Ausgabe 1, Band 3 – Mai 2007

Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente. Herausgegeben von Detlev Schöttker und Erdmut Wizisla, Frankfurt 2006

 

In seinem letzten Brief an Hannah Arendt schreibt Walter Benjamin am 9. August 1940 aus dem südfranzösischen Lourdes: “La vive angoisse que me donne l'idee du sort de mes manuscrits se fait doublement poignant." Er sorgte sich sehr um das Schicksal seiner Manuskripte, besonders um seine „Thesen zur Philosophie der Geschichte“, die sich dem Fortschrittsgedanken entgegenstellten. Walter Benjamin hatte Theodor Wiesengrund Adorno zu seinem Nachlassverwalter bestimmt. Zuletzt hatte er dies 1938 bekräftigt. Seither hatte es Anlass zur Beunruhigung gegeben, denn das im wesentlichen in Amerika angesiedelten „Institut für Sozialforschung“ tat sich schwer mit der Veröffentlichung seiner Texte. Benjamin sah sich nicht genügend geachtet und schlimmer noch: das Institut hatte in seine Texte eingegriffen.

Für Hannah Arendt, die Benjamins Auseinandersetzungen mit dem Institut unmittelbar miterlebt hatte und Benjamins Leiden an der Abhängigkeit gekannt hatte, war der Satz in dem Brief, er sorge sich um seine Manuskripte, nach Benjamins Selbstmord ein zweifaches Testament: Sie rettete das Manuskript seiner Geschichtsphilosophischen Thesen und übermittelte diese nach Ihrer Ankunft an Theodor W. Adorno. Ferner bemühte sie sich, Benjamins „Engel der Geschichte“ sowie dessen literarische Arbeiten in Amerika bekannt zu machen. 1947, bei ihrem Vorhaben, im Schocken-Verlag einen Essayband herauszubringen, setzte sie auf die Unterstützung von Gershom Scholem und Bertolt Brecht.

Der von Detlev Schöttker und Erdmut Wizisla herausgegebene Band „Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente“ versammelt nicht nur den Briefwechsel zwischen Arendt und Benjamin, sondern außerdem interessante, bislang unbekannte Dokumente, die Auskunft über die Beziehung geben. Darüber hinaus haben die Herausgeber unter der Überschrift „Sicherung des Nachlasses“ und „Plan einer Benjamin-Edition im Schocken Verlag“ die hartnäckigen Versuche Arendts zusammengetragen, Salman Schocken 1946/ 47 von einem englischen Essay-Band zu überzeugen. Soweit bekannt, ist es damals sogar zu einem Vertrag zwischen Salman Schocken und Sohn Stephan Benjamin gekommen, doch das Projekt wurde fallengelassen, weil Salman Schocken seinen Verlag 1948 „zurückfuhr“, wie man das heute nennt. Arendt verließ den Verlag und beendete ihr Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. 1967 endlich erschien, von ihr zusammengestellt und eingeleitet, in Zusammenarbeit mit Helen Wolff auf Englisch der Band „Illuminations“, der Benjamin in Amerika bekannt machte. Wie es zu dem Titel kam, der ja mit dem in Deutschland veröffentlichten Band identisch ist, obwohl die Textauswahl verschieden ist, wird leider nicht erklärt.

Die Dokumente, die Detlev Schötker und Erdmut Wizisla zusammengetragen haben, spiegeln, wie viele Emotionen in dieser Geschichte von Not der Emigration, Verlust des Freundes und Rettung der Manuskripte bei allen Beteiligten vorhanden war. Benjamins Art, „radikal zur Stelle“ zu sein (Werner Kraft), radikalisierte in gutem Sinne auch das denkerische Engagement seiner Umwelt. Sein früher Tod und die tragischen Umstände haben bei den Überlebenden Hannah Arendt, Gershom Scholem, Theodor W. Adorno heftige Gefühle hinterlassen.

Dass diese Emotionen im Jahr 2006 bei den Herausgebern immer noch nachschwingen, zeigt folgende Passage aus dem Vorwort, „....hier (bei Arendt, MLK) ging es nicht um Fragen der Interpretation: vielmehr verband sich Exegese mit Leidenschaft und Geltungsdrang: Philologie als Wiedergutmachung. Arendt wollte nicht nur eine vernachlässigte Dimension in Benjamins Denken darstellen, sondern sich auch für Verletzungen revanchieren.“ Geltungsdrang, Wiedergutmachung und Revanche werden Arendt als Motive der geistigen Auseinandersetzung unterstellt. Ein merkwürdiges Vokabular. An anderer Stelle im Vorwort heißt es: „Letztlich konnte sie mit Benjamins politischer Metaphysik und Ästhetik nichts anfangen.“ Eine kühne Aussage, wenn man sich beispielsweise Arendts Erzähltheorie ansieht.

Den Herausgebern kommt das große Verdienst zu, interessante Materialien zusammengestellt zu haben, die sich allerdings auf biographische und editorische Aspekte konzentrieren Aus diesen lässt sich nichts schließen über die Frage, welche Spuren Benjamins Werk in Arendts Denken und Werk hinterlassen haben. Der Literaturwissenschaftler Thomas Wild  ist dieser Frage in seiner Dissertation kurz nachgegangen , die noch nicht erschienen ist. Dass Hannah Arendt in ihrem Benjaminessay und -vortrag von 1967/ 68 die Vorurteile der Zeit außer Kraft setzend Heidegger, Brecht und Benjamin miteinander ins Gespräch bringt, wird die Arendt-Forschung tatsächlich noch ausführlicher beschäftigen müssen. Es ist nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der Sprache und dem Traditionsbruch, die diese Dichter und Denker verbindet. Nicht aber eint. Arendts Diktum, dass Benjamin  „dichterisch dachte“, fokussiert auf Benjamins Schreibweisen und Denkbewegungen und deren Möglichkeiten, die Gegenwart neu zu erhellen.

Detlev Schötker und Erdmut Wizisla schreiben, Arendt habe „den Unterschied zwischen dem gegenwartsbezogenen Intentionen Benjamins und der historischen Dimension Heideggers in ihrem Merkur-Aufsatz eliminiert“. Außerdem  sei sie im Unterschied zu Adorno nicht auf die „methodischen Implikationen“ der Geschichtsphilosophischen Thesen eingegangen.  Belegen tun sie derlei Urteile nicht. Die Frage, in welchem Maße gerade die Auseinandersetzung mit Benjamins Thesen zur Geschichte ihre Hauptwerke „Elemente und Ursprünge“ und „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ geprägt haben, kann in einer solchen Dokumentation ohnehin schwerlich aufscheinen. Das ist Stoff für eine nächste Arbeit, in der man sich auf Hannah Arendts Werk weitergehend einlassen muss.

 

Marie Luise Knott

 

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