwort“ ist gefragt. (S. 61) All dies ist Kennern des Werkes von Arendt nicht unbekannt. Doch Young-Bruehl hat es in hohem Masse internalisiert und weit ausholend „angewendet“, so dass sich ihre Darstellungen und Argumentationen durch ungewöhnliche Anschaulichkeit und Eindringlichkeit auszeichnen. Grundsätzlich würdigt sie Arendt als Philosophin und stellt fest, dass ihr in Amerika und Europa „bisher nicht die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die sie aufgrund ihrer philosophischen Schriften der letzten Lebensjahre verdient hätte“. (S. 25)

Bei der Gliederung ihres Buches orientiert sich Young-Bruehl an den drei Hauptwerken von Arendt: The Origins of Totalitarianism (Kapitel I), The Human Condition (Kapitel II) und The Life of the Mind (Kapitel III).

Im ersten Kapitel stellt die Autorin Arendts 1951 erschienene Origins als ein „field manual“ (S. 35), also ein Handbuch vor, das das Gebiet des Totalitarismus weitgehend umfasst. Als “Elemente” werden diejenigen besonders hervorgehoben, von denen die Autorin behauptet, dass sie selbst in den gefestigten Demokratien erhalten geblieben sind, wenn auch nicht in der Form, in der sie sich Mitte des 20. Jahrhunderts zeigten. (S. 46) Das sind, in Stichworten: „Ideologien“, „Terror“, „die Zerstörung der menschlichen Bande“, insbesondere der Familienbande, „die Herrschaft der Bürokratien“. In allen Fällen diskutiert Young-Bruehl Veränderungen, denen Arendts Auffassungen noch zu ihren Lebzeiten unterlagen, ebenso wie die Bedeutung, die den „Elementen“ heute zukommt. Dabei kommen viele Fragen der aktuellen amerikanischen Innen- und Außenpolitik sowie der Weltpolitik zur Sprache: die politische Linie der Bush-Administration nach dem 11. September 2001 – mit den eindeutigen Stellungnahmen der Autorin, dass dieser 11. September nicht ein zweites „Pearl Habour“ gewesen sei (S. 12, S. 61ff.); dass die Rede, es hätte sich um einen „act of war“ gehandelt, das Geschehene eher in gewohnte Denkschemata eingereiht habe als über dessen Neuartigkeit und Besonderheit nachzudenken (S. 65); dass Osama bin Laden nicht Hitler oder Stalin sei (S. 67). Ferner befasst sie sich mit der Frage der atomaren Abschreckung und der Verbreitung von Atomwaffen (S. 51f.); dem weltweiten Problem der Kinderarbeit (S. 53f.); der Verwischung des Unterschieds von kämpfender Truppe und Zivilbevölkerung vor allem in der Taktik des Bombenkrieges während des Zweiten Weltkriegs, später im Vietnamkrieg, schließlich in Afghanistan und im Irak unter der verhängnisvollen Begrifflichkeit des „collateral damage“ (S. 55f.); der Frage von Nationalismus, Supranationalismus und Globalisierung (S. 69ff.)

