„Worauf es politisch ankommt, ist limitiert denken lernen”
Zum Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Hans-Jürgen Benedict
Von Thomas Wild
Zwei Briefdokumente (Benedict an Arendt vom 3.6.1967 sowie Arendt an Benedict vom 25.11.1967) der hier verhandelten Korrespondenz sind im Heft 1/2008 der Zeitschrift Mittelweg 36 veröffentlicht worden und im Internet einsehbar unter:
http://www.eurozine.org/articles/2008-07-15-arendt-de.html
Am 2. Juni 1967 wird in Berlin der Student Benno Ohnesorg auf einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen. Die tödliche Kugel hatte ein Westberliner Polizist abgefeuert. Ohnesorgs Tod markiert einen Wendepunkt in der Radikalisierung der westdeutschen Studentenproteste. Einige Jahre später vereinnahmt sogar eine terroristische Gruppe das Datum: Die „Bewegung 2. Juni“, gegründet 1972, rechtfertigte ihre Gewaltaktionen gegen „den Staat“ – einschließlich Entführung und Mord – mit der Parole: „Sie haben zuerst geschossen.“
Am Tag nach der Ermordung Benno Ohnesorgs, am 3. Juni 1967, setzt sich der Doktorand Hans-Jürgen Benedict in Marburg an seine Schreibmaschine und tippt einen langen Brief an Hannah Arendt. Wie Ohnesorg, war Benedict damals in kirchlichen Kreisen aktiv; später wird er zur kirchlichen Protestbewegung forschen und publizieren. Die politische Stimmung in der Bundesrepublik, auf die Benedict im Verlaufe des Briefes explizit eingehen wird, spricht breits aus seinem: „Als ich in diesen Tagen Ihr Buch Die Ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus wiederlas [...]“.
Die Frage nach „Revolution“ und die Frage nach neuen Formen von „Imperialismus“ und „Totalitarismus“ lagen in der Luft. Fragend ist auch der Gestus von Benedicts Schreiben – kritisch nachfragend: Ob die scharfen Urteile und der „Aufwand“, mit dem Arendt in ihrem Buch von 1958 „den russischen Imperialismus verdammt“ habe, nicht „fragwürdig“ geworden seien? Ob es angesichts des Wandels in der Innenpolitik sowie der um Koexistenz bemühten Außenpolitik Kossygins nicht mittlerweile ungerecht sei, den „russischen Kommunismus mit dem Etikett Totalitarismus“ zu versehen? Zwinge die aktuelle politische Lage nicht dazu, Arendts Buchtitel umzuformulieren: „Der Vietnamesische Krieg und der amerikanische Imperialismus“? Und bestimmt schließlich, anders als Arendts Trennung von Sozialem und Politischem nahelegt, nicht vor allem das Elend und die Armut in der Dritten Welt das Gebot der Stunde, so dass es „uns angeht und auch an uns liegt, wenn in Persien, Vietnam oder Brasilien unwürdige Zustände herrschen“? Hans-Jürgen Benedict lässt keinen Zweifel, welche Bedeutung er Arendts Reaktion beimisst: „Ihre Antwort auf diese Fragen würden nicht nur eine große Hilfe für uns sein, sondern auch unsere Opposition stärken.“
Was Arendt am 25. November 1967 zurück schrieb, nachdem sie der Brief über einige postalische Irrwege erreicht hatte, dürfte den Empfänger überrascht haben. „Sie haben“, meint Arendt zur veränderten Situation des Totalitarismus in Russland, „mit Ihren Einwänden recht; es sind heute auch die meinen.“ Als Anlage schickt sie das aktualisierte Vorwort zur Auflage der Origins of Totalitarianism von 1966 mit; darin erklärt Arendt, sie sehe keinen Grund, die jüngsten Ereignisse in Russland in der Neuauflage zu berücksichtigen, da es nach Stalins Tod „einen echten, wenn auch nie unzweideutigen, Abbau totaler Herrschaft“ gegeben habe („an authentic, though never unequivocal, process of detolitarization“, ebd., S. xxv). Außerdem legt sie ein neues, noch unveröffentliches Vorwort zum Imperialismus-Kapitel desselben Buches bei; auch hier plädiert Arendt für eine Eingrenzung dessen, was ihre Begriffe zu fassen vermögen: Die historischen Analogien, die augenblicklich oft bemüht würden, das Münchner Abkommen von 1938 und den unerklärten Krieg der USA in Vietnam als korrespondierende Epiphänomene eines in der Folge weltzerstörerischen Imperialismus zu interpretieren, sei verständlich, aber verfrüht, wenn nicht gar verfehlt. Es sei nicht so, „daß die Würfel gefallen sind und wir in eine neue Epoche imperialistischer Politik eintreten, noch daß Imperialismus unter allen Umständen am Ende zu den Katastrophen totaler Herrschaft führen muß“, erinnert Arendt an die Wichtigkeit präziser Unterscheidungen sowie an den nicht-notwenigen Verlauf von Geschichte: „Wieviel wir auch aus der Vergangenheit lernen mögen, sie wird uns nicht lehren, die Zukunft zu lesen“ („ [...] does not mean, of course, either that the dice is cast and we are entering a new period of imperialist policies or that imperialism under all circumstances must end in the disasters of totalitarianism. No matter how much we may be capable of learning from the past, it will not enable us to know the future”; ebd., S. xxii).
Im Brief an Benedict hebt Arendt den Subtext ihrer Gedanken an die Oberfläche: „Worauf es politisch ankommt, ist limitiert denken lernen.“ Die unwürdigen Zustände in aller Welt verändern zu wollen, sei eine Art „umgekehrter Groessenwahnsinn, [...] auch wenn er sich hinter sehr erhabenen Gefuehlen verbirgt“. Dem „uns“ von Benedicts Erwartung, Arendt möge stärkende Worte für „unsere Opposition“ senden, entgegnet sie mit einem mehrfach distanzierenden „Ihr“: „Und wenn Ihr meint, etws Derartiges [i.e. Widerstand] in Vietnam wahrzunehmen, seid Ihr aber gruendlich auf dem Holzweg. [...] Ihre Verantwortung ist zu verhindern, dass in Deutschland unwuerdige Zustaende herrschen und dass Studenten, die demonstrieren, totgeschossen werden.“ Politisches Denken bedeutet für Arendt, den Blick für das menschliche Maß zu wahren. „Wenn man anfängt zu verallgemeinern“, so Arent im Brief an Benedict, gerieten die Kategorien in Konfusion. Allzu leicht übernehme dann die schlussfolgernde Kraft des Denkens das Kommando und man vergesse, was für das politische Urteilsvermögen entscheidend sei: „den gesunden Menschenverstand“.
Im Interview mit Adalbert Reif spitzt Hannah Arendt 1970 ihre Sicht auf die Studentenproteste und die Neue Linke in Deutschland zu: „Die theoretische Sterilität dieser Bewegung ist ebenso auffallend und deprimierend, wie ihre Lust am Handeln zu begrüßen ist“ (in: Hannah Arendt, Macht und Gewalt, München 1970, S. 111). Das Wort von der „Dritten Welt“ etwa ergebe nur Sinn, wenn man viele entscheidende Unterschiede ignoriere zugunsten der alleinigen Dichotomie von Unterdrücker und Unterdrückten. „Diese imperialistische Einebnung aller Besonderheiten“ zeuge davon, dass die Neue Linke ein altes Phänomen wiederhole: „das Hereinfallen auf jedes Schlagwort, die Unfähigkeit zu denken, bzw. der Widerwille dagegen, Phänomene zu sehen, wie sie wirklich sind, ohne auf sie sofort Kategorien anzuwenden, durch die man sie glaubt klassifizieren zu können. Das ist eben die theoretische Hilflosigkeit“ (ebd., S. 117).