Im zweiten Kap itel wird The Human Condition (1958) eingeführt als ein kühnes theoretisches „Lexikon“, das für den Leser eine Herausforderung darstellt, weil in ihm bekannte Wörter vollkommen unbekannte Bestimmungen erhalten. (S. 79) Das Buch wird in einen Zusammenhang mit dem mehrere Jahre später veröffentlichten On Revolution (1963) gestellt, von dem Young-Bruehl behauptet, es sei eine „Illustration“ von The Human Condition. (S. 84) Arendts Auffassungen über das Handeln werden erklärt und mit dem Thema Macht vs. Gewalt verknüpft sowie ihre Gedanken zu Versprechen und Verzeihen erläutert, letzteres mit ausführlichen Hinweisen auf neuere Entwicklungen, z.B. die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika. (112ff.) Unter dem Gesichtspunkt des Versprechens gerät die Amerikanische Revolution ins Blickfeld. Das Buch On Revolution sei ein Lobgesang auf alle Institutionen des amerikanischen politischen Systems, auf die weltbildenden Tätigkeiten der Gründenden Väter, die der Fähigkeit, Versprechen zu geben, geschuldet seien und diese lebendig halten sowie die „public happiness“ fördern, welche darin besteht, im öffentlichen Raum Meinungen äußern und Urteile fällen zu können. (S. 128) Die Autorin verweist anschließend auf die Bedeutung, die der Rätegedanke in Arendts politischer Philosophie spielt, und gelangt damit zu einer Diskussion der „revolutionären“ Bewegungen in Osteuropa während und nach dem Kalten Krieg. (131ff.) Doch trotz der „wunderbaren“ Transformationen, die in der ehemaligen Sowjetunion sowie in West- und Osteuropa vor sich gegangen seien, sei der Totalitarismus als Gefahr für die Demokratien nicht von der Bühne verschwunden. Das hätte, so die Autorin, wahrscheinlich auch Arendt so gesehen; denn ihre Sorge in ihrem letzten Lebensjahrzehnt hätte den „Krisen der Republik“ (S. 144) gegolten – auch in Deutschland, der alten Bundesrepublik, wozu sich Arendt in ihrem Vorwort zu Jaspers’ Buch The Future of Germany (1967) äußerte. Das Gespräch wieder auf The Human Condition hinführend, erinnert Young-Bruehl schließlich an das letzte Kapitel des Werkes „Die Vita activa und die Neuzeit“ und Arendts Gedanken zur Konsum-, Technik- oder Arbeitsgesellschaft. Hier diskutiert sie insbesondere die Verformung der „condition humaine“, die dadurch entstanden sei, dass Menschen sich nur 3 noch als „jobholder“ begreifen – „Gedankenlosigkeit“ sei sozusagen vorprogrammiert. (S. 151)

Das letzte Kapitel schließt sich an, indem Young-Bruehl einen großen Bogen durch Arendts Werk schlägt, von The Origins of Totalitarianism über The Human Condition und On Revolution, dann Eichmann in Jerusalem bis hin zu The Life of the Mind. Auf knapp drei Seiten (159-161) kann sie verdeutlichen, wie die Werke zusammenhängen. Mit dem dreiteiligen Alterswerk – Denken, Wollen, Urteilen – habe Arendt, so Young-Bruehls These, einer „neuen Vision, wie Philosophie und Politik vereint werden können“, Ausdruck verliehen. Damit rückt vor allem der letzte, nicht geschriebene Band der Trilogie über das Urteilen in den Vordergrund der Betrachtung, ferner, im persönlichen Leben, die für Arendt wichtigsten geistigen „Männer“ – Heidegger, Jaspers, Blücher – und Denker der Philosophiegeschichte – Sokrates, Augustinus, Kant, Nietzsche. Die Darstellung mündet in drei Fragen des „angewandten“ (praktischen) Denkens: (1) Gibt es eine Ethik, die für Menschen unterschiedlicher moralischer Traditionen so überzeugend ist, dass sie sich darauf einigen können? (2) Wie ist die Liebe, die den Willen (das Ich-will und das Ich-will-nicht) harmonisiert, politisch zu verstehen? (3) Wie können wir uns den kosmopolitischen Raum von Kritikern und Zuschauern vorstellen? Die Antworten fallen knapp und nicht allzu präzise aus, aber die wichtigsten „theoretischen“ Wegmarken von Young-Bruehls „journey of wonder“ werden in ihnen noch einmal erkennbar.

Elisabeth Young-Bruehl, seit vielen Jahren als Psychoanalytikerin tätig, vermittelt ihren Leserinnen und Lesern nicht nur das Staunen mit und über Arendt, sie lässt sie auch staunend zurück – angesichts der Fülle von Gedanken, die sie in diesen schmalen Band packen konnte (die hier erwähnten sind nur eine Auswahl). Nicht immer wird man den mannigfachen Meinungsäußerungen zu aktuellen politischen Fragen in Vergangenheit und Gegenwart zustimmen oder auch Bewertungen, etwa die sehr positive Sicht von Jaspers und Blücher, ohne Abstriche übernehmen wollen. Doch dass Arendt noch immer etwas zu sagen hat und warum das so ist – dieses Hauptanliegen des Buches trägt die Autorin so überzeugend vor, dass zumindest die Rezensentin mit Freude ihre Übereinstimmung kundtun kann.

 

Ursula Ludz

 

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