So weit geht Arendt in ihren Formulierungen gegenüber Benedict nicht. Vielleicht wäre sie es, hätte sie auf den zweiten Brief geantwortet, den er – mittlerweile wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bochum – im Dezember 1967 an sie schrieb; Benedict veröffentlichte seine Argumente später, wie Wolfgang Kraushaar im Kommentar zum Briefwechsel mitteilt, unter dem Titel „Totalitarismus und Imperialismus im Jahre 1967. Fragen an Hannah Arendt“ in dem Band Weltfrieden und Revolution (hg. von Hans-Eckehard Bahr, Reinbek 1968, S. 95 – 105). Er wolle sich noch einmal „zum Anwalt der UdSSR“ machen, beginnt Benedict seine Replik im Brief an Arendt. Er wirft ihr vor, sie wolle die Leser in ihrem neuen Vorwort des Totalitarismus-Buches mit alten „Gruselgeschichten aus Stalins letzten Tagen“ schrecken. Was die USA angehe, sei der Eintritt in die „imperialistische Ära“ nicht mehr zu dementieren und der Irrweg der Regierung, „wehrlose Völker zu kujonieren“, durch „keine konstitutionellen Bremsen“ mehr aufzuhalten. In Deutschland habe sich viel getan: Hochschulreform, Proteste gegen die Springer-Presse, Bewegungen gegen die Notstandsgesetzgebung – und als Katalysator aller Initiativen immer wieder „Vietnam“. Kann das alles falsch sein? Gewiss, er könne nicht auf die gleichen Lebenserfahrungen zurückgreifen wie Arendt – „Zeitgenossin Hilters und Stalins“ – aber er habe als Jugendlicher Bernhard Wickis Die Brücke und Alain Resnais’ Nacht und Nebel gesehen Mit „Tränen des Mitleides, aber auch der ohnmächtigen Wut“ habe er damals erkannt, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. In den Fernsehdokumenten aus Vietnam kehrten diese Bilder nun wieder: „Folterungen, gehetzte Flüchtlinge, body count“. Arendts „kühle, fast unbarmherzige Bemerkungen“ zu seiner Solidarität mit Vietnam könne er daher nicht verstehen.
„Es gibt einen scheinbaren Radiaklismus, der nicht so sehr das Kind mit dem Bade ausschüttet als vielmehr durch Parallelen, bei denen sich irgendein Generalnenner darbietet, vieles Partikulare unter ein Allgemeines subsummiert, wobei das konkret Sich-Ereignende als Fall unter Fällen verharmlost wird“, schrieb Hannah Arendt an Hans Magnus Enzensberger anlässlich eines Streitgesprächs über dessen Essaysammlung Politik und Verbrechen, abgedruckt als offener Briefwechsel im Merkur Heft 4/ 1965. Bei Enzensberger, der nicht Vietnam, sondern Hiroshima und Auschwitz unter dem Generalnenner von „Endlösungen“ verbrecherischer Politik miteinander verknüpfte, hatte Arendt ähnliche „Kurzschlüsse“ kritisiert wie bei Benedict. Die Gefahr liege im Metier, so Arendt, als Denker von Gewerbe könne man ihr nur begegnen „durch den immer erneuten Versuch, sich am Konkreten festzuhalen und Unterschiede nicht zugunsten von Konstruktionen zu verwischen.“
Vielleicht dem Vorbild des Briefwechsels mit Enzensberger folgend, schlagen Hans-Jürgen Benedict und Hans-Eckehard Bahr, Professor für Theologie in Bochum, im Januar 1968 Arendt vor, die Korrespondenz mit Benedict in dem Rowohlt-Band Weltfrieden und Revolution zu veröffentlichen, das die beiden herauszugeben planen. Ein Ansinnen, das Hannah Arendt jedoch am 7. Januar 1968 absagt: „Ich will den Briefwechsel nicht veröffentlicht haben“. Sie schreibe Briefe nicht für Publikationen, hätte sich unter dieser Bedingung auch nicht auf die Korrespondenz eingelassen: „Eine Rede ist keine Schreibe, und ein Brief ist kein Aufsatz.“ Aber wenn sie mit ihr diskutieren wollten, gemeinsam mit Studenten, wie Bahr und Benedict parallel vorgeschlagen hatten, käme sie gerne einmal in beider Seminar an der Universität Bochum. Bereits im ersten Brief an Benedict schrieb Arendt: „Nun will ich versuchen zu antworten; wie schade, dass das schriftlich geschehen muss.“ Das Sprechen und die Spontaneität einer persönlichen Begegnung hätte das, was sie miteinander verbindet sowie das, was sie voneinander trennt, unmittelbar zur Erscheinung gebracht: eine konkrete Erfahrung von „Welt“, ein politisch bedeutsames Zwischen.
Links:
Mittelweg 36, Heft 1/2008:
http://www.his-online.de/cms.asp?IDN=356&Plugin=11&H=%27938%27&T=0&MW=2&ID=106
Kommentar zum Briefwechsel Arendt-Benedict von Wolfgang Kraushaar:
http://www.eurozine.com/articles/2008-07-15-kraushaar-de.html